GLAUBEN: «Religion gehört in die Öffentlichkeit»

Europa müsse sich wieder auf seine Wurzeln besinnen und auch zu seiner christlichen Identität stehen, sagt Kardinal Kurt Koch. Dass religiöse Zeichen in der Öffentlichkeit für Kontroversen sorgen, irritiert ihn.

Interview Kari Kälin
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Kardinal Koch hielt letzte Woche an der Universität Luzern (Bild) einen Vortrag zum Verhältnis zwischen dem Christentum und dem Judentum. (Bild Corinne Glanzmann)

Kardinal Koch hielt letzte Woche an der Universität Luzern (Bild) einen Vortrag zum Verhältnis zwischen dem Christentum und dem Judentum. (Bild Corinne Glanzmann)

Interview Kari Kälin

Wir feiern am Sonntag Ostern – wie jedes Jahr. Entdecken Sie am Fest der Auferstehung auch als 66-jähriger Kardinal immer noch etwas Neues?

Kardinal Kurt Koch: Ostern ist das grösste Fest, das unsere Kirche kennt. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Gott hat ihn zum zweitletzten Wort degradiert. Ostern verheisst Leben und Liebe. Diese Botschaft ist so grandios, dass man darin immer wieder neue Facetten entdeckt.

Wie kann man die Idee der Auferstehung heute einem Menschen erklären, vielleicht einem Kind?

Koch: Die Kinder sind sehr offen für dieses Thema. Sie setzen sich im Alter von vielleicht fünf oder sechs Jahren stark mit der Frage des Todes auseinander, etwa dann, wenn die Grosseltern sterben. In diesem Moment kann man Kindern erklären, dass die Menschen jetzt nicht mehr auf dieser Welt sind, aber weiterleben.

Und wenn Erwachsene solche Erklärungen ins Reich des Irrationalen verbannen?

Koch: Wer sich offen zeigt für diese so schöne Botschaft, nimmt sie an. Aufdrängen kann man sie niemandem. Allerdings: Früher oder später stellt sich bei jedem die Frage, ob nach dem Tod noch etwas kommt oder nicht.

In Europa wenden sich immer mehr Menschen von den traditionellen Kirchen ab. Was kann die katholische Kirche tun, damit der Glaube wieder aufersteht?

Koch: In Gegenden wie Europa, wo das Christentum eine lange Tradition hat, sich viele Menschen aber davon abwenden, ist eine neue Evangelisierung nötig. Bereits Papst Johannes Paul II. hat ein entsprechendes pastorales Programm in die Wege geleitet. Wir müssen die Grundelemente des christlichen Glaubens neu verkünden. Dabei spielt die Familie eine zentrale Rolle. Wenn die Eltern die Glaubensinhalte ihren Kindern nicht vermitteln, wird der Religionsunterricht überfordert sein.

Kann man die Menschen bei wichtigen Lebensabschnitten wie Taufe oder Hochzeit wieder dauerhaft für die Kirche gewinnen?

Koch: Das ist möglich. Die Geburt eines Kindes ist auch für den säkularisiertesten Menschen ein Wunder. Auch diese Menschen haben irgendwo das Bedürfnis, ihr Kind dem Schutz Gottes anzuvertrauen. Bei diesen Lebensabschnitten können wir die Einladung des christlichen Glaubens einbringen.

Hilft die kommunikativ offene Art von Papst Franziskus, oder ist das ein mediales Konstrukt?

Koch: Die katholische Kirche wächst stärker als die Weltbevölkerung. Die kritische Situation in Europa kann man nicht auf die ganze Welt übertragen. Die Art und Weise, wie Papst Franziskus sein Amt ausübt und auf Menschen zugeht, macht diese hellhörig für die positiven Werte der katholischen Kirche.

Hunderttausende Flüchtlinge fliehen vor Kriegen und Krisen nach Europa, die meisten sind Muslime. Was bedeutet das für das christliche Europa?

