GESUNDHEIT: Würmer sollen Allergien und Krankheiten bekämpfen

Würmer sind üble Parasiten im Darm des Menschen. Doch Forscher infizieren Patienten absichtlich mit den Schmarotzern. Dies mit dem Ziel, Allergien und Immunkrankheiten zu heilen.

Claudia Hoffmann
Drucken
Teilen
Hakenwürmer nutzen ihre zahnähnlichen Mundwerkzeuge, um sich in der Darmwand ihres Wirtes zu verbeissen (200-fache Vergrösserung). (Bild: Sciencephoto.com)

Hakenwürmer nutzen ihre zahnähnlichen Mundwerkzeuge, um sich in der Darmwand ihres Wirtes zu verbeissen (200-fache Vergrösserung). (Bild: Sciencephoto.com)

Hakenwürmer sind unangenehme Mitbewohner: Sie beissen sich im Darm fest, saugen dort Blut und legen bis zu 30 000 Eier pro Tag. Die nur etwa einen Zentimeter grossen Parasiten sind eine schlimme Plage in den Tropen, wo mehr als eine halbe Milliarde Menschen damit infiziert sind. Bei schwerem Befall kommt es zu Bauchkrämpfen, Blutarmut und bei Kindern gar zu Entwicklungsstörungen. Während Hakenwürmer und andere Parasiten in ärmeren Ländern häufig vorkommen, sind sie hierzulande dank Hygiene und guter medizinischer Versorgung praktisch verschwunden.

Parasiten als Heilmittel

Doch seit einigen Jahren erleben Parasiten ein Comeback der anderen Art: Forscher wollen sie gezielt einsetzen, um Allergien und Krankheiten wie Asthma, multiple Sklerose (MS) oder chronische Darmentzündungen zu behandeln. Für alle wird ein gestörtes Immunsystem verantwortlich gemacht. «Würmer könnten helfen, dieses wieder ins Gleichgewicht zu bringen», sagt Cris Constantinescu, Immunologe an der Universität Nottingham. Er leitet eine aktuelle Studie, in der MS-Patienten absichtlich mit dem Hakenwurm Necator americanus infiziert wurden.

Eine unangenehme Prozedur, denn die Infektion kann nur über die Haut erfolgen. Dazu bekommen die Patienten ein Pflaster mit lebenden Hakenwurmlarven aufgeklebt. Diese bohren sich durch die Haut und wandern durch die Blutgefässe in die Lunge. Sobald die infizierte Person hustet, gelangen die Würmer in den Mund und werden gleich wieder verschluckt. So erreichen sie schliesslich den Darm, wo sie bis zu fünf Jahre überleben. Dort sollen sie ihre therapeutische Wirkung entfalten.

Parasiten sind «alte Freunde»

Hinter dieser absurd anmutenden Idee steckt die sogenannte Alte-Freunde-Hypothese. Diese besagt, dass der Mensch während seiner Evolution immer Darmparasiten in sich trug. Diese entwickelten Strategien, um die Immunabwehr ihres Wirtes gezielt zu dämpfen und so nicht angegriffen zu werden. Gleichzeitig passte sich das menschliche Immunsystem fortlaufend an die Mitbewohner an.

Wenn diese ­– wie heute meistens – fehlen, ist das Gleichgewicht gestört, und das Immunsystem läuft aus dem Ruder. Als Beleg dafür gilt, dass in Industrieländern immer mehr Menschen unter Allergien und Autoimmunerkrankungen leiden. Hingegen treten diese in grossen Teilen Afrikas nur sehr selten auf. Dort also, wo Wurminfektionen weit verbreitet sind.

Dass Würmer Krankheiten positiv beeinflussen können, beobachtete der argentinische Arzt Jorge Correale bereits vor etwa zehn Jahren. Er untersuchte MS-Patienten, die aus Slumvierteln stammten und mit Darmparasiten infiziert waren. Bei ihnen stellte er einen deutlich milderen Verlauf der Autoimmunerkrankung fest als bei Patienten, die aus wohlhabenden Stadtvierteln stammten und parasitenfrei waren.

Ausgehend von dieser Beobachtung, führten in den folgenden Jahren verschiedene Forschungsgruppen Experimente mit Mäusen durch, die sie gezielt mit Wurmparasiten infizierten. Dadurch produzierten die Mäuse unter anderem mehr entzündungshemmende Botenstoffe und waren vor Allergien, Asthma und MS geschützt.

Kaum Besserung der Symptome

Doch auf die viel versprechenden Erfolge folgte die Ernüchterung: «Was bei Mäusen funktioniert, scheint nicht unbedingt auf den Menschen zuzutreffen», sagt Friedemann Paul, Neuroimmunologe an der Charité-Universitätsmedizin in Berlin.

Zwar hatten einige kleinere Studien zunächst Behandlungserfolge bei verschiedenen Krankheiten gezeigt. Doch diese liessen sich in besser kontrollierten klinischen Studien mit einer grösseren Anzahl Patienten nicht wiederholen. Etwa in einer Studie aus dem Jahr 2013 mit 250 Teilnehmern, an der auch die Uni Zürich beteiligt war. Die Patienten litten an Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung. Sie schluckten während mehrerer Monate Eier des Schweinepeitschenwurms. Der Darmparasit befällt eigentlich Schweine, hat aber auch beim Menschen einen Effekt auf das Immunsystem. Dieser liess sich zwar messen, und die Patienten verspürten auch weniger Krankheitssymptome. Allerdings wirkte die Wurmbehandlung nicht besser als ein Placebo, das die Kontrollgruppe erhielt.

«Diese Ergebnisse sind enttäuschend», sagt Friedemann Paul, der zurzeit selbst eine klinische Studie mit etwa 20 MS-Patienten durchführt, um die Wirksamkeit einer Behandlung mit dem Schweinepeitschenwurm zu belegen. Paul hat trotz allem noch Hoffnung, dass dies gelingt. «Es ist gut möglich, dass eine Wurmtherapie bei bestimmten Krankheiten hilft, bei anderen jedoch nicht.» Bisher wisse man einfach noch nicht genug, da erst wenige klinische Studien an Menschen durchgeführt wurden.

Einige Forscher vermuten auch, dass der Kontakt mit dem Wurm schon stattfinden muss, bevor eine Krankheit überhaupt ausbricht. Oder dass der Schweinepeitschenwurm, der in den meisten Studien verwendet wurde, nicht besonders gut geeignet sei. Denn der Mensch ist nicht sein eigentlicher Wirt. Andere Parasiten könnten hingegen einen stärkeren Effekt haben.

So zum Beispiel der Hakenwurm, den derzeit die Forscher um Cris Constantinescu in Nottingham an MS-Patienten testen. Ob er die Fähigkeit hat, die Krankheitssymptome zu lindern, wird sich erst in einigen Monaten zeigen. Bisher vertragen zumindest alle Probanden die Infektion mit dem Wurm ohne Nebenwirkungen. Zum Dauermieter soll er dennoch nicht werden: Nach Abschluss der Studie werden alle Teilnehmer mit einem Mittel entwurmt.