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HAARANALYSE: Es geht auch mit Körperhaar

Aus einem Haar lässt sich vieles herauslesen. Es muss aber lang genug sein, sagt der St. Galler Rechtsmediziner Jochen Beyer. Zudem gibt es auch Grenzen.
Interview Bruno Knellwolf
Für eine rechtsmedizinische Haaranalyse braucht es ein Büschel, das nahe an der Kopfhaut abgeschnitten wird. Glatzenträger kommen nicht ungeschoren davon. (Bild: Getty)

Für eine rechtsmedizinische Haaranalyse braucht es ein Büschel, das nahe an der Kopfhaut abgeschnitten wird. Glatzenträger kommen nicht ungeschoren davon. (Bild: Getty)

Interview Bruno Knellwolf

Herr Beyer, der Fall des deutschen Fussballtrainers Christoph Daum im Jahr 2000 ist legendär. Mit einer Haarprobe wollte er beweisen, dass er kein Kokain konsumiert habe. Der Schuss ging nach hinten los.

Jochen Beyer*: Der Fall Daum war für uns Haaranalytiker sehr medienwirksam. Daum zweifelte an der Möglichkeit dieser Analytik. Deshalb wagte er es, seinen Kokainkonsum so vehement abzustreiten. Die Haaranalyse zeigte dann, dass er nicht nur ein kleines Spürchen konsumiert hatte. Diese Wissenschaft stand damals noch am Anfang. Der Fall Daum führte dazu, dass die Behörden von da an auf die Methode der Haaranalyse setzten.

Wie oft werden denn am Institut für Rechtsmedizin Haare untersucht?

Beyer: Hier in der Toxikologie werden im Jahr etwa 3000 Fälle untersucht. Gesucht wird nach toxikologischen Spuren im Haar, nach Substanzen, die sich eingelagert haben. Man kann auch die DNA untersuchen. Dafür braucht es eine Haarwurzel, die auf eine Straftat schliessen liesse, so wie beim Speichel und beim Blut. Das macht der Fachbereich DNA. Die Hauptanwendung am Institut für Rechtsmedizin ist aber die toxikologische Untersuchung von Haaren.

Wie viele Haare braucht es für eine solche Untersuchung?

Beyer: Ein Haar reicht nicht. Wir brauchen ein Haarbüschel, das nahe an der Kopfhaut abgeschnitten wird. Wir versuchen, das so frisurschonend wie möglich zu machen. Eine halbe Bleistiftdicke brauchen wir aber. Bei den Probanden werden zwei Haarbüschel abgeschnitten, damit wir auch eine B-Probe haben. Da wir die abgeschnittene Stelle mit Deckhaar abdecken, sieht man normalerweise nichts.

Warum braucht es für die Haaranalyse ein ganzes Büschel?

Beyer: Substanzen, die wir konsumieren, werden im Haar eingelagert. Die Konzentration dieser Substanzen ist aber sehr gering. Vergleichbar mit der Konzentration eines Würfels Zucker im Bodensee. Wir reden von Mengen in Pikogramm. Deshalb brauchen wir ein gewisses Volumen, um etwas finden zu können.

Wann wird die Haaranalyse eingesetzt?

Beyer: Meistens geht es um Abstinenzkontrollen. Um Menschen, die von Amtes wegen keine Art von Drogen konsumieren dürfen aufgrund einer Vorgeschichte. Manchmal geht es auch um Arzneimittel.

In welchem Rhythmus wird eine solche Abstinenzkontrolle, also eine Haarprobeentnahme, durchgeführt?

Beyer: Üblicherweise alle sechs Monate. Deshalb gehört es oft zur Auflage, dass sich der Vorgeladene einen Teil der Frisur wachsen lässt.

Das ist schwierig für Glatzenträger.

Beyer: Als Alternative könnten wir auch Körperhaare verwenden. Die zeitliche Interpretation ist dann aber viel schwieriger – also festzustellen, wann jemand Alkohol oder Drogen konsumiert hat.

Warum?

Beyer: Das Kopfhaar wächst sehr regelmässig und beinahe unbegrenzt. Wenn wir die Kopfhaare zwei, drei Jahre wachsen lassen, werden diese immer länger. So lässt sich die Einnahme einer Substanz weit zurückverfolgen. Das ist bei Brusthaaren anders. Körperhaare wachsen nur bis zu einer bestimmten Länge, fallen aus und werden durch ein nächstes ersetzt. Da wir in der Analytik aber Auskunft über einen bestimmten Zeitraum wollen, ist das mit Körperhaaren, die kurz wachsen, schlechter möglich.

Wie lange lassen sich giftige Sub­stanzen zurückverfolgen?

Beyer: So lange, wie es die Haarlänge zulässt. Jeder Mensch hat eine Maximal-Haarlänge. Diese ist genetisch festgelegt. Das durchschnittliche Wachstum beträgt einen Zentimeter pro Monat. Meine wachsen etwas schneller, 1,7 Zentimeter.

Was kann man aus einem Haar lesen?

