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GESUNDHEIT: Es ist wieder Sommerzeit

Die Sommerzeit ist weiter unter Beschuss. Sie soll auch die Zahl von Fehlgeburten erhöhen. Erstaunlich bleibt trotzdem, dass andere Formen von Zeitverschiebungen meist klaglos hingenommen werden.
Hans Graber
«Was, schon Morgen? Dabei bin ich doch noch sooo müde …»: An die Sommerzeit muss sie sich erst gewöhnen. (Bild: Reggie Casagrande/Getty)

«Was, schon Morgen? Dabei bin ich doch noch sooo müde …»: An die Sommerzeit muss sie sich erst gewöhnen. (Bild: Reggie Casagrande/Getty)

Hans Graber

Da fehlt doch was heute Sonntag. Genau, diese eine Stunde, die man uns nachts um 2 Uhr weggenommen hat. Es ist wieder Sommerzeit, und wie jedes Jahr seit ihrer Einführung (in der Schweiz 1981) stimmen auch diesmal die Gegner ein Lamento an.

Die renommierte deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» schrieb letzte Woche in einem Kommentar auf ihrer Frontseite von einem «chronischen Ärgernis», das endlich abgeschafft gehöre. Laufend neue Studien würden belegen, dass die Sommerzeit ein Stress für den Köper sei. Für eine Abschaffung dieser «chronobürokratischen» Massnahme spreche ferner die breite Ablehnung in der Bevölkerung. Drei von vier Deutschen hätten sich 2016 in einer Umfrage gegen die Sommerzeit ausgesprochen.

Das Leserecho war gross. Der Ärger auch. Allerdings galt der Unmut nicht der Sommerzeit, sondern der Zeitung. «Gähn. Jedes Jahr wird dieselbe Sau durchs Dorf getrieben. Als wenn sämtliche Schlafstörungen auf diese einmalige Stunde zu schieben sind», schrieb einer. Keine Einzelmaske. Geschätzte drei von vier Online-Kommentaren sprachen sich hier für die Sommerzeit aus. Sie freuen sich unter anderem auf längere sonnenhelle Sommerabende in der Gartenbeiz oder zu Hause auf dem ­Balkon.

Eingriff in den Schlaf- Wach-Rhythmus

Einer der Fachleute, die sich zuvor in der «Zeit» kritisch geäussert hatten, ist Jens G. Acker, Chefarzt an der Klinik für Schlafmedizin in Bad Zurzach AG. «Die Umstellung auf Sommer- und Winterzeit ist ein Eingriff in den normalen Schlaf-Wach-Rhythmus, beides hat im Endeffekt eine Abweichung von der natürlichen Anpassung an den Wechsel der Jahreszeiten zu Folge», präzisiert er gegenüber unserer Zeitung. Diese Eingriffe sollte man gemäss dem Schlafexperten nicht bagatellisieren. «Jedenfalls nicht, solange die tatsächlichen Auswirkungen dieser Rhythmusstörungen unklar sind.»

Die von Acker postulierte Vorsicht wird durch eine Reihe von Studien über die Nebenwirkungen der Zeitumstellung gestützt. Die neuste ist im Februar im Fachblatt «Chronobiology International» erschienen. Wissenschafter des Boston Medical Center haben herausgefunden, dass sich bei Frauen nach In-vitro-Fertilisationen (Methode zur künstlichen Befruchtung) die Zahl der Fehlgeburten signifikant erhöhte, wenn ihnen der Embryo in den ersten drei Wochen nach der Zeitumstellung eingepflanzt worden war. Zu jener Zeit also, da sie ihre innere Uhr neu justieren mussten. Fand die Einpflanzung kurz vor der Umstellung statt oder erst mindestens sechs Wochen danach, lag die Fehlgeburtenrate deutlich tiefer.

Mehr Schlaganfälle und Herzinfarkte

Finnische Mediziner um Jori Ruus­kanen von der Universität Turku haben in einer 2015 publizierten Studie festgehalten, dass sich in den ersten zwei Tagen nach der Umstellung die Zahl der Schlaganfälle um 8 Prozent erhöhte. Ein Team um Inge Kilchberger vom Klinikum Augsburg hat 25000 Patientendaten aus 25 Jahren ausgewertet. Ergebnis: In den ersten Tagen nach der Umstellung stieg das Herzinfarktrisiko bei Männern an. Studien israelischer Wissenschafter wiederum legen nahe, dass die Zeitumstellung auch den Biorhythmus der Darmflora aus dem Takt bringen kann.

