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HANF: Cannabis im Joghurt – Hanfprodukte boomen

Der medizinische Nutzen von Hanf ist zwar belegt, legal verkauft werden darf das Kraut mit hoher Rausch- und Suchtwirkung aber noch immer nicht. Jetzt boomen Cannabidiolprodukte, diese bergen aber Risiken.
Angela Bernetta
Firmen wie die Botanicals AG produzieren unter professionellen Bedingungen Cannabisprodukte. (Bild: Christian Beutler/KEY (Kradolf-Schönenberg, 18. Oktober 2017))

Firmen wie die Botanicals AG produzieren unter professionellen Bedingungen Cannabisprodukte. (Bild: Christian Beutler/KEY (Kradolf-Schönenberg, 18. Oktober 2017))

Angela Bernetta

Sonja Hell leidet seit ihrer Kindheit unter starker Migräne. Schmerztabletten waren die Antwort der Ärzte. «Die Medikamente helfen zwar», sagt die 43-jährige Lehrerin, «haben aber unangenehme Nebenwirkungen.» Einige machen auf Dauer abhängig, andere verursachen Übelkeit. Eine Freundin wies sie auf die entspannende Wirkung von Cannabis hin und schenkte ihr eine Tinktur, die wenig Cannabidiol enthält. Seither rührt Sonja Hell ein paar Tropfen unters Joghurt. «Die Migräne­anfälle sind so erträglicher.» Die Dosierung habe sie im Griff, da sie keine berauschende Wirkung suche.

Das Schweizer Lebensmittelgesetz erlaubt zwar den Konsum von kleinen Mengen Cannabis. Doch Anbau, Besitz und Verarbeitung der Pflanze sind verboten. Das war früher anders: Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts war Cannabis in der Schweiz legal erhältlich. Die Pflanze fand als Medizin gegen Asthma, Migräne und Keuchhusten oder als Beruhigungsmittel Anwendung. Seit 1951 gilt das Kraut als illegales Betäubungsmittel. Denn obwohl verschiedene Studien den medizinischen Nutzen von Hanf belegen, ist er in seinen wirkungsstarken Varianten eine mächtige Droge. Tetrahydrocannabinol (THC) heisst die Substanz, die Stimmung und Wahrnehmung der Konsumierenden verändert. Und THC sei keineswegs harmlos, sagt Boris B. Quednow, Professor für Experimentelle und Klinische Pharmakopsychologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. «Der Konsum von THC aktiviert unser körpereigenes Belohnungssystem.» Regelmässiges Kiffen könne deshalb abhängig machen. Studien belegen überdies, dass der intensive Konsum von Marihuana besonders bei Jugendlichen das Gehirn nachhaltig zu verändern scheint. Zudem steigert eine langfristige Einnahme das Krebsrisiko. Auch baue unser Körper die Substanz sehr langsam ab, sagt der Pharmako­psychologe. Dies kann die Leistungsfähigkeit im Beruf und Verkehr negativ beeinflussen.

Beruhigenden und euphorisierenden Effekt aufs Gehirn

Hierzulande liegt der legale Grenzwert der berauschenden Substanz bei einem Prozent. Allerdings ist THC-Hanf nachweislich auch Heilmittel. Studien zufolge wirkt THC bei chronischen Schmerzen, Entzündungen, Multipler Sklerose und mildert Nebenwirkungen bei Krebstherapien. «Die schmerzlindernde und beruhigende Wirkung von Marihuana mag zwar belegt sein», fügt Boris B. Quednow an, «neuesten Erhebungen zufolge wird diese aber weniger durch eine direkte Wirkung auf die Schmerzverarbeitung, sondern vielmehr durch den beruhigenden und euphorisierenden Effekt der Substanz auf das Gehirn erklärt. Dieser macht die Schmerzen erträglicher.»

Findige Unternehmer haben den Markt gleichwohl für sich entdeckt. So vertreibt beispielsweise die im Thurgau beheimatete Botanicals AG Cannabisblüten mit einem THC-Gehalt von rund 0,8 Prozent als Tabakersatz. «Die Blüten sind gefragt und werden vor allem von älteren Menschen gekauft», sagt Patrick Widmer, Inhaber der Botanicals AG. «Die einen konsumieren die Substanz als Tabakersatz, andere als Genussmittel.» Denn das Produkt wirke leicht entspannend.

