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GESUNDHEIT: Wenn der Puls verrückt spielt

Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung. Oft macht es kaum Beschwerden, bis ein Ernstfall eintritt. Selbstmessungen sind eine Chance für die frühzeitige Entdeckung.
Hans Graber
Selbstmessungen der Herzfrequenz können wertvolle medizinische Hinweise geben – zum Beispiel auf das tückische Vorhofflimmern. (Bild: Getty)

Selbstmessungen der Herzfrequenz können wertvolle medizinische Hinweise geben – zum Beispiel auf das tückische Vorhofflimmern. (Bild: Getty)

Hans Graber

Rund 100000 Schweizerinnen und Schweizer sind von Vorhofflimmern betroffen. Das Risiko steigt mit dem Lebensalter. Während von den unter 50-Jährigen weniger als 1% an Vorhofflimmern leiden, steigt die Häufigkeit bei über 60-Jährigen auf 4 bis 6% und bei über 80-Jährigen auf 9 bis 16%. Männer sind in jüngeren Altersstufen häufiger betroffen, durch die höhere Lebenserwartung der Frauen gibt es aber etwa gleich viele männliche und weibliche Patienten.

Bei Vorhofflimmern schlagen die Herzvorhöfe zu schnell, unregelmässig und unkoordiniert. Die Pumpaktivitäten der Vorhöfe und der Herzkammern sind nicht mehr aufeinander abgestimmt, und die Herzleistung nimmt ab. Folge: Das Herz kann unter Umständen nicht mehr genügend Blut in den Kreislauf pumpen.

Lebensbedrohliche Folgeerkrankungen

Kurzfristig können die Herzkammern diese Minderleistung kompensieren, doch wenn das Vorhofflimmern länger anhält, werden sie überlastet. Dadurch kann sich eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz) entwickeln, oder es kann zu einem Hirnschlag kommen, weil durch das langsamer fliessende Blut Thromben (Gerinnsel) in den Herzvorhöfen entstehen können. Dann droht die Gefahr, dass sie in den Kreislauf gelangen und ein Hirngefäss verstopfen.

Ein Problem des Vorhofflimmerns: Oft wird es (zu) spät entdeckt. Zwar gibt es Betroffene, die ein starkes Herzrasen verspüren, verbunden teils mit Angstgefühlen, Atemnot, Druck auf der Brust oder Schwindel. Solche Symptome führen dann in der Regel zu einer baldigen Arztkonsultation. Andere Betroffene jedoch haben überhaupt keine Beschwerden.

«Immer wieder kommen Patienten mit einem Hirnschlag als Erstsymptom des Vorhofflimmerns ins Spital», sagt Richard Kobza, Chefarzt Kardiologie am Luzerner Kantonsspital (Bild). Möglicherweise werde die Diagnose Vorhofflimmern nicht einmal dann gestellt, denn die Arrhythmie des Herzens könne nicht immer als Ursache des Hirnschlags entlarvt werden.

Um dem Vorhofflimmern besser und früher auf die Spur zu kommen, sind die zunehmend häufiger eingesetzten Smartphone-Apps, welche den Puls aufzeichnen, oder auch Blutdruckmessgeräte dienlich. «Etliche Apps und Geräte zeigen mittlerweile sehr zuverlässig einen unregelmässigen Puls an, was auf ein Vorhofflimmern hindeuten kann», sagt Richard Kobza.

Diagnose muss mit EKG abgesichert werden

Eine Diagnose Vorhofflimmern könne zwar sicher nicht allein auf solchen Geräten basieren, sie müsse zwingend mit einem EKG abgesichert werden. «Aber es ist durchaus sinnvoll, wenn ­jemand, bei dem bislang kein Vorhofflimmern bekannt ist, nach Feststellung einer Arrhythmie durch ein solches Gerät zeitnah den Hausarzt aufsucht und ein EKG machen lässt.»

Untersuchungen haben gezeigt, dass mit einem EKG-Screening viele zuvor unbekannte Fälle von Vorhofflimmern entdeckt wurden. Solche Hinweise könnten künftig auch systematische Selbstkontrollen mit Smartphones und Co. geben. Allerdings fehlen derzeit noch grössere Studien dazu.

Die Selbstmessungen könnten auch eine gewisse Sicherheit geben, wenn sich zum Beispiel familiär vorbelastete Menschen vor einem Hirnschlag fürchten. Eine Garantie allerdings gibt es natürlich nicht. Und, so Richard Kobza, «ganz wichtig zu erwähnen ist, dass Vorhofflimmern bei weitem nicht die alleinige Ursache für einen Hirnschlag ist».

Der Kardiologe gibt auch zu ­bedenken, dass mit Hilfe von Blutdruckmessgeräten und Apps nicht jedes Vorhofflimmern entdeckt werde. Ferner könne es bei wiederholten harmlosen Extrasystolen (Zwischenschlägen) auch zu Fehlalarmen kommen.

Doch trotz einiger Relativierungen wertet Kobza die Selbstmessungen als positiv, auch und gerade, um ein Vorhofflimmern früher als vor dem Eintreten eines lebensbedrohlichen Ernstfalls zu entdecken.

Grunderkrankung suchen und behandeln

Aber was passiert, wenn man tatsächlich Vorhofflimmern hat? Erst einmal beruhigend zu wissen ist, dass die unregelmässige und unkoordinierte Tätigkeit der Herzvorhöfe mit Herzrasen und Herzstolpern in der Regel keine akute Lebensgefahr darstellt.

Die Diagnose Vorhofflimmern sollte aber zum Anlass genommen werden, eine mögliche Grundkrankheit zu suchen und dann auch zu behandeln. Der behandelnde Arzt muss dabei unter anderem abschätzen, wie hoch das Hirnschlag-Risiko ist, und gegebenenfalls eine entsprechende Blutverdünnung einleiten.

Mögliche Grunderkrankungen des Vorhofflimmerns sind unter anderem Bluthochdruck, Herzmuskelentzündungen, Herzklappenerkrankungen, aber auch Übergewicht und regelmässiger übermässiger Alkoholkonsum. Trotz aller diagnostischen Bemühungen ist jedoch eine ursächliche Zuordnung nicht immer möglich.

«Vorhofflimmern ist leider fast immer eine chronisch fortschreitende Erkrankung», erklärt Richard Kobza, «zu Beginn tritt es nur selten auf, ist von kurzer Dauer und endet spontan, tritt also anfallsartig auf.» Im weiteren Verlauf aber können die Episoden häufiger auftreten und auch länger dauern. Im fortgeschrittenen Stadium hören diese nicht mehr von selber auf.

Für die Behandlung von Vorhofflimmern stehen in erster Linie Medikamente zur Verfügung. Wenn die rhythmusstabilisierenden Mittel nicht helfen oder Nebenwirkungen auftreten, sind andere, nichtmedikamentöse Behandlungsmethoden wie zum Beispiel die Katheterablation (Verödung von Gewebe) möglich. Immer häufiger wird heute die Katheterablation als Alternative zur medikamentösen Dauertherapie eingesetzt. Richard Kobza: «Dies betrifft in erster Linie jüngere Patienten mit der symptomatischen, anfallsartigen Form.»

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