Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

HANS KÜNG: Eine Schweizer Jahrhundertfigur wird 90 Jahre alt

Oft wird Küng als Kirchenkritiker oder gar Ketzer abgestempelt. In Wahrheit ist er eine Jahrhundertfigur der Schweiz, der Theologie und auch der katholischen Kirche.
Erwin Koller *
Hans Küng bei einem ökumenischen Gottesdienst im Rahmen des Deutschen Katholikentages in München. (Bild: Rudolf Dietrich/Getty (München, 1. Juli 1984))

Hans Küng bei einem ökumenischen Gottesdienst im Rahmen des Deutschen Katholikentages in München. (Bild: Rudolf Dietrich/Getty (München, 1. Juli 1984))

Erwin Koller *

Es ist naturgemäss stiller geworden um Hans Küng. Der 90. Geburtstag bringt ihn nochmals in die Medien. Doch man soll sich nicht täuschen: In die Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts ist sein Name eingebrannt, auch wenn offizielle Lehrverbote und Schweigegebote ihn längst aus dem theologischen Gedächtnis hätten tilgen sollen. Hans Küng ist nicht zu reduzieren auf den angeblichen Ketzer und Kirchenkritiker. Er ist eine Jahrhundertfigur der Schweiz, der Kirche und der Theologie.

Ich möchte drei Charakterzüge seiner Persönlichkeit besonders hervorheben und dann drei grosse Einsichten seiner Theologie würdigen.

Kampfgeist, Freiheitsdrang und Aktualitätsbewusststein

Hans Küngs familiäre Sozialisation in einem Surseer Schuhgeschäft, seine frühe politische Neugier in Zeiten des Naziregimes und des Zweiten Weltkriegs, die kulturelle Prägung als Innerschweizer, der mit 20 Jahren in die Höhle des Löwen aufbricht, das Theologiestudium in Rom absolviert und in Paris doktoriert, das alles reicht als Erklärung für das Phänomen Hans Küng nicht. Sein eigenwilliger Charakter gründet noch anderswo.

Als die Schweiz 1991 bei ihrer 700-Jahr-Feier eine Identitätskrise durchmachte und viele Intellektuelle sich dem Fest versagten, weil die Armee 1989 geschichtsvergessen mit einer Diamantfeier an den Ausbruch des Weltkriegs erinnert hatte, sprach Hans Küng am ETH-Tag in Zürich über «Die Schweiz ohne Orientierung?». Auch wenn es keine patriotische Rede sein sollte, kam er in seiner Diagnose zu einer Feststellung, die schon fast ein Selbstporträt ist: «Die politische Geschichte der Schweiz ist bei allem Versagen, allen Zwängen und Niederlagen eine Geschichte der Freiheit gewesen. Die Abneigung gegen Machtpolitiker aller Farben ist uns geblieben. Gessler-Hüte, wer immer sie sich aufsetzt, und sei es ein Bischof, lösen bei uns noch immer Widerstand aus. Darauf dürfen wir stolz sein, und dies muss so bleiben» (Zürich 1992, 52).

Die Hartnäckigkeit, mit der Hans Küng den Kampf gegen ein klerikales Grosssystem aufnahm – oder bäurisch formuliert: den römischen Stier an den Hörnern packte –, ist nur zu erklären mit einem Freiheitsdrang und Unabhängigkeitswillen, den keine noch so liberale Erziehung beibringen und keine noch so theologische Gehorsamsdisziplin austreiben kann. Die Freiheit des Christenmenschen ist nicht nur ein lutherisches Postulat, sie bezieht ihre mentale Kraft aus einer lang eingeübten Freiheitsgeschichte. Hans Küng konnte mehr durchstehen als viele andere, weil er keine Angst hatte. Und nicht nur Kuriale mussten erfahren, dass der Umgang mit einer so starken Persönlichkeit arg unbequem werden und zu unerbittlichen Kämpfen führen kann.

Dass Hans Küng mit seinem Freund Herbert Haag die Stiftung für Freiheit in der Kirche entwarf und 27 Jahre präsidierte, war ein Bekenntnis, kein Ehrenamt. Glaube ohne Freiheit hat kein Recht und keine Zukunft. Das ist die Achillesferse des hierarchischen Zentralismus, dessen Opfer die katholische Kirche im zweiten Jahrtausend geworden ist. Es ist jedoch – und das macht das Argument von Hans Küng geschichtsmächtig – die Achillesferse aller Religionen. Alle glauben, über Wahrheiten zu verfügen, die Unterwerfung diktieren, statt frei zu machen.

Zu diesem Freiheitsimpuls kommt eine zweite Dimension des Phänomens Hans Küng. So sehr er ein Mann der Wissenschaft war und die Lehren der Tradition akribisch durchleuchtete, ein Mann des Elfenbeinturms war er nie. Er übersetzte seine Theologie in die Sprache heutiger Menschen, hielt Vorträge landauf und landab auf allen Kontinenten und stand in Radio- und Fernsehstudios aller Welt Red und Antwort. Seine Bücher – etwa «Christ sein», «Existiert Gott?», «Ewiges Leben» – wurden in vielen Sprachen zu Bestsellern. Hans Küng war und blieb ein Vermittler der theologischen Wissenschaft für die grosse Öffentlichkeit. Und oft konnte ich ihn dabei auch als Seelsorger erleben, der sich der Nöte und der Zweifel seiner Zeitgenossen annahm.