Koch: Die Flüchtlingsfrage ist so zentral, dass man unabhängig von der Religion zuerst einmal jenen helfen muss, die am meisten in Not sind. Die Flüchtlingsfrage bleibt eine ganz grosse Herausforderung für Europa. Die europäische Einheit wird stark in Frage gestellt durch unsolidarisches Verhalten von einzelnen Staaten, welche die Grenzen verriegeln, während sich etwa Deutschland offen zeigt.

Es gibt bereits Politiker, die christliche Flüchtlinge bevorzugen wollen. Ist das der richtige Weg?

Koch: Das erste Kriterium habe ich genannt: Man muss Menschen in Not helfen. Auf der anderen Seite müssten viele arabische Länder offener sein und ihre Glaubensbrüder aufnehmen. Unter den Flüchtlingen, die in Europa Schutz suchen, befinden sich aber auch Christen aus dem Irak und Syrien. Eine unserer ganz grossen Sorgen ist, dass im Mittleren Orient alle Christen vertrieben werden. Wenn wir dort nur noch Steine, aber keine Menschen mehr hätten, wäre das ein riesiger Verlust.

In Europa gibt es Ängste vor einer Islamisierung. Zu Recht?

Koch: Die grosse Herausforderung in Europa ist nicht die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums. Europa muss sich wieder auf seine Wurzeln besinnen und zu seiner auch christlichen Identität stehen. Dann kann man der Präsenz des Islams ganz anders begegnen. Man kann nur dann offen und angstfrei auf jemanden zugehen, wenn man selber eine gefestigte Identität mit positivem Selbstbild hat.

Der Luzerner Stadtrat wollte bei der Sanierung des Friedhofs Friedental bei der Abdankungshalle das Kreuz und andere christliche Symbole entfernen. Nun fand man einen Kompromiss: Man deckt die Wandmalerei bei Bedarf ab. Haben wir nicht mehr den Mut, unsere christliche Tradition zu leben, sind wir übertrieben konfessionell neutral?

Koch: Den konkreten Fall in Luzern kenne ich zu wenig gut, als dass ich dazu Stellung beziehen könnte. Generell möchte ich festhalten: Wir haben in der heutigen Gesellschaft unendlich viele Zeichen und Symbole. Bei der Polizei, der Feuerwehr, dem Musik-, Sport- und Studentenverein ist das kein Problem. Für Kontroversen sorgen dafür oft die religiösen Zeichen. Das weist für mich auf einen ungesunden Umgang mit der Religion in der heutigen Gesellschaft hin.

Das heisst?

Koch: Man kann die Religion nicht einfach in den Privatbereich abdrängen. Sie gehört in die Öffentlichkeit. Die Präsenz von Menschen mit verschiedener Religionszugehörigkeit fordert dazu heraus. Denn eine Gesellschaft, welche die Religion aus der Öffentlichkeit ins rein Private zurückdrängt, kann keinen interreligiösen Dialog führen.

Sie haben an der Universität Luzern kürzlich über den Dialog zwischen Christentum und Judentum gesprochen. Wie ist das Verhältnis heute? Welches sind die Gemeinsamkeiten?

Koch: Beim Zweiten Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche in der Erklärung «Nostra Aetate» ihr Verhältnis zu den nicht christlichen Religionen und vor allem zum Judentum neu definiert. In den vergangenen 50 Jahren haben sich die Beziehungen zum Judentum deutlich verbessert. Man hat das gemeinsame geistige Erbe, das auch im Alten Testament vorliegt, neu entdeckt. Die Betonung der gleichen Wurzeln hat den Dialog befruchtet. Das manifestiert sich unter anderem darin, dass Juden häufig nach Rom kommen. Wir könnten jede Woche eine Audienz für Juden beim Papst organisieren.

Erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sah die katholische Kirche davon ab, die Juden als Gottesmörder zu bezeichnen. Ein entscheidendes Signal für eine Entspannung?

Koch: Natürlich hat dies die Beziehungen verbessert. Lange betrachtete die katholische Kirche das Judentum nur aus einer negativen Perspektive. Die Juden waren jene, die sich dem christlichen Glauben verweigerten und Jesus umbrachten. Dabei ist klar, dass man nicht alle Juden zur Zeit Jesu für seinen Tod verantwortlich machen kann – und schon gar nicht jene, die heute leben.

