HANSPETER MÜLLER-DROSSAART: Vorverlegte Sommerferien an Ostern

Er ist ein Allround-Künstler: Kamera, Bühne, Hörspiel, das sind die Wirkungsfelder von Hanspeter Müller-Drossaart. Hier spricht der Obwaldner über Ostern, Religion, Familie und sein neues Bühnenprogramm.

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Der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart. (Bild André Häfliger/Neue LZ)

Der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart. (Bild André Häfliger/Neue LZ)

Wie und wo verbringen Sie dieses Jahr Ihre Ostertage?

Hanspeter Müller-Drossaart: Ich werde mit meiner Familie eine Ferienwoche in appenzellischen Urnäsch verbringen. Das sind sozusagen vorverlegte Sommerferien, denn im Juli und August werden ich an den Thuner Seespielen den Dällenbach Kari spielen. Eier verstecken und Überraschungsgeschenke – diese Rituale gehören an Ostern auch bei uns natürlich dazu.

Was bedeutet Ihnen das Osterfest?

Müller-Drossaart: Ich bin katholisch erzogen worden. Ostern ist für mich, auch als Künstler, so etwas wie ein Aufbruch, der ja auch in der Natur ganz augenfällig zu sehen und spüren ist. Es gibt einem Schub und es ist ein alter Brauch von mir, dass ich das grosse Morgen- und Abendlob von Sergei Rachmaninov höre. Meistens am Ostersamstag – und zwar ziemlich laut.

Gibt?s Kindheitserinnerungen an Ostern?

Müller-Drossaart: Da kommen mir die Osternachtsfeiern als Ministrant in den Sinn. Die Vorfreude bei den vielen Vorbereitungen, dem schmücken der Kirche und des Altars, die festlichen Kostüme und dann natürlich das Osterfeuer. Im Zürcher Limmattal wohnen wir 50 Meter von der Kirche entfernt und erleben an Ostern den Zauber dieses Feuers ganz nah. Dann werden meine Kindheitserinnerungen immer wieder hellwach.

Ministrantenerinnerungen haben Sie auch?

Müller-Drossaart: Ja, ich habe einmal heimlich einen Schluck Messwein getrunken. Und war fürchterlich enttäuscht, dass der so sauer schmeckte?

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Müller-Drossaart: Ich bin religiös, aber nicht im Sinne einer kirchlichen, institutionellen Zugehörigkeit. Ich glaube an eine universell-übergeordnete Grösse, an deren unfassbaren Dimension wir Menschen unser Wirken orientieren können.

Sind sie denn noch Kirchenmitglied?

Müller-Drossart: Ja, aber ich hadere immer, ob ich denn aussteigen soll oder nicht. Etwas hält mich zurück. Das hat mit meinem Berufskollegen Jochaim Rittmeyer zu tun. Als junger Schauspieler teilte ich mal während einer gemeinsamen Spielzeit in Bern das Zimmer mit ihm und wir führten lange Gespräche über die Armee. Er meinte, es sei ja gut, wenn viele sich mit der Absicht tragen, aus der Armee austreten zu wollen. So würde die Armee nämlich realistischer und widersprüchliger aussehen. Das übertrage ich jeweils auf die Institution Kirche und bin gespannt, wie sie angesichts drohender oder schon vollzogener Austritte ihre aktuellen Probleme lösen wird.

Tragen Sie Drossaart im Namen, um sich von anderen Müllers zu unterscheiden?

Müller-Drossaart (lacht): Nein, das ist der holländische Namen meiner Ehefrau Franziska und heisst übersetzt königlicher Schlossverwalter.

Nach «Obsi/Nitzi» stehen Sie mit Ihrer neuen Kabarett-Revue «Unteranderem: Überleben Sie gut!» jetzt wieder auf der Bühne. Ist Ihnen das lieber, als vor der Kamera zu stehen?

Müller-Drossart: Am liebsten ist mir, wenn ich weder auf die Bühne, noch auf die Arbeit vor der Kamera verzichten muss. Das schöne daran ist, dass es verschiedene Energien braucht. Stehe ich auf der Bühne, bin ich gezwungen, etwas einmalig und jetzt zu produzieren, damit der Dialog mit dem Zuschauer entsteht. Beim Film hat man als Schauspieler keinen Einfluss mehr auf das schlussendlich zusammengeschnitten gezeigte Resultat.

Welche Kabarettisten sehen Sie selber am liebsten?

