GESUNDHEIT: Schlaflos in Japan

Japaner schlafen immer weniger und versuchen, die Nachtruhe am Tag nachzuholen – Schlafforscher sprechen von «krassem Fehler im gesellschaftlichen System».

Angela Köhler, Tokio
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Gehört dazu: Japanische Politiker machen im Parlament ein Nickerchen. (Bild: Franck Robichon/EPA (Tokio, 17. September 2015))

Gehört dazu: Japanische Politiker machen im Parlament ein Nickerchen. (Bild: Franck Robichon/EPA (Tokio, 17. September 2015))

Angela Köhler, Tokio

Kaputt, abgespannt, zerschlagen. Japaner schlafen zu wenig. Man sieht es allerorten. In der Bahn ­nicken Pendler sofort ein, sinken dem Nachbarn ermattet an die Schulter oder stehen mit geschlossenen Augen erschöpft im Gedränge. Im Parlament schlummern Abgeordnete oft kollektiv vor sich hin, Kinder fallen trotz Stadtlärm in den Tiefschlaf, und selbst am Arbeitsplatz ist ein ­Nickerchen salonfähig.

Nippons Töchter und Söhne schlafen immer weniger. Jeder kennt das Problem, und trotzdem verschlimmert es sich ständig. Nach einer jüngsten Umfrage ­gaben mehr als 39 Prozent der Befragten an, sie würden täglich weniger als sechs Stunden Nacht­ruhe finden. Noch 2007 waren es nur gut 28 Prozent, die unter ­diesem Limit blieben. Bei den ­Berufstätigen klagen heute fast 50 Prozent, dass sie wegen der vielen Überstunden nicht ins Bett kommen. Obwohl das japanische Gesundheitsministerium die Lage regelmässig beobachtet und entsprechend warnt, hat sich der Trend zum «schlaflos in Japan» dramatisch verschlechtert.

Lange Arbeitstage als Hauptproblem

Ursache für den nationalen Schlafmangel – so der Schlaf­forscher Kazuo Mishima – «ist ein krasser Fehler des gesellschaft­lichen Systems». Für ihn sind es die extremen Pendel- und vor allem die Arbeitszeiten, die sich böse rächen. So sehen es auch die meisten Männer in der Umfrage: Der überlange Arbeitstag ist das Hauptproblem. Das ist derzeit ­ohnehin ein brandaktuelles Thema, das in der Gesellschaft durch mehrere Todesfälle infolge von Überarbeitung diskutiert wird. Die Regierung wirbt zwar immer wieder für eine bessere Balance zwischen Arbeit und Freizeit, die meisten Firmen aber wehren sich.

Bei den Frauen sind die Ar­beitszeiten ebenfalls ein Problem, aber die Lösung scheint ­differenzierter. Auf die Frage, wie sie mehr Schlaf finden könnten, meinten viele Japanerinnen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren, dass sie einfach ihr Smartphone am Abend früher weglegen müssten. Die Mütter ab 30 erbitten mehr Hilfe bei der Kindererziehung und im Haushalt.

So wird der chronisch erschöpfte Japaner weiterhin das Stadtbild in Tokio oder Osaka prägen. In keinem anderen Land schläft Mensch so unbekümmert in der Öffentlichkeit wie in Japan. Weil in Japan frühes Erscheinen und lange Anwesenheit am Ar­beitsplatz noch immer als Tugenden eines guten «Firmenkriegers» gelten, signalisiert das öffentliche Nickerchen gleichzeitig: Man arbeitet bis zum Umfallen, opfert sich für die Firma auf. Je höher ein Japaner auf der Karriereleiter steht, desto demonstra­tiver darf er im Job schlafen. ­Dagegen sollten Berufsanfänger die Phasen des Dösens gut dosieren, bis sie sich das Recht auf ein Nickerchen «verdient» haben.

Schon die Samurais legten Päuschen ein

In Japan besitzt die Kultur des öffentlichen Schlafs eine lange Tradition. Die Samurais hielten im Halbschlaf Wache, und der Zen-Buddhismus vertritt die Lehre, dass der Schlaf dem Meditieren geopfert werden kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von der Nation amtlich verlangt, die Nachtruhe von Aufbau- und Arbeitswut zu verdrängen.

Mediziner warnen, kein Nickerchen könne chronischen Schlafmangel ausgleichen. Schlechte Konzentration bei der Industriearbeit oder auch im Strassenverkehr seien ein permanentes Risiko für die Gesellschaft. Aber generell segnen auch sie ein kurzes Schläfchen zur Mittagszeit ab. Professor Tadao Hori von der Hiroshima-Universität rät zu jeweils 15-Minuten-Rhythmen, um die nächsten zwei bis drei Stunden fit zu sein.