GESUNDHEIT: Herz ist auch Frauensache

Frauen denken oft, dass sie weniger von Herzinfarkt & Co. betroffen sind als Männer. In Tat und Wahrheit ist es aber gerade umkehrt.

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Herz ist auch Frauensache (Bild: Getty)

Herz ist auch Frauensache (Bild: Getty)

«Statt immer nur Angst zu haben vor Brustkrebs, sollten wir mehr an unser Herz denken», sagt Christine Attenhofer Jost. Sie ist Professorin und Ärztin am Herz-Gefäss-Zentrum der Zürcher Hirslanden-Klinik Im Park und setzt sich mit der Schweizer Herzstiftung dafür ein, dass Frauen ihrem Herz mehr Beachtung schenken. Der Grund: Viele Frauen (und auch Männer) glauben nach wie vor, dass Herzinfarkt, Hirnschlag und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen weitgehend Männerprobleme seien. Tatsache aber ist, dass rund 37 Prozent der Frauen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung sterben, bei Männern sind es «nur» rund 33 Prozent.

Häufigste Todesursache

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei Frauen die häufigste Todesursache, Tumore folgen mit 23 Prozent an zweiter Stelle. Das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, ist zwölfmal höher als bei Brustkrebs. Und trotzdem gilt der Krebsprävention weit mehr Aufmerksamkeit als dem Herz. Womit nichts gegen die Mammografien und andere Krebsvorsorgemassnahmen gesagt sein soll, erstaunlich für Attenhofer Jost ist aber trotzdem, dass von Herz-Prävention wenig die Rede ist.

Eine mögliche Erklärung: Männer sind bei einem Erstinfarkt oft um die 60 Jahre alt, Frauen knapp 70. Das höhere Alter kann die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen. Wer 60 ist, steht meist noch im Berufsleben. Wer 70 ist, gilt zwar noch nicht als alt, hat aber die Schwelle zur Pensionierung schon klar überschritten, und da kommen halt – so die vorherrschende Meinung – nach und nach die Gebresten, und auch das Herz mag nicht mehr so wie früher. Alles normal – wirklich?

Nein, eben nicht. 70-jährige Schweizer Frauen haben heute eine durchschnittliche Lebenserwartung von noch 18 Jahren, Männer von 15 Jahren. Wer zu sich Sorge trägt, hat gute Aussichten, über den Schnitt zu kommen. Aber allzu oft herrscht Bedenkenlosigkeit vor, gerade bei Frauen. «Herzprobleme? Ich doch nicht.»

Bei der Arteriosklerose («Arterienverkalkung») verursachen Ablagerungen von Cholesterin, Bindegewebe und Kalk in der Gefässwand, dass diese verengt werden. Dadurch wird der Herzmuskel weniger durchblutet und erhält weniger Sauerstoff. Es kommt zu einer koronaren Herz­erkrankung, die sich beispielsweise durch Angina pectoris (Brustenge) oder Atemnot bemerkbar macht, zudem drohen Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche (Herzinsuffizienz), ein Herzinfarkt und/oder ein plötzlicher Herztod. Weitere mögliche Folge ist ein Schlaganfall.

Frauen setzt Stress eher zu

Wichtige Risikofaktoren sind längst eruiert: Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, familiäre Veranlagung, Diabetes, Rauchen, Übergewicht, Bewegungs­mangel, Stress, Depressionen, eine frühere Bestrahlung – und natürlich das steigende Alter. Je mehr Faktoren vorhanden sind, umso höher das Risiko? Das stimmt zwar – aber Folgendes ist bemerkenswert: «Bei Frauen sind durchschnittlich weniger Risikofaktoren vorhanden als bei Männern gleichen Alters, aber diese Faktoren beeinflussen das Herzinfarktrisiko bei Frauen stärker als bei Männern», sagt Christine Attenhofer Jost. Besonders Bluthochdruck, Diabetes, ungünstige Blutfettwerte und auch psychischer Stress würden bei Frauen verstärkt zum Infarktrisiko beitragen.

Für die höhere Stressanfälligkeit von Frauen spricht auch, dass vorwiegend sie vom Gebrochenen-Herzen-Syndrom (Tako-Tsubo-Syndrom) betroffen sind. Dabei handelt es sich um eine schwere, gelegentlich tödliche verlaufende Funktionsstörung des Herzmuskels mit ähnlichen Symptomen wie bei einem Herzinfarkt. Ursache dafür können körperliche und emotionale Belastungen sein wie etwa der Tod eines Angehörigen oder auch des Haustiers, Streit – aber auch eine freudige Überraschung.