Müller-Drossaart: Ich mag alle Schweizer Kabarettisten sehr gut. Sei es die angriffige, stets politisch bestens informierte Zunge von Lorenz Keiser, oder die gewaltige Spiellust von Massimo Rocchi, oder der herrlich geerdete Sarkasmus von Simon Enzler. Und natürlich Emil Steinberger, unser aller Urgrund. Auf ihn müssen wir uns alle beziehen – und das machen wir auch gerne!

Sind Sie eigentlich ein lustiger/witziger Mensch?

Müller-Drossaart (schmunzelt): Oft ja, wenn ich nicht im Stress bin. Ich würde mich eher als quirligen Menschen bezeichnet. Aber dazu gehört ja auch Witz und Ironie.

Was bedeutet der Titel: «Unteranderem: Überleben Sie gut!»?

Müller-Drossaart: Unteranderem hat mit meinen Erinnerungen an die Brünigbahn zu tun. Früher waren ja die Geleise noch nicht zusammen geschweisst, also tönte es so toc-toc-mässig, unter-ander-em. Das ist das musikalisch-rhythmische Programmelement. Weiter spiele ich mit Unteranderem das Tiefstapeln an, in dem wir Schweizer ja Weltmeister sind. Überleben Sie gut ist ein bissiger Angriff auf uns Schweizer, die ja grossmehrheitlich keine Probleme mit dem Überleben haben.

Und Sie selber: Überleben Sie gut?

Müller-Drossaart: Ja, das darf ich mit meinem Beruf in meinem Land sagen. Das hat vor allem damit zu tun, dass der Unterhaltungssektor in unserem Land sehr professionell geworden ist.

Vor drei Jahren sagten Sie, Sie würden aus ökonomischen Gründen gerne nach Hollywood. Ist dem immer noch so?

Müller-Drossaart (lacht): Nein, nein, das war mehr so ein Spruch. Was will ich denn mit meinem Obwaldner Deutsch in Hollywood? Im Ernst: Die Schweiz ist ja klein. Dann ist es gut, wenn man verschiedene Betätigungsfenster hat. Und ich fühle mich wohl hier, weil ich Theater, Film, Hörspiele und Lesungen machen kann.

In «Grounding», dem Swissair-Untergangsfilm von Michael Steiner, verkörperten Sie vor vier Jahren Mario Corti. Haben Sie ihn je persönlich kennen gelernt?

Müller-Drossaart: Ja, das war am Rande seiner Gerichtsverhandlung, kurz vor seinem Freispruch. Da erzählte er mir, dass er kürzlich auf einem Rückflug nach Boston ständig von einem Mann beobachtet wurde. Nach der Landung habe er den Mann dann kurz angehalten und zu ihm gesagt: Sagen sie mal, möchten sie mich etwas fragen? Nein, habe der Mann geantwortet. Aber ich möchte ihnen sagen, dass sie den Herrn Corti ausgezeichnet gespielt haben in dem Film.

Wurde oder werden Sie noch oft als Mario Corti angesprochen?

Müller-Drossaart: Ab und an schon noch. Eher mehr aber auf meine Rollen in unterhaltsamen und populären Sachen wie «Cannabis», «Die Herbstzeitlosen» oder die TV-Serie «Lüthi und Blanc».

Welches sind Ihre nächsten Projekte?

Müller-Drossaart: Einiges ist im tun, aber noch nicht konkret. Im Moment gilt meine volle Konzentration dem Bühnenprogramm – und dem Dällebach Kari im Sommer. Bei der gigantischen, 35 Meter breiten Seebühne werde ich mich sehr viel bewegen müssen, also muss ich auch fit sein.

Wie halten Sie sich denn fit?

Müller-Drossaart: Ich fahre öfters Velo und gehe viel mit der Familie in die Berge wandern.

Wollten Sie nie einen anderen, «richtigen» Beruf ergreifen?

Müller-Drossaart: Ja. Zuerst wollte ich, vor allem um meiner Mutter zu gefallen, Pfarrer werden. Als dann ein Pfarrherr mal einen Zusammenbruch in der Kirche erlitt, schwenkte ich um auf Frauenarzt, fand dann aber andere Wege, um dem weiblichen Geschlecht näher zu kommen.»

Wie wurden Sie dann Schauspieler?

