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GESUNDHEIT: Diesel und Krebs: Wie ein Krimi

Wie die Tabaklobby, verstehen sich auch die Ölindustrie und die Autoverbände auf das Verharmlosen und Verwedeln von wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Lajos Schöne
Unterdrückte Gefahr: Auch Dieselabgase können Lungenkrebs verursachen. (Bild: Getty)

Unterdrückte Gefahr: Auch Dieselabgase können Lungenkrebs verursachen. (Bild: Getty)

Lajos Schöne

Die öffentliche Diskussion um manipulierte Abgaswerte von Dieselfahrzeugen dreht sich um Strafen für die Hersteller, Schadenersatz für die Kunden oder drohende Fahrverbote. Ein für die Gesundheit der Bevölkerung wesentlich wichtigerer Aspekt des Themas kommt dabei zu kurz: die Verharmlosung von Dieselemissionen als Auslöser unter anderem von Lungenkrebs.

Allein in der Schweiz sterben laut Bundesamt für Umwelt pro Jahr etwa 3000 Personen an den Folgen der Luftverschmutzung, 300 davon an Lungenkrebs. Das sind knapp 10 Prozent aller durch diese Krankheit verursachten Todesfälle. Als deren Hauptursache gilt unbestritten das Rauchen. Und dagegen wird unablässig ein Kampf geführt – aktuell mit der Forderung nach rauchfreien Spielplätzen und Bahnhöfen.

Seit über 80 Jahren unter Verdacht

Andere mögliche Verursacher des oft tödlich verlaufenden Lungenkarzinoms sind in öffentlichen Diskussionen kaum der Rede wert. «Dabei stehen seit über 80 Jahren auch die Dieselabgase unter Verdacht, an der Entstehung von Lungenkrebs beteiligt zu sein» sagt der Münchner Arzt Peter Schnabel. Er ist Mitarbeiter der Forschungsgruppe «Noxenkatalog-Datenbank» an der Technischen Universität München (TUM) und hat jetzt über die kontroverse wissenschaftliche Aus­einandersetzung eine umfang­reiche Dokumentation erstellt. Sie liest sich streckenweise wie ein Kriminalroman.

Es waren englische Mediziner, die 1935 als erste auf gesundheitliche Konsequenzen von Dieselmotoren für die Bevölkerung hinwiesen. Bei ihrer mit «Dieselrauch» durchgeführten Langzeitexpositionsstudie an Mäusen hatten sich bei Versuchstieren bösartige Hauttumore und bei etwa zwei Prozent auch Lungentumore gebildet. Obwohl in den folgenden Jahren in einer Reihe von Studien die karzinogene Wirkung von Dieselabgasen bestätigt wurde, gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dem Druck der Ölindustrie nach und stellte noch 1967 einen Persilschein für die Emissionen aus. Ihre wissenschaftliche Unterorganisation IARC (International Agency for Research on Cancer) vertrat die Meinung: «Die vermeintlichen gesundheitsschädigenden Wirkungen gründen sich ausschliesslich auf einer gefühlsmässigen Abneigung und der verständlichen Empörung beim Anblick des schwarzen Rauchs, der von nicht ordnungsgemäss gewarteten Fahrzeugen ausgestossen wird.» Die Autoren einer einschlägigen Publikation sahen auch 1992 noch keine Gefahr durch Dieselrauch: «Würden Dieselfahrzeuge heute verboten, änderte sich nichts an den Statistiken zur Krebshäufigkeit in Städten. Das Risiko ist in etwa mit dem zu vergleichen, vom Blitz getroffen zu werden.»

Gleiche Strategie wie beim Tabak

Wie Peter Schnabel herausfand, gehörte einer der Autoren zu einer von der Industrie unterstützten toxikologischen Institution. Derartige Publikationen lassen die Strategie erkennen, mit denen die Dieselindustrie über Jahrzehnte versucht hat, ihre Produkte nach dem bewährten Vorgehen der Tabakindustrie vor dem Makel der Karzinogenität zu bewahren. Die Strategie lautete, neue wissenschaftliche Erkenntnisse erst einmal in Frage zu stellen: Kontroverse! Widerspruch! Andere Einflüsse! Unklarheiten!

Unter dem Einfluss der Ölindustrie und der Autoverbände wurden über Jahre zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten mit der Absicht publiziert, die Ergebnisse anderer Autoren in Zweifel zu ziehen. Schnabel: «Nach diesem Zweck wurden jeweils ‹neue Erkenntnisse› präsentiert. Dabei handelte es sich nicht um ‹neue› und vor allem nicht um Erkenntnisse aus eigenen wissenschaftlichen Tätigkeiten, sondern um die Veröffentlichung wortreicher Kritiken an Arbeiten von anderen Autoren, die einen Zusammenhang zwischen Dieselabgasen und Lungenkrebs nachgewiesen hatten.»

Die Strategie lässt sich exemplarisch an zwei Publikationen darstellen, die schnell noch unmittelbar vor der entscheidenden Sitzung der IARC zur Neubewertung der Karzinogenität von Dieselabgasen im Jahre 2012 erschienen sind. Schnabel: «Auf über 30 bis 40 Seiten wird der Leser mit einer nahezu unüberschaubaren Fülle an wortreich und langatmig dargelegten und interpretierten Ergebnissen fremder Publikationen und einem entsprechend voluminösen Literaturverzeichnis konfrontiert. Wo berechtigte Zweifel an einer Interpretation aufkommen könnten und angebracht sind, wird mit Störfaktoren, Messfehlern, statistischen Fehlern und dergleichen mehr dagegen argumentiert.»

Giftig wie Asbest oder Arsen

Dieses Mal jedoch hatte die Vernebelungsaktion ihr Ziel verfehlt: Am 12. Juni 2012 hat die WHO Dieselmotorenemissionen als definitiv krebserregend eingestuft und somit auf eine Stufe mit Asbest und Arsen gestellt. Die WHO sieht damit einen kausalen Zusammenhang zwischen Komponenten der Abgase und der Entstehung von Lungenkrebs. Benzinabgase werden weiterhin als «wahrscheinlich krebserregend» bewertet.

Doch ob Diesel oder Benzin: Mit Vorstössen in diese Richtung kann man nach wie vor kaum punkten in der breiten Öffentlichkeit. Forderungen nach rauchfreien Bahnhöfen und Spielplätzen haben es da einfacher.

Hinweis

Die mit umfangreichen Quellenangaben untermauerte Dokumentation Peter Schnabels kann unterwww.noxenkatalog.de auf Anfrage eingesehen werden.

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