GLAUBE: Katholischer Gemeindeleiter Bernhard Lenfers: «Auferstehung heisst auch: Augen auf»

Als katholischer Gemeindeleiter hat Bernhard Lenfers an Ostern viel zu tun. Als Mensch und Familienvater schätzt er das «Stirb und Werde» der Ostertage auch als Lebensleitsatz – der ihn immer wieder neu beginnen lässt.

Susanne Holz
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Bernhard Lenfers auf dem Dach «seiner» Kirche, mit Blick auf das Quartier, das ihm seit 2012 am Herzen liegt. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 23. März 2018))

Bernhard Lenfers auf dem Dach «seiner» Kirche, mit Blick auf das Quartier, das ihm seit 2012 am Herzen liegt. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 23. März 2018))

Interview: Susanne Holz

Bernhard Lenfers, wie feiern Sie als Gemeindeleiter einer katholischen Pfarrei und als Familienvater das Osterfest? Für die meisten von uns gilt ja doch: Ab in den Süden oder noch mal in den Schnee – Haupt­sache, das Wochenende ist lang.

(Lacht.) Ich feiere Ostern hauptsächlich in der Kirche. Bereits am Karfreitag waren drei Gottesdienste – darunter ein Totengedenken auf dem Landsgemeindeplatz in Zug: für Flüchtlinge, die ertrunken sind. Gestern um 21 Uhr feierten wir in der Kirche St. Johannes in Zug die Osternacht mit Kerzen und einigen Elementen aus der jüdischen Passah-Tradition, und heute Morgen um 9.45 Uhr bringt eine Orchestermesse mit einem Barockorchester die Freude über das neue Leben zum Ausdruck.

Viel Zeit für Ihre Familie bleibt da kaum?

Ein bisschen Zeit für Spazierengehen und Sport bleibt schon. Und im Vorfeld bemalen wir zusammen Ostereier und backen Hasen in allen Grössen – das ist Familientradition. Die Kar- und Ostertage sind spannende Tage. Und Kirche ist mehr als nur Liturgie. Etwas ballt sich zusammen. Ostern bedeutet zugleich Freude und Nachdenklichkeit, Tod und Auferstehung. Das Leid der Welt – das Leben ist nicht nur Zuckerschlecken. Jeder Mensch trägt ein Kreuz mit sich. Und ich bin der festen Überzeugung, dass wir Menschen nur an ein gutes Leben glauben können, wenn wir untereinander in Beziehung sind. Die Tage bis Ostern sind existenziell, weil sie alle Facetten des Menschseins beinhalten.

Was muss man sich unter Auferstehung vorstellen? Glaubt heute noch jemand an so etwas?

Als am 21. März das Frühjahr mit Schneefall begann, zitierte ich im Gottesdienst Eduard Mörike: «Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte / Süsse, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land ...» Die Leute lachten. Wir feiern an Ostern das Neuwerden, und damit können die Menschen etwas anfangen. Auferstehung heisst auch: Augen auf. Wachsein für das neue Leben. Natürlich glauben viele nicht an Auferstehung im Wortsinn. Aber ich bin sicher, dass die Seele vieler Menschen tief verschüttet noch um diese transzendentalen Zusammenhänge weiss. Und Religion hat die Aufgabe, den Planeten als einen Ort des Friedens und des Glücks zu etablieren.

Sie sprechen von Neuwerden, von Neuanfang also. Aber was heisst «neu anfangen»? Womöglich gar nur: «Das Gleiche wie gehabt»?

Nach jedem Sonntag beginnt wieder der Alltag – auch das ist die Osterbotschaft. Aber wir sind dann ein bisschen verändert. Das Leben ist nie ganz gleich. Edith Stein (Philosophin und Frauenrechtlerin, 1891–1942, getötet in Auschwitz) sagte: «Mein Leben endet jeden Abend und beginnt jeden Morgen neu.» Stirb und werde neu – Ostern bedeutet Mühe, Schmerz, Knospen: Wer verändert sich schon gerne? Wer sagt schon gerne deutlich, er möchte etwas anders haben?

Weil Änderungen ein Wagnis sind?

