GIFTSTOFFE: Getrübter Teegenuss

Auch Kräutertee kann der Gesundheit schaden – wenn man zu viel davon trinkt. Der Aufguss aus Rooibos oder Heilpflanzen wie Kamille und Minze kann giftige Pflanzenstoffe enthalten.

Melissa Müller
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Der Aufguss aus Rooibos kann giftige Pflanzenstoffe enthalten. (Bild: Nadia Schärli (26. Dezember 2016))

Der Aufguss aus Rooibos kann giftige Pflanzenstoffe enthalten. (Bild: Nadia Schärli (26. Dezember 2016))

Melissa Müller

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Wenn der Nebel die Welt draussen in dicke Watte packt, dampft drinnen feinster Tee aus der Porzellankanne. Und die Welt steht für einen Moment still. Doch nun will man Teeliebhabern auch noch ihr Lieblingsgetränk madig machen. Dabei soll er doch so gesund sein. Genuss ohne Reue. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse stellen dies jedoch in Frage; Teesorten wie Rooibos enthalten häufig giftige, leberschädigende Pyrrolizidin­alkaloide (PA). Dies sogar, wenn es sich um Biotee handelt, schrieb kürzlich das Magazin «K-Tipp».

Schwangere und Stillende sollten daher nicht so viel Tee trinken, wurde geraten. Dabei werden gerade dem Rooibos-Tee aus Südafrika doch alle erdenklichen positiven Wirkungen nachgesagt, von entgiftend bis stimmungsaufhellend. «Auch Kräutertees können der Gesundheit schaden – wenn man zu viel davon trinkt», sagt Clemens Ulbricht, Leiter beim Verlag A. Vogel in Teufen im Appenzell. Pfefferminztee kann bei zu häufigem Genuss einen empfindlichen Magen reizen. Auch Kamillentee, eine Pflanze mit starker Heilwirkung, solle man nicht als Alltagstee trinken. Eine Tasse am Tag halten Experten für unbedenklich bei Erwachsenen; Kinder sollten nicht mehr als eine Vierteltasse davon trinken.

Wenige Unkräuter vermiesen die Ernte

Die Grenze zwischen Giftpflanze und Heilkraut verläuft fliessend. Bestimmte Pflanzen bilden Pyrrolizidinalkaloide, um Fressfeinde abzuwehren. Darunter Unkräuter wie das Jakobs-Kreuzkraut, das sich explosionsartig auf den Feldern verbreitet. Einige giftige Unkräuter stammen aus südlichen Ländern. Die exotischen Pflanzensamen wandern über die Autoreifen ein.

«Man weiss dies, weil sich die Pflanzen entlang der Autobahnen ausbreiten und dann in die Felder hineinwachsen», sagt Apotheker Alexander Schenk, Apotheker und Leiter der analytischen ­Entwicklung bei der Firma Zeller in ­Romanshorn. Die giftigen Blätter herauszufischen, sei sehr schwierig. Und ein Roboter, der übers Feld geht und die Unkräuter ausreisst, ist noch nicht erfunden. Müssten die Kräuter von Hand geerntet werden, würden die Teemischungen unbezahlbar werden. «Dieses Problem betrifft alle Hersteller von Arzneitees und pflanzlichen Arzneimitteln sowie Bauern, die Kräuter anbauen.»

Bei maschineller Kräuterernte ist es unvermeidlich, dass Unkräuter in die Teemischung gelangen. «Auf einem Kamillenfeld von einer Hektar reichen zehn Unkräuterpflanzen, um die ganze Ernte von 800 Kilogramm Trockenmasse über den EU-Richtwert zu bringen», sagt Schenk. Die Firma Zeller ist weltweit als Hersteller pflanzlicher Arzneimittel auf wissenschaftlicher Basis tätig. Sie beschäftigt in Romanshorn und Uttwil 135 Mitarbeitende in Disziplinen wie Biologie, Agronomie, Verfahrenstechnik, Pharmazie und Medizin. Das Unternehmen hat denn auch Verfahren entwickelt, um Pyrrolizidinalkaloide den pflanzlichen Extrakten zu entnehmen und diese unschädlich zu machen.

Salat und Honig sind bedenklicher als Tee

Eine neue EU-Richtlinie schreibt vor, dass der Mensch bei der Einnahme von pflanzlichen Arzneimitteln pro Tag höchstens 0,35 Mikrogramm PA zu sich nehmen sollte. Diese Richtlinien seien übertrieben streng, sagt Schenk. Es handle sich um winzige Mengen, die nur mit forensischer Analytik nachgewiesen werden könnten.

«Wir Menschen können einen gewissen Anteil gut vertragen, der weit über 0,35 Mikrogramm liegt.» Bedenklicher kann der Konsum von Salat und Honig sein. Die Blätter des Jakobs-Kreuzkrauts sehen fatal ähnlich aus wie Rucola. Wer einen Garten hat, dem ist das lästige Unkraut bestens bekannt.

Auf Abwechslung achten

2009 kam es diesbezüglich in Deutschland zu einem Rucola-Skandal. Ein Kunde eines Supermarkts entdeckte in einer Packung Salat das giftige Jakobs-Kreuzkraut. Das Gift erreicht aber auch durch andere Wege unsere Küchen: Bienen saugen den Nektar der giftigen Blüten dieser Pflanze und tragen ihn zu ihrem Nest. «Dadurch gelangen nicht nur ­Mikrogramme der Pyrrolizidinalkaloide in den Honig, sondern Milligramme.» Dies sei eine weitaus grössere Belastung als beim Tee, sagt Alexander Schenk.

Es wäre jedoch zu schade, nun auf Tee zu verzichten. Die Dosis mache das Gift, sagte schon Paracelsus. Wer auf Abwechslung achtet, kann dem Teegenuss weiterhin frönen.