Müller-Drossaart: Mit 17 Jahren stand ich am Kollegium Sarnen zum ersten Mal auf den Brettern, die mir heute noch so viel Welt bedeuten! Und zwar als Arlecchino in Carlo Goldonis «Der Diener zweier Herren». Der damalige Leiter der Schulbühne, Pater Sigisbert Frick, hat mir sozusagen die Welt des Theaters eröffnet, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Was machen Sie, wenn Sie nicht auf der Bühne oder vor der Kamera stehen?

Müller-Drossaart: Alles, was ein normaler Mensch auch tut. Einkaufen, Wäsche aufhängen, mit den Kindern Hausaufgaben erledigen, Gartenmauern reparieren, Bücher lesen, das Büro aufräumen, mailen und Kochen. Mit meinen Mozzarella-Lasagne komme ich bei der ganzen Familie immer sehr gut an.

Familie, das heisst?

Müller-Drossaart: Ich bin seit 10 Jahren mit Franziska verheiratet. Unsere Tochter ist 10 Jahre alt und heisst Daphne, griechisch für Lorbeer. Unser Sohn heisst Livius wie der römische Geschichtsschreiber und ist 5 Jahre alt.

Wo stehen Sie und was machen Sie in zehn Jahren, wenn Sie das Pensionsalter erreichen?

Hanspeter Müller-Drossaart: Bis dann werde ich hoffentlich noch ein Paar Programme und Filme gemacht haben. Und ich wünsche mir, dass ich dann etwas mehr Zeit für mich und mein Leben frei geschaufelt haben werde. In Pension möchte ich mit 65 aber nicht gehen, sondern gerne noch weiter tätig sein.

Sie sind in Sarnen geboren. Wie lange lebten Sie in der Zentralschweiz? Was ist Ihnen noch präsent aus dieser Zeit?

Müller-Drossaart: Ja, ich bin in Sarnen geboren. Und zwar in der Wohnung oberhalb des Restaurants Jordan, hinten an der Sarneraa unterhalb des Landenberg. Während den Rezessionsjahren der 60-er hatte mein Vater, der Plättlileger war, keine Arbeit und wir zügelten deshalb nach Erstfeld in den Kanton Uri, wo ich die Primarschule absolvierte. Im Eisenbahnerdorf träumte ich nie davon, Lokführer zu werden. Und alle hatten eine «Märklin»-Eisenbahn – nur ich nicht. Fürs Gymnasium kehrte ich wieder zurück nach Sarnen und dann ging es - via Gebirgsinfanterie – direkt nach Zürich. Im Ausland lebte ich zwei Jahre in Wien, wo ich am Burgtheater spielte.

Welchen Bezug haben Sie heute zu Ihrer Heimatregion?

Müller-Drossaart: Es ist immer noch der Kern meiner Existenz. Allein die ganze Wort- und Spracharmut im Reichtum ist für mich eine wichtige Quelle geblieben. Es wird ja nicht viel geredet in der Region, vor allem nichts Unnötiges und mehr so um die Ecken herum. Das Habe ich auch von meinem Vater geerbt: Das, was man sagt, muss sitzen. Auch deshalb gehe ich auch immer wieder gerne in meine Heimatregion, etwa zum Wandern in Uri und Obwalden, und tanke dort Energie.

Wie beurteilen Sie das kulturelle Leben im Herzen der Schweiz?

Müller-Drossaart: Die Innerschweizer Kultur hat zweifelsohne einen sehr guten Ruf. Sie ist sehr innovativ und vielfältig. Ich denke da an den grossartigen Akkordeonisten Marcel Ötiker, an die zahlreichen Ob- und Nidwaldner Formationen, die ganz schräge, tolle Volksmusik macht oder an den im positiven Sinne «verrückten» Obwaldner Filmemacher Luke Gasser. Die Kultur in der Zentralschweiz verleugnet sich nicht, ist aber absolut nach aussen geöffnet, also weltoffen.

Zum Schluss: Können Sie unserer Leserschaft noch sagen, ob Sie beim «Eiertütschen» die stumpfe oder spitze Seite bevorzugen sollen?

Müller-Drossaart: Da gehe ich ganz taktisch vor und entscheide ich mich immer erst ganz kurzfristig, nämlich dann, wenn ich sehe, welche Eierseite mir mein Gegenüber hinhält.

André Häfliger

HINWEIS
Hanspeter Müller-Drossaart kommt mit seinem neuen Programm auch in die Zentralschweiz und tritt am 10. April in Sursee, am 17. April in Altdorf und am 29. April in Zug auf.