HÄNDESCHÜTTELN: Hand aufs Herz: Macht das froh?

Hierzulande gehört es zum guten Benehmen, in anderen Kulturen widerspricht es diesem geradezu. In Grippezeiten wird davon abgeraten, für Schüler ist es Pflicht. Ein Dilemma.

Susanne Holz
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Zur Begrüssung kurz und kräftig die Hand drücken – im Westen ist das kulturelles Gemeingut. (Bild: Getty)

Zur Begrüssung kurz und kräftig die Hand drücken – im Westen ist das kulturelles Gemeingut. (Bild: Getty)

Susanne Holz

Der deutsche Innenminister und CDU-Politiker Thomas de Maizière verortete es kürzlich als «Leitkultur» und als unabdingbar für eine gelungene Integration: das Händeschütteln. Damit erntete er viel Kritik. FDP-Chef Christian Lindner meinte beispielsweise: «Ich finde, unsere Leitkultur sollte das Grundgesetz sein. Das ist offen für alle.»

Ja, das Händeschütteln. Ein kontroverses Thema. Ein politisch aufgeladenes Thema in Zeiten islamisch-christlicher Konfrontation. Dabei – seien wir ehrlich – lehnt wohl nicht nur der eine oder andere Muslim den Handschlag lieber ab – aus welchen Gründen auch immer. Auch mancher christlich erzogene und westlich geprägte Schüler ist genervt, muss er seinem Lehrer jeden Morgen brav die Hand schütteln. Und wer ist nicht schon mal davor zurückgeschreckt, einem Grippekranken die Hand zu geben? Oder hat – selbst krank – seine Hand aus Rücksicht dem anderen verweigert? Jeden Winter zur Grippezeit ist es neu ein Paradox: Ärzte und Gesundheitsinstitutionen warnen vor der Ansteckungsgefahr via Hände – die Gesellschaft aber propagiert den Handschlag als unentbehrliches kulturelles Gut.

Den Asiaten gilt ein fester Händedruck als grob

Soeben war wieder einmal der internationale «Tag der Händehygiene». Dieser wurde 2009 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Kampagne «Save Lives: Clean Your Hands» («Rette Leben: Reinige deine Hände») eingeführt und findet jährlich am 5.5. statt. Der Aktionstag soll vor allem das Personal in medizinischen Einrichtungen ansprechen. Aber natürlich betrifft Händehygiene jedermann: Wissenschafter rechneten hoch, dass wir im Laufe unseres Lebens im Schnitt bis zu 15000 Mal unseren Mitmenschen die Hand geben. Knigge-Regeln für den perfekten Handschlag gibt es zuhauf: Man solle Blickkontakt halten und dem anderen die Hand nicht länger als fünf Sekunden drücken. Der Gastgeber reiche seinen Gästen die Hand, im Geschäftsleben entscheide der Ranghöchste, ob er die Hand geben wolle oder nicht.

In westlichen Ländern ist das Händeschütteln gängiges nonverbales Begrüssungs- und Verabschiedungsritual. In anderen Kulturen ist es unüblich oder auf gleichgeschlechtliche Kontakte beschränkt. Und während im Westen ein kräftiger Händedruck als positiv gilt, wird dieser in Asien als grob empfunden.

Denkt man weit, weit zurück, dann dürfte ein Vorläufer des Händedrucks das Winken gewesen sein, welches «ursprünglich wohl dazu diente, dem Gegenüber die leere Waffenhand zu präsentieren», wie Wikipedia weiss. Auf römischen Münzen findet sich das Händeschütteln als Symbol der Eintracht – Jahrhunderte später steht der Händedruck im Parteisignet der SED für die Einheit der Arbeiterbewegung in der DDR.

Aktuell scheint der Brauch des Handschlags die Menschen eher zu trennen als sie zu verbinden. Im Kanton Basel-Land erklärte eine Schulbehörde 2016 den Handschlag mit der Lehrkraft für alle Schüler zur Pflicht. Anlass war die Weigerung zweier muslimischer Schüler, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Die Schüler begründeten das damit, dem weiblichen Geschlecht mit Respekt begegnen zu wollen. In der aufgeheizten Debatte zwischen Muslimen und Christen mag es hilfreich sein zu wissen, dass auch orthodoxes Judentum und Hinduismus den Handschlag zwischen Männern und Frauen teils ablehnen. Und dass im Islam die Meinungen auseinandergehen. Ein von uns befragter Muslim plädiert dafür, kulturelle Eigenheiten zu respektieren und empfiehlt, es nicht als Provokation zu sehen, streckt eine Frau oder ein Mann die Hand nicht aus. Andreas Tunger-Zanetti vom Zentrum Religionsforschung in Luzern gibt zu bedenken: «‹Den› Islam gibt es nicht. Es gibt keine zentrale Instanz, die etwas festlegt, geschweige denn kontrolliert.»

Man sollte die Hände oft und gut mit Seife waschen

Und der hygienische Aspekt? 2007 sah eine Studie im Händeschütteln – neben dem gemeinsamen Kontakt von Menschen mit Oberflächen – den wichtigsten Übertragungsweg von Erkältungs- wie Magen-Darm-Infektionen. Donald Trump – bekannt für seine Keimphobie – wusste das wohl schon 1987, als er schrieb: «Der simple Akt des Händeschüttelns ist ein Fluch der amerikanischen Gesellschaft.»

Aline Wolfensberger, Oberärztin Infektiologie am Universitätsspital Zürich, beruhigt jedoch: «Händeschütteln ist eine Form des gegenseitigen Respekts. Erkältungsviren können uns über die intakte Haut der Hände nicht infizieren. Eine Ansteckung erfolgt erst, wenn man die Viren über die Hände zu den Schleimhäuten bringt – sich also an Nase oder Augen fasst.»

Deshalb: Hände oft und gut – etwa 30 Sekunden lang – mit Seife waschen. Und wenn der Lehrer Schnupfen hat? Knigge-Expertin Simone C. Styger findet: «Ist ein Lehrer stark krank, darf der Schüler kommunizieren, weshalb er heute lieber auf den Händedruck verzichten möchte.» Auf die Frage, ob Händeschütteln an Schulen überhaupt zeitgemäss sei, antwortet Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz: «Historisch gesehen ist der Handschlag an Schulen eine eher neuere Begrüssungsform. Ich kann mir gut vorstellen, dass er in einigen Jahren aus hygienischen Gründen wieder durch andere Begrüssungsformen ersetzt wird.»