Der Gottesmord-Vorwurf befeuerte im 19. und 20. Jahrhundert den Antisemitismus in Europa und auch in der Schweiz. Katholiken lehnten zwar den rassischen Antisemitismus ab, ein kultureller, sozialer und politischer Antisemitismus war aber erlaubt, zum Beispiel Kritik am Einfluss von Juden auf Presse und Kultur. Ist die Vergangenheit abgehakt?

Koch: Nein, diese Geschichte wirkt heute noch nach. Die traditionellen antijüdischen Ressentiments haben auch mit der Tatsache zu tun, dass der Mensch offenbar Sündenböcke braucht. Während langer Zeit wurde das Judentum für all das haftbar gemacht, was man als negative Entwicklung betrachtete. Ich hoffe, dass das schreckliche Ereignis des Holocaust, der Vernichtung eines Grossteils des europäischen Judentums, aufrüttelt und zeigt, wozu solche negativen Pauschalisierungen führen.

Als Kardinal sind Sie für die Ökumene zuständig. Wo sehen Sie die grossen Herausforderungen und Chancen im Dialog mit den Juden?

Koch: Auf sozialer, kultureller und gesellschaftspolitischer Ebene besteht eine gute Zusammenarbeit zwischen der christlichen und der jüdischen Welt. Aus Sicht der Kirche ist es Zeit, nun auch die theologischen und religiösen Fragen miteinander zu vertiefen. Uns verbindet auch eine gegenseitige Solidarität im Kampf gegen den Antisemitismus, der wieder aufflammt, was nach dem Schreckensereignis des Holocaust schwer verständlich ist. Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen und solche Tendenzen bekämpfen. Nicht wenige Juden zeigen sich ihrerseits auch solidarisch mit den Christen im Mittleren Orient und in Afrika, die durch islamistische Extremisten wie den IS oder Boko Haram verfolgt werden.

Im Nahostkonflikt wird Israel oft als Bösewicht dargestellt, der die Palästinenser unterdrückt. Man hat den Eindruck, Juden in ganz Europa werden für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht. Torpediert das den Dialog zwischen Christentum und Judentum?

Koch: Der Nahostkonflikt ist sehr komplex. Die Landverheissung gehört zur Identität des Judentums. Auf der anderen Seite ist Israel ein Staat und muss wie jeder andere Staat für Kritik offen sein. Solche Kritik darf man nicht als antisemitisch bezeichnen. Wenn daraus aber Antisemitismus entsteht, muss man ihn bekämpfen. Man kann aber nicht alle Juden für die Politik Israels verantwortlich machen. Wenn der Bundesrat einen Entscheid fällt, der mir nicht passt, kann ich auch nicht alle Schweizer anklagen.

Zurück zum morgigen Osterfest. Für immer mehr Leute ist es ein Ereignis mit primär weltlichen Traditionen. Wie lässt sich der Gedanke von Erlösung und Auferstehung auch in säkularisierte Kontexte einbringen, zumal zumindest die Sehnsucht nach Trost und Hoffnung fast jedem Menschen innewohnt?

Koch: Alle Menschen haben ein gemeinsames Schicksal: Das irdische Leben ist endlich. Auch in einer säkularen Gesellschaft stellt sich die Frage, wie die Menschen zum Tod stehen, ob sie ihn ausblenden oder in ihr Leben integrieren. Insofern spielt der Gedanke von Ostern für alle Menschen eine Rolle – es sei denn, man will eine sensible Beobachtung des grossen Psychologen Sigmund Freud bestätigen, der einmal gesagt hat: «Jeder Mensch hält jeden Menschen für sterblich – ausgenommen sich selber.»

Hinweis

Kardinal Kurt Koch (66) ist Präsident des päpstlichen Einheitsrates und somit vatikanischer Minister für die Ökumene. Kurt Koch wuchs in Emmenbrücke auf.