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GRAPHIC NOVEL: Harte Fakten, harter Strich

Ulli Lust lässt ihrem gefeierten Erstling eine Fortsetzung folgen, in der sie schonungslos das eigene Erleben illustriert – diesmal in einer Dreiecksbeziehung.
Valeria Heintges
Der Sohn spielt mit dem Freund: Ulli Lusts Fortsetzung ihrer autobiografischen Rückschau beginnt ganz gemächlich und spielt auch in einem kleinbürgerlichen Milieu. (Bild: PD)

Der Sohn spielt mit dem Freund: Ulli Lusts Fortsetzung ihrer autobiografischen Rückschau beginnt ganz gemächlich und spielt auch in einem kleinbürgerlichen Milieu. (Bild: PD)

Valeria Heintges

Ulli Lust zieht sich aus. Wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Die österreichische Comiczeichnerin, die seit Jahren in Berlin lebt, hat schon in ihrem ersten Comic «Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens» schonungslos von sich selbst berichtet. Dafür gewann sie unter anderem den Prix Révélation am Comicfestival in Angoulême, den Book Award der «Los Angeles Times» und den Max-und-Moritz-Preis als beste deutschsprachige Zeichnerin.

Ulli Lust gab sich keine Schonung für Dummheit, Unbedarftheit, Naivität. Offen erzählte sie, wie sie als 17-jährige Punkerin nach Italien flieht, von Stadt zu Stadt reist, ohne Geld. Wie sie bettelt, sich prostituiert – und erst von all der Feierei und Draussenschlaferei genug hat, als sie immer tiefer in den Süden gelangt, immer tiefer in die Fänge der Machogesellschaft und in den Sumpf der Mafia gerät.

Fortsetzung der persönlichen Rückschau

In ihrem neuen Comic «Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein» setzt Ulli Lust ihre autobiografische Rückschau fort. Sie bekommt einen Sohn, Philipp, sein Vater bleibt unbekannt. Philipp kommt zu den Grosseltern in Pflege, die Mutter besucht ihn aber regelmässig. Mit ihrem Leben weiss die junge Frau immer noch nicht recht etwas anzufangen. Gerne möchte sie Kunst studieren, wird aber von den Universitäten abgelehnt. So hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, die sie nicht zuletzt von ihrem Freund Georg bekommt, der 18 Jahre älter ist als sie und ein bekannter Schauspieler. Er ist Künstler, der Mann, mit dem sie reden, sich austauschen, sich wohlfühlen kann. Aber im Bett klappt es nicht. Georg will nicht mehr. Und so sucht sich Ulli einen Geliebten.

Ein ungeschönter Blick in menschliche Abgründe

Den findet sie in Kimata aus Nigeria, der sie anspricht, als sie sich auf einer Wiese gerade einen Joint dreht. Die Beziehung bleibt ein Rausch. Ein Sexrausch, ein Reigen der Lust, den Ulli Lust auch genauso immer wieder zeichnet: seitengross die Körper, ineinander verwirbelt, er bei ihr, sie bei ihm, er wieder bei ihr – zwei Ullis, drei Kims, jede Menge Notentriller, Schweisstropfen, nackte Haut, Wirbel und Gestöhn.

Wie gesagt: Ulli Lust zieht sich aus. Sie erzählt auch von menschlichen Abgründen, nicht zuletzt ihren eigenen. Dabei bleibt sie nicht nur ihrer selbstentblössenden Erzählweise, sondern auch ihrem Zeichenstil treu. Wieder dieser etwas krakelige Strich, der auch vor verzerrten Gesichtern und Körpern nicht zurückscheut. Hier wird nichts schöngefärbt, sondern die Liebe zu harten Kanten, nackten Körpern und harten Fakten zelebriert. Wieder sind die Zeichnungen schwarz-weiss mit einer Zusatzfarbe. Das lässt auch den weissen Georg, die weisse Ulli und den schwarzen Kim hart aufeinanderprallen. Die Zusatzfarbe ist nicht grün wie im Erstling – selten war so viel enttäuschte Hoffnung –, sondern rosa – und selten wurde so wenig rosarot gezeichnet.

Dramaturgie entwickelt unwiderstehlichen Sog

Die Seiten sind zwar kleinteilig strukturiert, aber nicht mehr so eng, beinahe gequetscht, das lässt das Erzählte freier und weniger von aussen getrieben wirken. Ulli Lust kann auch anders, wie sie in ihrer Illustration von Marcel Beyers «Flughunde», ebenfalls bei Suhrkamp, bewies: Ein Blick in die NS-Zeit, in vierfarbigen, detailverliebten Bildern, die zuweilen wie Linolschnitte wirken.

Auch zum Erzählen nimmt sich Ulli Lust jetzt mehr Raum; es passiert in Wien einfach nicht so brutal viel wie auf der Italienreise. Ruhig und gemächlich fliesst ihr Erzählstrom, es gibt redundante Momente, zuweilen ermüden die erigierten Penisse und die tropfenden Vaginen, um einmal Ulli Lusts Deutlichkeit aufzunehmen. Doch entwickelt die Dramaturgie so einen Sog, dass man das Buch nicht aus der Hand zu legen vermag. Weil die Zeichnerin das richtige zusammenbringt: einen kargen Strich, eine schonungslose Erzählung, eine deutliche Dramaturgie. Ein Buch für Kenner.

Ulli Lust: Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein, Suhrkamp, 367 Seiten, Fr. 36.90

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