Ein drittes Charakteristikum ist sein schon fast journalistisches Aktualitätsbewusstsein, seine seismografische Sensibilität für Herausforderungen, die auf die Gesellschaft zukommen, seine Hellsichtigkeit für die Zeichen der Zeit. Man mag skeptisch vor den drei Wälzern stehen, in denen er seine Lebenserinnerungen festgehalten hat. Nicht zu bestreiten ist, dass in seiner Person die Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts mit ihren grossen Themen und Konflikten präsent ist. In seinem Curriculum Vitae spiegelt sich der Weg einer Kirche, die im Zweiten Vatikanischen Konzil aufbricht und seither immer wieder an den Beharrungskräften zu zerbrechen droht.

Gegen Kirchenspaltung und für ein Weltethos

In seiner Theologie hat Hans Küng drei grosse Einsichten herausgearbeitet, an denen keine Kirchengeschichte vorbeikommen wird. Als junger Theologe wittert er, dass in der Reformation, welche die Kirche Europas unheilvoll gespaltet hat, etwas krumm gelaufen ist. So geht er zu Karl Barth, einem reformatorischen Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, und untersucht sein Verständnis der Rechtfertigung: Wie kann der Mensch vor Gott gut dastehen? Nicht aus eigener Kraft, sondern dank der Zuwendung Gottes, heisst die Antwort. Diese Antwort gab – und das weist Hans Küng nach – schon das Konzil von Trient im 16. Jahrhundert. Diese These, an der Pariser Sorbonne als Doktorat abgenommen, wäre 1957 beinahe auf dem Index der verbotenen Bücher gelandet. 1999 anerkannten die Kirchen der Reformation und Roms feierlich diese Übereinstimmung. Der Hauptgrund, der im 16. Jahrhundert zur Kirchenspaltung führte, kann heute keine Gültigkeit mehr beanspruchen. Hans Küngs epochale Einsicht.

Dass trotz solcher Einsichten Konfessionen weiterbestehen, hat mit Strukturen der Kirche zu tun. Das wurde für ihn als Berater am Zweiten Vatikanischen Konzil offensichtlich: ein grosser Eisberg, dessen Spitze das monolithische Papsttum bildet, wie es im Ersten Vatikanischen Konzil definiert wurde. Der Bischof von Rom ist seither nicht mehr der Kollege aller Bischöfe, sondern deren Chef und als solcher unfehlbar. Hinter diese Unfehlbarkeit hat Hans Küng ein Fragezeichen gesetzt, und wegen dieses Fragezeichens entzog im Johannes Paul II. 1979 die Lehrbefugnis. Heute bezeugen katholische Historiker freimütig, dass jenes Konzil nicht frei war. Und der gegenwärtige Krach im Gebälk der Hierarchie beweist, dass ein so absolutistisches System kaum reformierbar ist. Dem Küng’schen Fragezeichen kann kaum mehr jemand das Recht absprechen. Auch die katholische Kirche gelangt an die Grenzen ihrer Autorität.

Die dritte Einsicht hat Küng eingeholt, als er über die kirchliche Ökumene hinauswuchs und der «Oikumene der bewohnten Erde» gewahr wurde. Was hält diesen Welthaushalt geistig und geistlich zusammen? Gibt es Grundgebote, welche den Religionen bei allen Unterschieden gemeinsam sind? Gibt es ethische Überzeugungen, die religiöse Menschen sogar mit Agnostikern und Atheisten teilen? Das sind die Fragen des Weltethos, brennend auch sie angesichts der kulturellen und religiösen Zerklüftung der Menschheit.

Hans Küng ist 90 Jahre alt. Sein Augenlicht wird trüber, seine Ohren schwächer, und die Hände, mit denen er Tausende Seiten geschrieben hat, tun sich schwer. Der einstige Kämpfer nimmt es gelassen und – fast scheint es mir – gottergeben. Er ist im Kern ein frommer Christ geblieben.

Hinweis

* Erwin Koller (geb. 1940) studierte katholische und protestantische Theologie. Nach Tätigkeiten als Seelsorger und Journalist war er ab 1979 Leiter der Redaktion Gesellschaft und Religion des Schweizer Fernsehens. 1994 begründete er die Sendung «Sternstunden», die er bis 2002 leitete und oft auch moderierte. Seit 2013 ist er in der Nachfolge von Hans Küng Präsident der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche.

Erwin Koller äussert sich am Montag auch in der Radiosendung «Kontext» (9 Uhr, SRF2) zu Hans Küng.

Hans Küng (rechts) erhält 1984 in Toronto einen Ehrendoktortitel. (Bild: Tony Bock/Getty)

Hans Küng (rechts) erhält 1984 in Toronto einen Ehrendoktortitel. (Bild: Tony Bock/Getty)

Küng beim Presseclub Tübingen vor drei Jahren. (Bild: Daniel Naupold/Keystone)

Küng beim Presseclub Tübingen vor drei Jahren. (Bild: Daniel Naupold/Keystone)

Küng ruft am WEF 1991 in Davos zur Versöhnung zwischen Muslimen, Juden und Christen auf. (Bild: Patrick Aviolat/Keystone)

Küng ruft am WEF 1991 in Davos zur Versöhnung zwischen Muslimen, Juden und Christen auf. (Bild: Patrick Aviolat/Keystone)

Küng in der Lukaskirche 2000 in Luzern. (Bild: Nique Nager)

Küng in der Lukaskirche 2000 in Luzern. (Bild: Nique Nager)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.