Beyer: Wir lesen nicht den Alkohol selbst aus dem Haar, sondern ein Abbauprodukt, das sich in den Haaren fix einlagert, ebenso bei allen klassischen Drogen und Medikamenten. In der Regel interessieren uns illegale Substanzen. Ob aber zum Beispiel auch Antibiotika eingelagert werden, wissen wir nicht, weil noch keiner danach gefragt hat.

Und was ist mit Pestiziden?

Beyer: Es gibt Studien übers Tierhaar, wo das geprüft wird. An unserem Institut nicht. Ein weiteres wachsendes Feld in der Haaranalytik ist der Dopingtest. Mit der Haaranalyse lassen sich langfristige Aussagen machen, also über zurückliegende Trainingsphasen hinweg. Auch das machen wir hier nicht.

Wie werden die Substanzen im Haar abgelagert?

Beyer: Es gibt drei Arten der Ablagerung aus dem Körper heraus. Zum ersten über die Blutzufuhr in der Haarwurzel. Damit das Haar wächst, braucht es eine Blutzufuhr. Mit dem Haar wachsen so auch die Substanzen aus dem Körper heraus. Zum Zweiten werden die Substanzen über Schweiss im Haar abgelagert, ein Abpressprodukt des Blutes. Und drittens über Sebum, Talg, der von uns ausgesondert wird, damit die Haare fettig bleiben. Auch Talg wird aus dem Blut abgepresst. Zudem würden wir auch feststellen, wenn eine Substanz von aussen in die Haare geschmiert worden wäre. Also zum Beispiel ein alkoholhaltiges Shampoo. Als Ausrede bei Nichteinhalten der Abstinenz würde das allerdings nichts nützen, weil wir im Haar ja das Abbauprodukt des Alkohols festhalten.

Wie werden die Spuren gefunden?

Beyer: Interessiert uns ein halbes Jahr zurück, entnehmen wir fünf Zentimeter. Diese Probe wird mit Stahlkugeln pulverisiert. Die Substanzen werden dann mit einem chemischen Mittel aus dem Haar gelöst. Danach wird mit einer hochsensitiven Analysemaschine spezifisch nach Substanzen gesucht.

Wie schnell lässt sich der Alkohol im Haar nachweisen? Schon das Bier vom Vorabend?

Beyer: Das ist unwahrscheinlich. Wir untersuchen ja das Haar, das aus dem Kopf herausgewachsen ist. Es braucht etwa 14 Tage, bis das Haar von der Wurzel bis zur Kopfhaut gewachsen ist. Weil Substanzen wie Kokain aber auch über Schweiss und Talg ins Haar kommen, ist es eventuell möglich, diese schneller nachzuweisen. Aber der Hauptteil kommt erst zum Vorschein, wenn das Haar herausgewachsen ist. Deshalb wartet man nach einem Vorfall drei bis vier Wochen, bis man Haare für die Probe abschneidet.

Eine Studie der Universität Freiburg hat im letzten Oktober nachgewiesen, dass Haaranalysen kein eindeutiger Beweis für Cannabiskonsum seien. Überrascht?

Beyer: Nein, ich kannte diese Studie schon länger und habe mit dem Freiburger Kollegen bereits vor der Veröffentlichung über die Ergebnisse diskutiert.

Die Studie zeigt, dass die Einlagerung des Cannabis-Hauptwirkstoffs THC nicht über den Blutkreislauf stattfindet und Abbauprodukte von THC über Schweiss und Hauttalg bei Körperkontakt auf andere Personen übertragen werden können. Hat denn das keinen Einfluss auf Ihre Arbeit?

Beyer: Nein, die Haaranalysegruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin empfiehlt in der Abstinenzkontrolle die Verwendung einer Analyse auf Cannabis derzeit ohnehin nicht. Zudem wird in der täglichen Interpretation von Haaranalyse-Ergebnissen eine «Kontamination» durch Rauch immer mitbedacht.

Luzern ist Zürcher Aussenstelle

In der Schweiz gibt es sieben Institute für Rechtsmedizin (Aarau, Basel, Bern, Chur, Lausanne-Genf, St. Gallen, Zürich). Für die Innerschweiz ist das Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich (IRM-UZH) zuständig. An mehreren Tagen pro Woche ist jeweils ein Mitarbeiter der verkehrsmedizinischen Abteilung des IRM-UZH in Luzern präsent. Hauptsächlich werden dabei im Auftrag des Strassenverkehrsamtes verkehrsmedizinische Abklärungen durchgeführt und dabei auch Haarproben sichergestellt, welche zentral im Labor in Zürich analysiert werden. Weitere rechtsmedizinische Untersuchungen erfolgen auf Polizeidienststellen oder im Spital. Es sind dies körperliche Untersuchungen von lebenden Personen nach Gewalteinwirkung, Sexualdelikten oder Kindesmisshandlung. Obduktionen und Bildgebung (Virtopsy) werden ausschliesslich am Institut in Zürich durchgeführt.

hag

Mitarbeit: haG

Hinweis

* Dr. rer. nat. Jochen Beyer ist Fachbereichsleiter Forensische Toxikologie am Institut für Rechts- medizin des Kantonsspitals St. Gallen.

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