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GLÜCKSFORMEL: Schwedische Lagom-Philosophie soll uns ein ausbalanciertes Leben bringen

Nachdem uns die Trendsetter das dänische Lebensgefühl Hygge, die Suche nach Gemütlichkeit, nahelegten, folgt die schwedische Lagom-Philosophie. Sie soll uns auf den ausbalancierten Mittelweg bringen.
Silvia Schaub
Ein Leben im richtigen Mass: Lagom heisst Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Rücksichtnahme. (Bild: Getty)

Ein Leben im richtigen Mass: Lagom heisst Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Rücksichtnahme. (Bild: Getty)

Silvia Schaub

Wie gemütlich war doch der letzte Winter, der uns auf allen Kanälen die dänische Hygge-Philosophie ans Herzen legte: Knisterndes Kaminfeuer, selbst gebackener Kuchen, wärmende Wollsocken und viele liebe Freunde um uns herum. Da mochte es draussen in der Welt noch so unwirtlich zu und her gehen, in den eigenen vier Wänden war alles im grünen Bereich. Aber ein solcher Trend ist eben auch vergänglich. Deshalb steht schon der nächste vor der Tür. Lagom heisst er und kommt ebenfalls aus dem Norden und ist sozusagen die schwedische Formel zum Glück. Wer der schwedischen Sprache nicht mächtig ist, hat das Wort wohl kaum je gehört. Es ist auch nicht so, dass die Schweden ein grosses Trara um Lagom machen würden. Es huscht ihnen eher mal so locker über die Lippen – fast wie unser «passt schon» oder «ok».

Nicht zu langsam, nicht zu schnell

Dabei hat es das Wörtchen durchaus in sich. Kurz und prägnant, aber ungeheuer bedeutsam ist es nämlich für Schweden. So bedeutsam, dass man auch sagt, es fange die schwedische Identität sozusagen in der Nussschale auf. Übersetzt werden kann Lagom (ausgesprochen wird das a übrigens wie ein kurzes o, und das o wie ein u, also «Logum») ungefähr mit «angemessen, gerade richtig». Im Deutschen brauchen wir dazu eine Umschreibung wie: nicht zu gross und nicht zu klein, nicht zu kalt und nicht zu warm oder nicht zu langsam und nicht zu schnell. «Wir haben ein ganz eigenes, einzelnes Wort dafür, und das sicher deshalb, weil wir es einfach gut finden, wenn jemand oder etwas lagom ist», meinte Åke Daun in einem Interview gegenüber Radio Schweden. Der in diesem Sommer verstorbene Wissenschafter gilt als bekanntester Forscher in Sachen schwedischer Mentalität und schrieb das viel beachtete Buch «Svensk mentalitet».

Der Ausdruck soll übrigens auf die Wikinger zurückgehen und den Vorgang eines herumgehenden Trinkhorns oder Bechers bezeichnen, der genau so viel enthalten haben soll, dass jeder in der Runde einmal und gleich viel davon trinken konnte. Laut Sprachwissenschaft geht das Wort auf das «laget om» _ sinngemäss für «einmal für die ganze Mannschaft» zurück und wurde verkürzt zu «lagom».

Normcore, Bland, Lagom

«Lagom, das ist Schweden, so wie Schweden lagom ist», brachte es Åke Daun auf den Punkt. Das Wort ist also mehr als ein Wort. Es steht für eine ganze Lebensphilosophie, eine Grundhaltung. Die gebürtige Nigerianerin Lola A. Åkerström, die in Schweden lebt, beschreibt in ihrem Buch «In der Mitte liegt das Glück» Lagom als schwedischen Lebensstil, der sich aus Bewusstsein, massvollem, gesunden Leben und Nachhaltigkeit zusammensetzt. «Nicht durchschnittlich, nicht mittelmässig. Nein, genau im richtigen Mass.» Diese Lebenseinstellung sei «ein Statement gegen jegliche Form von Exzess, Übertreibung, unnötiges Aufsehen und Angeberei».

