GESUNDHEIT: Stumpfe Waffen gegen böse Keime

Immer mehr Bakterien sind gegen Antibiotika resistent. Gegen eine Beschränkung des Antibiotika-Einsatzes wehrt sich vor allem die Landwirtschaft.

Lukas Scharpf
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Bakterien (im Bild der EHEC-Erreger) werden mit Antibiotika bekämpft. (Bild: AP / dapd)

Bakterien (im Bild der EHEC-Erreger) werden mit Antibiotika bekämpft. (Bild: AP / dapd)

Es war ein Meilenstein der modernen Medizin. 1943 kam mit Penicillin der Durchbruch für Antibiotika. Endlich hatten Ärzte und Spitäler ein Mittel gegen Infektionen zur Hand. Die Wunderwaffe gegen Bakterien ging in einem Siegeszug um die Welt. Doch das Mittel verliert zusehends seine Wirkung. Immer öfter sind Antibiotika gegen Bakterien wirkungslos. Durch den übertriebenen Einsatz in der Human- und Tiermedizin haben viele Keime Resistenzen entwickelt.

WHO schlägt Alarm

«Wenn jetzt nicht schnell und koordiniert gehandelt wird, bewegt sich die Welt in eine Ära, in der gewöhnliche Infektionen und kleine Verletzungen, die für Jahrzehnte behandelbar waren, wieder tödlich sein können», warnte dieses Frühjahr Keiji Fukuda, Generaldirektor für Gesundheitssicherheit bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), eindringlich vor der Gefahr. «Wirksame Antibiotika sind einer der Grundpfeiler, die es ermöglichen, dass wir länger und gesünder leben», sagte der japanische Mediziner.

Das Problem ist global. Die WHO hat erstmals in einem Bericht zusammengefasst, was über die Häufigkeit von Antibiotikaresistenzen bekannt ist. Auf der ganzen Welt finden sich Darmbakterien, die nicht mehr auf wesentliche Gegenmittel ansprechen. Die Bakterien können unter anderem Atem- und Harnwege infizieren. In den meisten Regionen reagieren die Bakterien nicht mehr auf klassische Antibiotika. Und sie zeigen sogar in mehr als 30 Prozent der untersuchten Proben Resistenzen gegen sogenannte Reserve-Antibiotika. Solche werden nur eingesetzt, wenn alles andere wirkungslos bleibt. «Für viele Patienten, die mit diesen Bakterien infiziert sind, gibt es keine klinisch wirksamen Behandlungsmöglichkeiten», schreibt die WHO in ihrem Bericht. Schätzungsweise 25 000 Menschen sterben jedes Jahr in der EU an den Folgen von Infektionen mit resistenten Bakterien.

Auch an Schweizer Spitälern

Wie viele Todesopfer Antibiotikaresistenzen in der Schweiz fordern, ist nicht bekannt. Auch Schätzungen gibt es nicht. Aber das Problem ist auch hierzulande angekommen. In Hausarztpraxen versagen klassische Antibiotika bei der Behandlung von Blasenentzündungen. In Spitälern ist das sogenannte Krankenhausbakterium ein Thema. Und in Zukunft müsse man gehäuft mit resistenten Darmbakterien rechnen, sagt Beat Sonderegger, Oberarzt Infektiologie am Luzerner Kantonsspital. Diese Erreger können Blasenentzündungen, Wundinfektionen und in seltenen Fällen auch Blutvergiftungen verursachen. «Glücklicherweise sind wir in den allermeisten Fällen in der Lage, unsere Patienten mit noch wirksamen Reserve-Antibiotika zu behandeln.» Aber gerade die angesprochenen Darmbakterien sind in vielen Fällen gegen eine ganze Reihe von Antibiotika resistent und sprechen nur noch auf wenige Reserve-Antibiotika an.

«Betrachten wir die Situation in Europa, so liegt die Schweiz im Moment noch im grünen Bereich», sagt Sonderegger weiter. In Italien, Spanien oder Griechenland sei die Situation besonders bei den angesprochenen Darmbakterien aber bereits heute Besorgnis erregend.

Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, umso stärker entwickeln Bakterien Resistenzen. Das ist ein natürlicher Vorgang (siehe Box). Über die Notwendigkeit, reagieren zu müssen, ist man sich in allen Bereichen einig. Konkrete Massnahmen in der Human- und Tiermedizin erarbeitet im Moment der Bund im Rahmen einer landesweiten «Strategie Antibiotikaresistenzen». Im letzten November wurde sie lanciert und soll bis spätestens Ende 2015 vorliegen. In der Humanmedizin werden Antibiotika in der Schweiz im europäischen Vergleich zurückhaltend eingesetzt. In der Schweiz kommen auf 1000 Einwohner etwa 9 Tagedosen. In Frankreich sind es 30.