Solche Ergebnisse sind zwar mit Bedacht zu interpretieren, zumal Zahlen erst einmal nur mögliche Zusammenhänge aufzeigen, aber noch keine Kausalität. Doch ernst nehmen und weiter vertiefen sollte man die Forschungsarbeiten trotzdem.

Sommerzeit ist nicht das alleinige Problem

Jens G. Acker weist aber auch dar­auf hin, dass es nicht die Sommerzeit alleine ist, welche unsere innere Uhr aus dem Lot bringt: «Leider haben wir uns heute allgemein weit von unserem natürlichem Rhythmus entfernt.»

Viele Menschen halten sich meist in geschlossenen Gebäuden mit künstlichem Licht auf, in den Wintermonaten kommen grosse Teile der Bevölkerung überhaupt nicht ans Tageslicht. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Auswirkungen von Schichtarbeit auf die Gesundheit. «Unser Rhythmus wird zumindest teilweise fremdbestimmt», sagt Acker, «auch durch die Sommerzeit, sie ist ein Eingriff auf Bevölkerungsebene.»

Kann das, was unter Zwang erfolgt, unseren Schlaf womöglich speziell beeinträchtigen? «Da ist vermutlich tatsächlich viel Psychologie mit im Spiel, Menschen suchen oft nach einem Schuldigen für ihre Schlafprobleme», sagt dazu Eva Birrer, Leiterin Schlafmedizin und Therapien an der Seeklinik Brunnen. Ist ein Schuldiger erst einmal ausgemacht, besteht die Gefahr, dass man sich darauf fixiert, was eine allfällige Schlafstörung noch verstärken kann.

Weshalb die Umstellung im Herbst einfacher ist

Auch Eva Birrer stellt keineswegs in Abrede, dass es insbesondere durch die Umstellung im Frühling zu mehr Unfällen und Infarkten kommen kann. «Das ist nicht zu verharmlosen.» Andererseits gebe es im Herbst eine Art Ausgleich: «Dann haben wir eine Stunde mehr Schlaf, wir drehen die Uhr in jene Richtung, welche die meisten von uns bevorzugen. Der Tag wird eine Stunde länger, und damit bekunden wir weit weniger Probleme.»

Das deckt sich mit der Erfahrung, dass Menschen den berühmt-berüchtigten Jetlag nach Flugreisen Richtung Osten wesentlich belastender empfinden als nach einem Flug Richtung Westen. Dies liegt daran, dass Richtung Westen die Zeit nach «hinten» verschoben wird, der Tag wird so länger, was der Körper besser verkraftet. Bei Flugreisen in Richtung Osten verschiebt sich die Zeit hingegen nach «vorne», der Tag wird stark verkürzt.

Anders als die zwangsverordnete Sommerzeit geben die Folgen einer zumeist freiwillig angetretenen Flugreise aber kaum je zu Klagen Anlass. Im Gegenteil, seinen Jetlag trägt man eher wie ein Statussymbol mit sich herum.

Und wie ist es mit der Schichtarbeit, die Betroffene weit häufiger zu Umstellungen nötigt als die Sommerzeit? Jens G. Acker von der Klinik für Schlafmedizin in Bad Zurzach: «Es gibt optimierte Schichtsysteme, die aus medizinischer Sicht für die meisten Arbeitnehmer vorteilhaft wären. In der Realität werden diese aber oft nicht umgesetzt, weil unter anderem weniger freie Zeit am Stück bleiben würde, zudem nehmen dies viele Schichtarbeiter wegen der damit verbundenen Zulagen in Kauf.» Anders gesagt: Wenn Gesundheit und Geld gegeneinander abgewogen werden müssen, entscheiden sich die meisten eher fürs Geld.

Wie man der Umstellung trotzen kann

Nun kriegt man zwar kein Geld, wenn man die Sommerzeit erträgt, aber jene, die sich schwertun damit, können vielleicht ­anderweitig profitieren. «Wer Probleme hat, sollte jetzt wenn möglich abends helles Licht vermeiden, da es die körperliche Anpassung erschwert», rät Acker. Es sei nun die ideale Zeit für einen Kinobesuch, ein Candlelight-Dinner oder ähnliche Aktivitäten. Das könnte also trotz allem doch noch ganz nett werden.

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