Das Abgrenzen lernen

Weshalb Frauen die Psyche vermehrt aufs Herz schlägt, ist unklar. Kardiologe Paul Erne vom Luzerner Zentrum Herz und Blutdruck St. Anna hat eine These: «Frauen stellen oft in verschiedensten Lebensbereichen sehr hohe Ansprüche an sich selbst und haben teilweise Mühe, sich abzugrenzen. Oft kommt dabei die eigene Person zu kurz.»

Zwar würden auch Männer Mühe bekunden, Nein zu sagen, aber bei Frauen sei dieses Verhalten ausgeprägter – und kaum zu ihrem Nutzen. Erne: «Ob man sich allerdings wirklich ändern kann, ohne dadurch auch wieder in Stress zu geraten, ist eine andere Frage.»

Frauen wollen sich selber kurieren

Frauen haben indes bezüglich Herzgesundheit auch Vorteile: Vor den Wechseljahren sind sie durch ihre Hormone besser geschützt als Männer, und wenn sie die Pille genommen haben, bleibt ihr Risiko für eine koronare Herz­erkrankung auch nach den Wechseljahren minim reduziert (mit Ausnahme von Raucherinnen). Zudem leben Frauen im Allgemeinen etwas gesünder als Männer; sie achten besser auf ihren Körper und ernähren sich ausgewo­gener.

Das hat aber auch eine Kehrseite. Christine Attenhofer Jost: «Viele Frauen denken so: Jedes Medikament ist ein Gift, ich kann mich selber mit einer gesunden Lebensweise oder Homöopathie kurieren.» Diese Einstellung kann bei harmloseren Krankheiten durchaus (auch) zum Ziel führen, sich bei ernsten Störungen aber fatal auswirken. Ebenso wie der Glaube, dass man ein verschriebenes Medikament nicht oder nur reduziert benötigt. Frauen sind unzuverlässiger in der Medikamenteneinnahme als Männer: Sie nehmen die gegen Herz-Kreislauf-Probleme verordneten Tabletten häufig gar nicht erst ein oder nur jeden dritten Tag – und sie setzen sie nach kurzer Zeit eigenmächtig ab. Paul Erne: «Bei Auftreten von Nebenwirkungen sollte vor einer eigenmächtig vorgenommenen Reduktion der Dosierung oder gar einem Absetzen des Medikaments der Arzt kontaktiert werden. Oft gibt es Alternativen oder andere Dosierungen, zudem kann der Einnahmezeitpunkt angepasst werden, um so eine besser verträgliche und gleichzeitig wirksame Therapie zu finden.»

Kurzatmigkeit statt Brustenge

Ein weiterer Unterschied zwischen den Geschlechtern: Zwei Drittel der Frauen erleiden einen Herzinfarkt ohne vorherige Symptome, und wenn es welche gibt, sind sie untypischer und vieldeutiger. Während Männer durch Brustenge auf die potenzielle Gefahr aufmerksam werden, machen sich bei Frauen – wenn überhaupt – viel eher Kurzatmigkeit, Müdigkeit, Schwäche, Übelkeit, manchmal auch Rücken- oder Bauchschmerzen bemerkbar.

Oft ist nur eines dieser Symptome vorhanden, und da denkt man nicht unbedingt gleich ans Herz. Logische Konsequenz: Frauen warten länger, bis sie den Arzt auf­suchen. Sie kommen erst vier Stunden nach Symptombeginn ins Spital – zirka 50 Minuten später als Männer, was die Überlebenschancen mindert.

Ungewohnte Schmerzen abklären

Christine Attenhofer Jost: «Als Frau sollte man bei ungewohnten und unerklärlichen Schmerzen zwischen Kiefer und Bauch immer auch ans Herz denken – und zwar so lange, bis der Verdacht ausgeräumt ist.» Symptome, die einem auf Anhieb vielleicht am meisten sorgen, bedeuten nicht zwingend etwas Gravierendes. «Verspürt man zum Beispiel vorübergehend einen ziehenden oder stechenden Schmerz in der Brustgegend, der leicht mit einem Finger lokalisierbar ist, geht dieser in der Regel nicht vom Herz aus und ist harmlos.»

Nur eben, wer weiss das als Laie schon mit Sicherheit? Deshalb: lieber einmal zu viel zum Arzt als zu wenig. Christine Attenhofer zitiert bei ihren Referaten gerne «Die Zeit», die schon vor Jahren mal geschrieben hat: «Frauen wissen meist recht gut, was sie auf dem Herzen haben. Dass sie auch etwas am Herz haben könnten, liegt ihren Gedanken dagegen oft fern.»

Hans Graber