Sinkende Menge

Anders sieht es in der Veterinärmedizin aus. Zwar geht auch in diesem Bereich die Menge zurück. Wurden 2012 noch 60 Tonnen Antibiotika verabreicht, sank der Verbrauch 2013 auf 57 Tonnen. Bedenklich ist aber, dass der Anteil von Breitband-Antibiotika (Antibiotikum, das verschiedene Mittel kombiniert) zunimmt. Womit die Bildung von Multiresistenzen zunimmt. «In der Humanmedizin ist man für die Thematik sehr sensibilisiert», sagt Mikrobiologe Markus Hilty von der Universität Bern (siehe «Nachgefragt»). In der Veterinärmedizin hinke man im Vergleich noch etwas hinterher. Die Landwirtschaft an den Pranger zu stellen, wäre aber zu einfach. Wenn eine Kuh in einem Stall mit 40 Tieren krank wird, ist es naheliegend, gleich alle mit Antibiotika zu behandeln. Denn man muss befürchten, dass alle Tiere betroffen sind. Der Einsatz von Antibiotika bei der Tiermast ist in der Schweiz seit 1999 verboten.

Streit zeichnet sich ab

Am Bewusstsein für das Problem fehlt es nicht. Dennoch wird die Umsetzung der landesweiten Strategie wohl noch zu Konflikten führen. Das hat die vergangene Sommersession gezeigt. Der Nationalrat stimmte zu, dem Bund die Kompetenz für Massnahmen zur Reduktion von Antibiotikaresistenzen im Rahmen der Revision des Heilmittelgesetzes zu geben. Konkret soll der Bund etwa in der Tiermedizin den Einsatz von bestimmten Wirkstoffen ganz verbieten können, wenn dies nötig ist, um die Wirksamkeit der Therapien bei Menschen nicht zu gefährden. Die Schaffung einer Datenbank, welche den Antibiotikaverbrauch bei Landwirtschaftsbetrieben und Tierärzten überwachen könnte, scheiterte aber am Widerstand der Bauernvertreter. Im Informationssystem Antibiotika wären Verkaufsmengen, Details zur Verschreibung, zu den Tieren und zum Halter, allenfalls verhängte Sanktionen oder die Resultate von Kontrollen verzeichnet worden. CVP und SVP wehrten sich vehement dagegen.

Der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen ist ein Schwerpunkt der Gesundheitspolitik der Bundes, wie Bundesrat Alain Berset immer wieder betont. Die Datenbank hätte diese Arbeiten unterstützt.

So werden Bakterien resistent

slu. Antibiotika sind Medikamente, die Bakterien abtöten oder deren Wachstum hemmen. Nicht alle Antibiotika sind gegen alle Bakterien wirksam. Es gibt mehr als 15 verschiedene Klassen dieser Medikamente, die sich in ihrer chemischen Struktur und damit in ihrer Wirksamkeit gegen verschiedene Bakterien unterscheiden.

Als Entdecker der Antibiotika gilt der schottische Bakteriologe Alexander Fleming. Die Entdeckung gilt als ein Meilenstein der modernen Medizin. Fleming und zwei US-amerikanische Forscher, die seine Arbeit weitertrieben, erhielten für die Entwicklung von Penicillin 1949 den Nobelpreis in Medizin. Das Antibiotikum war das erste wirksame Mittel zur Behandlung von Infektionskrankheiten.

Natürliches Vorkommen

Resistenzen wurden nicht erst durch Antibiotika hervorgerufen. Bereits vor dem medizinischen Einsatz von Penicillin 1943 gab es Bakterien mit natürlich vorkommenden Antibiotikaresistenzen. Aber mit dem steigenden Gebrauch von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin wurde die Entwicklung von Resistenzen markant begünstigt.

Dies kann man sich vorstellen wie eine natürlich vorangetriebene Selektion. Bakterien entwickeln Resistenzen durch Mutationen im genetischen Material oder durch den Austausch von Genen zwischen den Bakterien. Im Kontakt mit einem Antibiotikum überleben nur die Bakterien, die gegen das Mittel resistent sind, und sie können sich weitervermehren. Somit führt jeder Einsatz von Antibiotika zu einem Selektionsdruck hin zu resistenten Bakterien. Wird der Prozess oft genug wiederholt und können die Bakterien ihre Resistenzen untereinander austauschen, bilden sich Typen heraus, die gegen viele oder sogar alle Antibiotika resistent sind. Der Prozess ist aber keine Einbahnstrasse. Bei zurückhaltendem Einsatz von Antibiotika hält die Dominanz von resistenten Bakterien nicht an. Ihr Anteil nimmt tendenziell wieder ab.