Auch die Osterbotschaft ist ein Wagnis, indem sie in etwas Neues einwilligt. Bei Beerdigungen sind die Menschen jeweils sehr dankbar, wenn darauf hingewiesen wird, dass aus dem physischen Ende ­etwas Neues entsteht. Ob im Tod oder im Leben – in seinen Gedichten des «West-östlichen Divan» sagt Goethe einmal: «Und so lang du das nicht hast / dieses Stirb und Werde / bist du nur ein trüber Gast / auf der dunklen Erde.»

Sie selbst haben schon öfter den Job gewechselt – war das jedes Mal ein schöner Neubeginn?

In den letzten 30 Jahren: ja! Ich bin immer freiwillig gegangen, meist dann, wenn es am schönsten war. Meistens hat sich so ein Wechsel schon zwei Jahre vorher im Unbewussten angekündigt. Unruhe. Fragen. Sehnsucht. Ich vertraue da auch auf meine innere Stimme, oder religiös gesprochen: «Gottes Führung».

Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Hätten Sie ein Beispiel?

Ich erinnere mich an die Zeit vor dem Wechsel von Luzern nach Greppen. Auf einer Wanderung kam ich erstmals und zufällig in das Rigi-Dorf. Ich sass in der schönen Barockkirche. Plötzlich hörte ich eine innere Stimme: «Hier wirst du mal arbeiten.» Am nächsten Tag fragte ich beim Regionaldekan, Max Hofer, nach. Seine spontane Antwort erinnere ich noch wörtlich: «Das ist aber ein Zufall. Gerade jetzt hat der Pfarrer demissioniert.» So bin ich gut ein Jahr später nach Greppen gekommen. Es wurden zehn segensreiche Jahre. Eigentlich hatten wir als Familie gar nicht vor, wieder zu wechseln. Doch erneut passierten solche «Zufälle», und es ging weiter nach Zug.

So wie Sie das erzählen, hört sich das ganz leicht an?

Ich glaube, ähnliche Tiefenimpulse und Synchronizitäten erleben viele Menschen. Wichtig scheint mir, dass man diese tiefen Impulse ernst nimmt. Seine Rationalität dabei aber nicht ausschaltet. Das heisst beispielsweise: zu prüfen, ob die Bedingungen stimmen. Das kann auch heissen: mit Menschen zu sprechen, die dort leben, wo man hin möchte. Und es ist nicht «ganz leicht»: Denn solche Erlebnisse konfrontieren den Menschen mit dem Wesensgehorsam. Der verlangt manchmal Aufbrüche, die irrational schei­nen, dem Ego weh tun und doch richtig sind. Abschiedsschmerz gehört dazu. Das Vaterunser gibt da wichtige Impulse. Dort heisst es: «Dein Wille geschehe».

«Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...», sagt Hesse. Wie würden Sie diesen Zauber beschreiben?

Das Zitat geht ja weiter: «... der uns beschützt und der uns hilft zu leben.» So ähnlich erlebe ich das. Es gibt eine Begründung, warum ich jetzt hier bin. Das muss ich nicht rational wissen.

Sie sind gläubig. Doch wie verkraftet man den Tod ohne einen Glauben?

Das müssen Sie Atheisten fragen. Ich erlebe selten Menschen, die sagen: Da ist gar nichts. Aber ich erinnere mich gut an einen Atheisten, mit dem ich vor seinem Tod sprach. Ein junger Mensch, an Leukämie erkrankt und nicht gläubig, der mit mir – paradoxerweise – seine Beerdigung vorbereiten wollte. Ich fragte ihn: «Darf ich dich segnen?» Er meinte: «Nein, das möchte ich nicht.» Der junge Mann bekam irgendwann Morphium, fiel ins Koma, und als er kurz aufwachte, fragte er seine Angehörigen: «Bin ich jetzt neu geboren? Wie heisse ich?» Dann starb er. Das sind Momente, bei denen ich nur staunen kann. Wie viel grösser ist das Leben? Wie viel tiefer ist der Glaube, als viele Menschen denken?

Gibt es den Auferstehungsgedanken auch in anderen Religionen?

