GESUNDHEIT: Regelmässig essen ist A und O

Viele ältere Menschen sind fehl- und mangelernährt. Pro Senectute bietet einen Mahlzeitendienst an. Wir testeten ihn und befragten den Fachmann.

Interview Ruth Schneiderinterview Ruth Schneider
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Schön portioniert und verpackt: Sepp Vogel vom Mahlzeitendienst der Pro Senectute bringt Kundin Anna Piffaretti dreimal wöchentlich die Menüs. (Bild Dominik Wunderli)

Schön portioniert und verpackt: Sepp Vogel vom Mahlzeitendienst der Pro Senectute bringt Kundin Anna Piffaretti dreimal wöchentlich die Menüs. (Bild Dominik Wunderli)

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Gunther Von der Crone weiss, wovon er spricht: Der 49-Jährige ist Leiter Gastronomie des Luzerner Betagtenzentrums Eichhof, und er kennt die Anforderungen und Probleme rund um die Ernährung im Alter aus der täglichen Praxis. In der Eichhof-Küche wird freilich nicht nur für Senioren gekocht, sondern für alle Altersgruppen, haben doch Kinderhorte, Tagesschulen und Mittagstische eine immer grössere Bedeutung. Täglich werden unter der Leitung von Von der Crone rund 1600 Mahlzeiten zubereitet. Rund 200 davon für den Mahlzeitendienst (MZD) der Pro Senectute. Der MZD liefert die vorgekochten Gerichte ins Haus. Was einen dabei erwartet, lesen Sie im Text auf der nächsten Seite, allgemeine Infos im Kasten rechts.

Gunter Von der Crone, welche Rolle spielt das Essen für die Lebensqualität im Alter?

Gunther Von der Crone: Essen hilft primär, den täglichen Nährstoffbedarf abzudecken, was besonders im Alter wichtig ist. Mit einer abwechslungsreichen Ernährung wird aber auch für Wohlbefinden und Ausgeglichenheit im Alltag gesorgt. Essen gibt zudem Struktur und Rhythmus in den Tag. Dies ist gerade im Alter von Bedeutung. Regelmässig essen ist das A und O, täglich drei Mahlzeiten sind die Basis.

Brauchen ältere Menschen andere Kost als jüngere?

Von der Crone: Grundsätzlich nein. Das Essen der Senioren entspricht den üblichen Richtlinien, wobei ältere Personen einen veränderten Nährstoffbedarf haben. Es ist deshalb wichtig, dass die Mahlzeiten optimal zusammengestellt sind.

Und was heisst das konkret?

Von der Crone: Optimal zusammengestellt ist die Mahlzeit mit einer Portion Gemüse oder Frucht, einem stärkehaltigen Nahrungsmittel wie Kartoffeln, Reis oder Teigwaren und einem eiweisshaltigen Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Ei oder Milchprodukte. Wichtig ist auch, dass genügend getrunken wird. Ein älterer Mensch braucht 1 bis 1? Liter Flüssigkeit pro Tag, was bei vermindertem Durstgefühl oft eine der grössten Herausforderungen ist.

Man wird heute überflutet von schönen Präventionsregeln und Ernährungstipps von irgendwelchen staatlichen Stellen. Sind solche Ratschläge mit 80 oder 90 Jahren noch relevant?

Von der Crone: Genuss und Freude am Essen stehen in diesem Lebensabschnitt sicher an oberster Stelle. Gut ist dennoch, wenn man einen wohlwollenden Kompromiss findet zwischen diesen Aspekten und den Gesundheitsempfehlungen.

Wo ist das Problem, wenn ein 80-Jähriger zum Essen nicht aus dem Haus gehen mag oder kann und am liebsten kalt aus dem Kühlschrank oder Fertigmahlzeiten aus dem Backofen isst?

Von der Crone: Die Gefahr der Einseitigkeit und Eintönigkeit besteht, was unterschiedliche Folgen haben kann. Einseitigkeit im Essen führt zu Nährstoffmängeln, die gesundheitsgefährdend sein können. Mit der Eintönigkeit schwindet oft die Freude am Essen, was zur Abnahme der Essmenge und allmählich zu einer Unterversorgung führt. Oft wird auch die Wirkung der Selbstversorgung in Bezug auf das Essen unterschätzt. So ist zum Beispiel Einkaufen ein wichtiger Aspekt für den Erhalt des sozialen Lebens oder für das tägliche Gedächtnistraining. Und Kochen dient zur Erhaltung der Fingerfertigkeit und anderem mehr.

Welche Tipps geben Sie, wenn jemand sich zu Hause möglichst unkompliziert ernähren möchte?

Von der Crone: Gut vorbereitet ist halb gekocht. Grosseinkäufe mit Hilfe des Umfeldes (Familie, Nachbarschaft) planen, damit die Nahrungsmittel zur Hand sind. Eine Variante ist auch, pro Woche einen Kochtag zu planen und das Gekochte portionenweise einzufrieren. Es dürfen auch Fertigprodukte auf den Tisch kommen, die man dann mit Frischkost ergänzt. Dabei ist zum Beispiel auch tiefgekühltes Gemüse eine gute Alternative. Und man kann natürlich Angebote nutzen wie eben einen Mahlzeitendienst.

Wie sind die Rückmeldungen der Kunden des Mahlzeitendienstes?

Von der Crone: Grossmehrheitlich sehr gut. Es gibt viel Lob für das Essen, und die allermeisten sind dankbar, dass es diese Dienstleistung gibt. Kritisiert wird hin und wieder, dass das Gemüse oder die Kartoffeln zu wenig gegart seien, sehr selten gibt es negative Rückmeldungen, dass das Fleisch etwas zäh sei. Wir versuchen natürlich, das Fleisch immer so zuzubereiten, dass es weich genug ist. Da es aber ein Naturprodukt ist, kann es vorkommen, dass nicht alle Stücke immer den Wünschen der Bezüger entsprechen.

Welche Menüs kommen am besten an, welche weniger?

Von der Crone: Sehr beliebt ist Altbekanntes, wie etwa Kartoffelstock und Braten, weniger beliebt sind neuere, unbekannte Menüzusammenstellungen. Aber man kann sich seine Favoriten wöchentlich aus 7 bis 10 Menüs aus­suchen, die Mahlzeiten werden dreimal pro Woche kalt ausgeliefert.

Können Sie auf Sonderwünsche wie halbe Portionen oder pürierte Kost eingehen oder je nach Gesundheitszustand Diätkost anbieten?

Von der Crone: Sonderwünsche sind leider nicht möglich. Es gibt aber Bezüger, die teilen sich ein Menü auf zwei Mahlzeiten auf. Und zum Thema Diäten: Die sind in diesem Alter meist ein Tabu. Wenn doch, braucht es moderate Anpassungen an den Tagesplan.

Welche Alternativen gibt es zum Mahlzeitendienst?

Von der Crone: Man kann in ein Alterszentrum gehen oder in der Spital-Cafeteria essen gehen, ebenso in preiswerten Selbstbedienungsrestaurants. Zudem gibt es Pfarreien, Seniorenvereinigungen oder privat organisierte Mittagstische. Davon kann man rege Gebrauch machen.

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Regelmässig essen ist A und O