GESUNDHEIT: Bewegung wirkt positiv auf die Psyche

Die sportlichen Aktivitäten von Jugendlichen haben eher abgenommen. Dabei wären sie enorm wichtig. Was können Eltern beitragen?

Simone Hinnen
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Sportliche Action ist nach wie vor angesagt, wie hier im Skatepark Hitzkirch. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Sportliche Action ist nach wie vor angesagt, wie hier im Skatepark Hitzkirch. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Jvo Schneider*, jüngst berichtete uns eine Oberstufen-Turnlehrerin, dass die Beweglichkeit ihrer Schüler in den letzten Jahren rapide abgenommen habe. Gehen Sie mit ihr einig?

Schneider: Allgemein weiss man, dass die sportliche Aktivität der Kinder und Jugendlichen in Sportvereinen in den vergangenen zwanzig Jahren zurückgegangen ist. Allerdings würde ich nicht überdramatisieren, nach wie vor sind viele Jugendliche sportlich aktiv.

Und trotzdem muss es tendenziell mehr Jugendliche geben, die sich weniger bewegen. Warum ist das so?

Schneider: In der Pubertät nimmt der Bewegungsdrang im Vergleich zur Kindheit ab. Sind die längeren Schulwege dann auch noch nicht optimal ausgebaut, um etwa mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, nehmen die Jugendlichen den Bus oder den Zug und bewegen sich so automatisch weniger. Dann sind die Eltern gefordert, die Jugendlichen zum Sporttreiben zu animieren. Ansonsten bewegen sie sich tatsächlich weniger oder verbringen gar zu viel Zeit vor dem Bildschirm.

Ist der Computer eines der Hauptprobleme, was das nachlassende Interesse am Sport anbelangt?

Schneider: Die Bildschirmzeit hat sicher zugenommen. Allerdings sind mir bislang keine Studien bekannt, in welchen die Auswirkung der neuen Medien auf das Freizeitverhalten der Jugendlichen aufgezeigt worden wären. Generell ist zu sagen: Die Zeit, welche Jugendliche vor dem Bildschirm verbringen, ist nicht wirklich aussagekräftig in Bezug auf ihr Sportverhalten. Denn vielleicht verbringen sie ja danach genauso viel Zeit beim Sport. Darüber hinaus gibt es auch jene Jugendlichen, die viel lesen. Diese bewegen sich während der lesenden Zeit auch nicht. Aber es würde sich auch auch niemand gegen viel Lesen aussprechen.

Gab es denn nicht früher schon Jugendliche, die weniger Sport betrieben haben als andere?

Schneider: Sicher. Interessant ist übrigens auch der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status der Eltern und Übergewicht von Jugendlichen. Der Nachwuchs von besser gestellten Familien kämpft klar mit weniger Übergewichtsproblemen als Kinder aus weniger gut gestellten Schichten. Dies kann unter anderem daran liegen, dass sich diese ganz allgemein im Alltag weniger bewegen.

Warum ist Sporttreiben überhaupt so wichtig für uns?

Schneider: Bei der sportlichen, kompetitiven Aktivität im Verein geht es etwa darum, sich mit anderen zu messen, etwas zu leisten und einen Ausgleich zu kopflastigen Ausbildungen zu schaffen. Zudem können die Jugendlichen je nach Sportart auch lernen, in einem Team zu funktionieren. Dies ist eine gute Lebensschule.

Und die Bewegung im Alltag – wozu ist diese wichtig?

Schneider: Sie trägt dazu bei, die psychische Gesundheit zu erhalten. Denn Bewegung kann sich positiv auf die Psyche der Jugendlichen auswirken. Befinden sich die Jugendlichen in einer generell schwierigen Situation, oder stehen sie vor dem schwierigen Entscheid der Berufswahl, können sowohl Sport als auch Bewegung die Körperhaltung verbessern, und zusammen mit ausgewogener Ernährung haben die Jugendlichen so eine bessere Energiebilanz, was dem Erhalt eines gesunden Körpergewichts dient.

Sportliche Kinder und Jugendliche können sich aber auch besser konzentrieren und haben mehr Ausdauer, beteuern Fachleute. Stimmt das?