Ausnahmebewilligungen nur für Schwerkranke

Wer heute aus medizinischen Gründen legal an höherdosierte THC-Produkte kommen will, muss einen aufwendigen bürokratischen Weg gehen. Dieser führt über das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Schwerkranke können dort über ihren Arzt eine Ausnahmebewilligung für den Bezug eines Cannabismedikaments beantragen – sofern andere Medikamente nicht helfen und von einem Cannabisarzneimittel ein therapeutischer Nutzen zu erwarten ist. Auf die Frage, ob dieser Aufwand eine Freigabe von Cannabis nicht legitimiere, antwortet Boris B. Quednow: «Eine grundsätzliche Entkriminalisierung des Konsums fände ich begrüssenswert. Eine Legalisierung macht aber in meinen Augen aus suchtpolitischen Gründen keinen Sinn. Studien zu Alkohol und Nikotin belegen, dass eine Zugangsbeschränkung insbesondere Kinder und Jugendliche vom Konsum abhält.»

Doch der Wind scheint sich zu drehen. Erst vergangene Woche hat sich der Ständerart oppositionslos dafür ausgesprochen, wissenschaftliche Studien mit Cannabis und anderen weichen Drogen zu ermöglichen. Noch im vergangenen Jahr verweigerte das Bundesamt für Gesundheit die Bewilligung einer Cannabisstudie der Universität Bern. Doch nun könnte in Bern, zumindest versuchweise, schon bald Cannabis in Apotheken zu kaufen sein. Man erhofft sich, so Erkenntnisse über das Konsum- und Kaufverhalten, den Schwarzmarkt und das gesundheitliche Befinden der Probanden und Probandinnen zu gewinnen.

Viel Mythos und Marketing beim Cannabidiol

Grosse Hoffnungen setzen Händler zurzeit in Cannabidiol (CBD), einen weiteren Wirkstoff der Cannabispflanze. Die Substanz hat zwar eine ähnliche molekulare Struktur wie THC, zieht aber keine psychoaktive Wirkung nach sich und fällt deshalb auch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Hanfshops, die CBD-Produkte vertreiben, schiessen deshalb wie Pilze aus dem Boden. Der Onlinehandel boomt. «Bei uns sind Hanftinkturen, Kosmetikartikel und ein Tabakersatz aus Cannabisblüten sehr gefragt», sagt Patrick Widmer von der Botanicals AG. Dem allgemeinen Hype voran ging ein Dokumentarfilm, den der US-Sender CNN unlängst ausstrahlte. Das Schicksal eines Mädchens, dass am Dravet-Syndrom leidet, einer sehr seltenen und schweren Epilepsieform, berührte die Menschen. Kein Medikament zeigte Wirkung. Lediglich eine ganz spezielle Hanfsorte mit hohem CBD-Gehalt half, die Krankheit zu kontrollieren. Der Substanz werden seither allerlei positive Eigenschaften zugeschrieben. Welche Heilkräfte die Substanz tatsächlich hat, ist wissenschaftlich allerdings kaum belegt.

«Am Menschen konnten bis heute keine positiven Effekte nachgewiesen werden», sagt Boris B. Quednow. Auch sei unklar, was Cannabidiol bei regelmässigem Konsum mit Körper und Geist anstellt. «Lediglich ein Medikament, das gegen das Dravet-Syndrom wirkt, steht kurz vor der Zulassung», ergänzt der Wissenschafter. «Alle anderen Verheissungen sind bislang Mythos und Marketing.»

Pharmakologische Substanzen, deren Langzeitwirkungen noch nicht bekannt sind, eignen sich nicht zum regelmässigen Konsum, warnt er. «Möglich, dass CBD-Produkte bei einem starken Cannabiskonsumenten risikomildernd wirken oder sogar helfen, den Cannabisverbrauch zu reduzieren.» Allen anderen sei aber von einem regelmässigen Konsum abzuraten.

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