Es gibt ihn auch im Judentum und im Islam. Im Buddhismus wiederum ist ­alles mit allem in Verbindung. Und während der Buddhismus das Mitgefühl sehr stark auf seine Fahnen geschrieben hat, ist im Christentum das zentrale Wort die Liebe. Liebe, die hin und her fliesst und Unterschiede aufhebt.

Unsere Welt scheint in den letzten Jahren kälter und rauer geworden zu sein. Kann uns die Osterbotschaft da eine Hilfe sein?

Die Osterbotschaft lautet: Es lohnt sich. Es gibt viel Leid, Kälte und Grausamkeit auf der Welt, aber das aktiviert auch die Liebe in uns, und diese bleibt. Das erfahre ich täglich – beispielsweise im Gespräch mit der Mutter, die seit 40 Jahren ihren behinderten Sohn begleitet.

Es gibt aber auch viel Grausamkeit in der Bibel. Allein die Kreuzigung Jesu, oder man denke an Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern sollte.

Die Bibel spiegelt eben auch die Entwicklung unserer Menschheit. Abraham ist eine kollektive Figur, die einen kulturgeschichtlichen Wandel symbolisiert: Menschenopfer führen nicht dazu, dass etwas besser wird. Heute stellt sich uns die Frage, was man alles an die Arbeit oder das Geld opfern soll. Ich persönlich mag die brutalen Texte in der Bibel nicht – es gibt in ihr aber auch Texte voller Poesie und Liebe. Und wir haben das Recht, auszuwählen. Der Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965) sagte: «Ich habe keine Lehre, ich führe ein Gespräch.» Mir ist genau diese Einstellung je länger, je wichtiger.

Was an der Geschichte Jesu ist eigentlich historisch belegt?

Historisch belegt sind die Evangelien, die 70 bis 100 Jahre nach Jesu Geburt geschrieben wurden. Die Evangelisten berichten, dass Jesus in Jerusalem gekreuzigt, gestorben und begraben ist. Tage später begegnete Jesus als Auferstandener Frauen und Männern aus seiner Gemeinschaft. Belegt im heutigen wissenschaftlichen Sinne ist nichts. Aber es ist etwas erzählt worden, und das ist relevant. Wir haben die Schrift und die Tradition in der katho­lischen Kirche. Die Tradition lebt in der Gemeinschaft der Gläubigen, in Menschen, die den Glauben vorleben.

Kann Glaube Philosophie ersetzen?

Religion ist mehr als Philosophie, weil es bei ihr nicht ohne den Mitmenschen geht, Religion funktioniert nicht ohne die Gemeinschaft. Wir Christen sind als Schwestern und Brüder unterwegs.

Gemeinhin heisst es, im Kanton Zug feiere man den Mammon und nicht Gott. Fühlen Sie sich trotzdem wohl an Ihrem aktuellen Wohn- und Arbeitsort?

In der katholischen Pfarrei St. Johannes in der Stadt Zug, die ich leite, wohnen viele Leute mit Kindern und nicht so viel Geld. Manche müssen sogar wegziehen, weil sie sich Zug nicht mehr leisten können. Es stimmt, dass das Thema Geld in Zug sehr übermächtig ist. Und dennoch ­fallen einige im reichen Zug durchs Netz – das ist empörend. Die Verantwortung dafür möchte niemand übernehmen. Und es besteht ein unglaubliches Tabu, über Geldnot zu sprechen. Andererseits bekomme ich beispielsweise an Weihnachten immer wieder Briefe mit mehreren hundert Franken darin, die als Geschenk für Bedürftige gedacht sind. Insgesamt glaube ich schon, dass stimmt, was Jesus sagte: «Man kann nicht zwei Göttern dienen, dem Mammon und dem lieben Gott.»

Man weiss von Ihnen, dass Sie ein grosser Fan von Borussia Mönchengladbach sind. Vermissen Sie Ihre deutsche Heimat ab und zu?

Nein, wirklich nicht. Ich liebe die Berge. Die Schweiz ist meine Heimat. Es mag daran liegen, dass ich schon als Kind hier war. Bereits meine Grosseltern waren Berggänger und aktiv im Alpenverein. Die Liebe zu Borussia Mönchengladbach kommt aus der Zeit von Netzer, Vogts und Heynkes. Ich weiss, das ist irrational. Und dennoch bleibe ich Fan.