Schneider: So ist es. Es gibt Primarschulen, die inzwischen Bewegung gezielt in die Schulfächer einbauen, weil sich die Schüler so beispielsweise Französischwörter besser merken können.

Zu viel Druck seitens des Elternhauses wiederum ist aber auch nicht gut?

Schneider: Aus pädagogischer Sicht macht dies wenig Sinn. Für das Wohl des Jugendlichen ist es nicht förderlich, wenn Eltern ihre Kinder in einem stark kompetitiven Umfeld unverhältnismässig fördern. Dies kann sogar der Gesundheit schaden. Ganz generell ist es von Vorteil, wenn die Jugendlichen verschiedene Sportarten ausprobieren können. Und aus Sicht der Eltern ist es wichtig, dass sie Bewegung, nicht aber Leistungsorientierung, in den Alltag einbauen.

Bei uns in der Schweiz werden schon drei Wochenstunden Sport hinterfragt. Warum sind wir so wenig für Sport in der Schule zu begeistern?

Schneider: Dies hat primär mit dem Druck zu tun, der ganz generell auf der Schule lastet. Da heisst es dann schnell, aufgrund der Pisa-Studienergebnisse müssten jetzt noch stärker die mathematischen Fächer gefördert werden. Dabei geht vergessen, dass es genauso förderlich sein könnte, den Jugendlichen mehr Bewegung zu ermöglichen, um so ihre Konzentration zu fördern, was sich wiederum positiv auf die Mathematik auswirken kann.

Täuscht der Eindruck, oder wird im angelsächsischen Schulsystem mehr Wert auf sportliche Aktivitäten gelegt?

Schneider: Im Prinzip stimmt das. Oberstufenschüler in England haben zwar nur zwei Wochenstunden obligatorischen Sport, dafür werden nach der Schule viel mehr Sportarten im Freifach angeboten. Und die Politik empfiehlt, diese Freifächer zu nutzen. Da gibt es dann bereits Sportangebote vor der Schule, solche, die über den Mittag stattfinden und jene, die für nach der Schule vorgesehen sind.

So etwas fehlt in der Schweiz?

Schneider: Wir haben etwa die Midnight-Projekte, die gut besucht sind, allerdings in der Tendenz verstärkt am Wochenende stattfinden. Jugendliche können beispielsweise in einer offenen Turnhalle Basketball spielen bis um Mitternacht. Dies geht in die richtige Richtung.

Wie läuft es in Amerika?

Schneider: Dort ist die Schule meistens zwischen 14 und 15 Uhr zu Ende. Dann haben die Schüler die Möglichkeit, ein ausserschulisches, fakultatives Sportangebot zu nutzen. Der Nachteil: Die Angebote sind meist relativ kompetitiv ausgerichtet. Dies führt dazu, dass in der Regel nur die besten Talente daran teilnehmen können, was wiederum zum Nachteil all jener ist, die nicht ganz so talentiert sind, aber genauso viel Spass am Sport haben.

Derzeit wird der Lehrplan 21 für alle deutsch- und mehrsprachigen Kantone ausgearbeitet. Wird darin dem Sport höheres Gewicht beigemessen?

Schneider: Daran sollte noch vermehrt gearbeitet werden. In Bezug auf die Bewegungsförderung sollten in diesem Lehrplan starke Akzente gesetzt werden. Dies wäre zumindest wünschenswert.

Welche Tipps können Sie Eltern geben, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder zu mehr sportlicher Aktivität animieren können?

Schneider: Wichtig ist sicher die Vorbildfunktion. Indem Eltern nicht nur das Auto benutzen, sondern auch mit dem Velo zur Arbeit, zum Sport oder zum Einkaufen fahren, leisten sie sehr viel Vorarbeit. Dann macht es Sinn, gemeinsam mit den Jugendlichen die Sportangebote in der Gemeinde durchzugehen und zu eruieren, welche Angebote auf Interesse stossen könnten, um diese dann auszuprobieren. Das Internet kann hier eine wertvolle Quelle sein.

Hinweis:

Jvo Schneider, 37, ist Co-Leiter des Programms «Gesundes Körpergewicht», das von der Gesundheitsförderung Schweiz betrieben wird.