Diese Prinzipien passen perfekt in unsere Zeit, in der sich immer mehr Menschen in ihrem Alltag nach Minimalismus, Achtsamkeit und Ausgewogenheit sehnen, so sieht es die Badener Trendforscherin Joan Billing. Die ersten Vorboten sah Billing bereits in der weltweiten Bewegung des «Normcore», der sich bereits vor ein paar Jahren ins Gespräch brachte. Der Hybrid aus «Normal» und «Hardcore» steht für eine unscheinbare, vollkommen langweilige «Normalo-Generation». Schon Anfang 2013 erklärte Li Edelkoort, eine der wichtigsten Trendforscherinnen unserer Zeit, das Thema «Bland – fade oder langweilig» zum Trend einer neuen Generation, die vom Internet absorbiert wurde und nicht mehr anders als alle anderen sein will. Diese Generation sei höflich, angepasst und unauffällig, will in der Masse untertauchen und so das Individuum schützen. «Auch Lagom gehört zu einer dieser Trendbewegungen», sagt Joan Billing. Auf der Suche nach innerem Frieden und Harmonie gehe die neue digitale Generation Y einen ganz eigenen Weg. «Entschleunigung ist ihr Mantra als Gegenbewegung zu Sofortness. Geprägt durch die Chancen und Gefahren der Globalisierung und Digitalisierung, hinterfragt sie starre Hierarchien und untersucht Althergebrachtes.» Im Zentrum steht mehr Zeit für sich, Freunde und Familie.

Schon die Griechen suchten das Glück der Mitte

Man kann nun denken, dass die Philosophie von Lagom nach einem rundum ausbalancierten Leben nicht wirklich ein neues Phänomen sei. Schon die Griechen suchten schliesslich das Glück der Mitte, aber auch fernöstliche Philosophien. Und doch scheint das Wörtchen gerade den Nerv der Zeit zu treffen. Plötzlich ist alles lagom. Kürzlich flatterte eine Ankündigung über die Pflegeprodukte-Linie Barnängen aus Schweden in die Mailbox, die nun auch in der Schweiz angeboten wird. Natürlich ist sie lagom. In Korea gibt es eine Beauty-Marke namens Lagom. Und bereits gibt es auch ein Magazin namens «Lagom». Dieses wird von einem Team in Bristol zweimal jährlich herausgegeben.

Wie kommt man aber zu einem Leben im richtigen Mass, wenn man Lagom nicht schon mit der Muttermilch aufsaugt hat? Das versuchen nun gleich mehrere Bücher zu erklären. Lagom ist nicht nur eine innere Haltung , sondern umfasst sämtliche Lebensbereiche. Zudem verändert sich Lagom je nach Situation. «Unter bestimmten Umständen kann es lagom sein, emotional zu reagieren – oder aber gleichgültig. Lagom kann Qualität oder Quantität bestimmen, positiv oder negativ gedeutet werden. Es kann aber auch Realitätssinn, Logik und gesunden Menschenverstand kennzeichnen», schreibt Lola A. Åkerström. Das zieht sich vom Essen über die Mode und Design bis hin zu Job und Finanzen. «Dabei geht es nicht um tatsächliche Perfektion, sondern um die optimale Lösung und eine harmonische Wellenlänge.» Aber letztlich steht vor allem eines im Fokus: Achtsamkeit und Rücksichtnahme gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft. «Lagom hat eine Kultur der Fairness und des Vertrauens geschaffen», betont der schwedische Unternehmensberater und Ökonom Kjell A. Nordström. «Es zügelt Konsumismus und Selbstsucht, und es sorgt dafür, dass das ganze Team – ob nun eine Schule, eine Firma oder eben auch ein ganzes Land – gerecht an allem beteiligt wird». Tugenden, die sich in jedem Lebensbereich umsetzen lassen.

Die Schweden haben es nicht nur in Sachen Mode und Design tatsächlich drauf. Das Nordische fasziniert und beeindruckt mit seiner Reduktion aufs Wesentliche und Zeitlose. Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass der «New Nordic Raw» einer der angesagtesten Trends in Architektur und Design, aber auch in der Gastronomie sei, betont Trendforscherin Joan Billing. Vielleicht sollten wir uns tatsächlich eine Scheibe «lagom» abschneiden. Schliesslich sollen in Skandinavien die Menschen am glücklichsten sein.

Wie sagte doch schon Oscar Wilde: «Do everything in moderation, including moderation!» – Alles in Massen, auch das Masshalten!

Literatur: Lola A. Åkerström, In der Mitte liegt das Glück, Knesebeck, 192 S., Fr. 21.90; Linnea Dunne, Lagom – glücklich Leben in Balance, Callwey, 160 S., Fr. 24.90; Anne Brones, Lagom – Das Geheimnis des schwedischen Lebensglücks, Busse-Seewald-Verlag, 224 S., Fr. 29.90; Steffi Knowles-Dellner, Lagom – das Kochbuch, Edition Michael Fischer, 192 S., Fr. 36.90.

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