Werden Sie die WM verfolgen? Und für welches Land mitfiebern?

Die WM gehört dazu! Ich werde für die Schweiz und für Deutschland die Daumen drücken. Wenn sie dann im Achtelfinal aufeinandertreffen, weiss ich nicht, ob ich für David oder Goliath sein soll.

Schaut ein katholischer Gemeindeleiter, der in Düsseldorf geboren wurde, am Sonntagabend eigentlich auch den «Tatort» Dortmund?

Nein, aber den Luzerner «Tatort»! Ich beneide Reto Flückiger um die schönen Ankerplätze. Wo der mit seiner Liebsten grilliert, möchte ich mit meiner Frau auch mal einen Feierabend verbringen.

Abgesehen von Reto Flückigers Ankerplätzen – was gefällt Ihnen sonst noch an der Schweiz? Die Berge, klar. Und was noch?

Mir gefällt die Bodenständigkeit, gepaart mit einer hohen Verantwortung für das Naheliegende. Übrigens bin ich vor nunmehr acht Jahren an einem ganz besonderen Tag eingebürgert worden: Am 16. Juni 2010, also an dem Tag, als die Schweizer Fussballer an der WM in Südafrika die Spanier 1:0 besiegten. Das Gefühl war super: «Wir» haben den Europameister geschlagen.

Zurück zu Ostern: Warum ist das Wetter an Ostern oft so ­miserabel?

(Lacht.) Da fällt mir wieder Goethe ein. Und zwar dessen «Osterspaziergang», das Gedicht im «Faust», das mit den Zeilen beginnt: «Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick ...». Immerhin sind unsere Bäche ja aktuell frei von Eis.

Vor Schneefall ist man allerdings nie ganz sicher ... Grüne Weihnachten, weisse Ostern ... Welches Fest ist wichtiger?

Den Menschen ist Weihnachten wichtiger, weil Weihnachten Familie bedeutet, Geschenke, Zusammensein. Für die christliche Religion im Konzert der Weltreligionen ist Ostern wichtiger.

Letzte Frage – an den Gemeinde­leiter und Vater: Wann hebt die katholische Kirche das Zölibat auf?

Sie wird es aufheben. Ob in 1000 Jahren oder demnächst schon: Sie wird es aufheben. Und auch die Priesterweihe der Frauen wird kommen. Doch leider gibt es in der Kirche immer wieder Rückschritte. Ich persönlich bin froh, meine Ehe partnerschaftlich zu leben. Unser Familienname ist Grünenfelder, der Name meiner Ehefrau.

Mit der Liebe zu Mensch, Musik, Sport und Natur

Bernhard Lenfers Grünenfelder kam am 17. März 1962 in Düsseldorf zur Welt und wuchs im Münsterland auf. Der eingebürgerte Schweizer ist ausgebildeter Bibliothekar, studierter Theologe sowie initiatischer Therapeut (Begriff für Tiefenpsychologie, die den Körper miteinbezieht). Bernhard Lenfers kam 1992 in die Schweiz, wo er zunächst als Bundesleiter der Jungen Gemeinde in Zürich arbeitete. Nach seiner Zeit als Pastoralassistent in der katholischen Pfarrei St. Paul in Luzern wechselte er 2002 als Gemeindeleiter nach Greppen. Von dort ging es 2012 nach Zug, wo er seither die katholische Pfarrei St. Johannes der Täufer leitet. «Ein guter Ort», so der 56-Jährige, der von 2002 bis 2012 zudem als Lehrbeauftragter am Katechetischen Institut, heute Religionspädagogisches Institut der Universität Luzern, arbeitete. Bernhard Lenfers ist verheiratet und hat zwei Söhne (18 und 16 Jahre alt). Seine Hobbys sind vielfältig – sie reichen von Meditation, Lesen und Musik bis zu Yoga, Schwimmen, Tennis und Velofahren. Seit einiger Zeit spielt Lenfers in der Band Chrüsimüsig Gitarre und singt: Irish Folk, Klezmer, World Music. Seit 25 Jahren schon ist er Teil einer Luzerner Männergruppe. Bernhard Lenfers liebt zudem die Berge und das Wandern.

sh