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HERBST: Ernte-Nein-Dank-Fest

Wenn sich Kürbisse an den Landstrassen stapeln, wenn jeder meint, selber Pilze sammeln zu müssen, und Speisekarten nicht mehr ohne Vermicelles auskommen, dann ist Herbst. Das ist nicht nur kulinarisch zum Fürchten.
Katja Fischer De Santi
An Halloween werden Fratzen in die Kürbisse geschnitzt. (Bild: Sandra Näf)

An Halloween werden Fratzen in die Kürbisse geschnitzt. (Bild: Sandra Näf)

Katja Fischer De Santi

Im Herbst seh ich orange, also eher orange-rot. Wo man auch hinsieht, wo man hinfährt, da stapeln sie sich schon: Butternut und Baby Boo, Futsu Black, Happy Jack und Sweet Dumpling. 800 Sorten Speisekürbisse soll es geben. Nicht verwunderlich, dass die Namensgebung der Züchter da des öfteren ins Kindische abdriftet. Es sind einfach zu viele, es ist zum Fürchten. Sie grinsen fies von Fenstersimsen und aus Schaufenstern. Sie leuchten in satten Tönen aus Weidekörben, kullern von Bücherregalen und markieren protzig die Mitte von Speisetafeln.

Wo ein Kürbis steht, da ist Herbst drin, so die simple ­Logik. Das einstige Armeleute­essen wurde zur Corporate Identity einer ganzen Jahreszeit. Gibt es eigentlich noch Bauern, die nicht ­irgendwo Kürbisse anpflanzen? Weiss jemand zehn Kilometer Landstrasse ohne obligaten Kürbis­verkaufsstand?

Zwischen Kompost und Futtertrog

Noch in den 1970er-Jahren soll es in der ganzen Schweiz keinen einzigen Kürbis zu kaufen gegeben haben. Aus heutiger Sicht muss man sich schon fast fragen, wie die Menschen ohne Kürbisse den Herbstanfang erkannten. Das Gemüse, das biologisch keines ist, sondern eine Beere der Familie Cucurbita, fristete bis vor zwanzig Jahren ein tristes Dasein zwischen Komposthaufen und Futtertrog. Dank Halloween-Brauchtumsimport und findigen Bauern, die begannen, viele, viele bunte Kürbisse an den Strassen aufzuhäufen, feiert die Riesenbeere ein sensationelles Revival. Bei mehr als dreizehntausend Tonnen liegt der Jahreskonsum hierzulande. Er hat sich seit den 90er-Jahren verzwanzigfacht.

Der Kürbis, dieses in jeder Hinsicht schlichte Gewächs mit attraktiven äusserlichen Attributen, ist gekommen, um zu bleiben. Schnellwachsend, unkompliziert und anpassungsfähig, ist er ein gärtnerischer Traum – kulinarisch hingegen eher ein Albtraum. Egal ob Butternut oder gelbe Zentner, was da im Gaumen hängen bleibt, ist eine mehlige Süsse von breiiger Konsistenz. Babys lieben das. Erwachsene Menschen erwarten von ihren Mahlzeiten normalerweise mehr. So kommt es, dass der Kürbis kulinarisch mit allem gepaart wird, was etwas Geschmack verspricht. Curry, Ingwer, Safran, Kokosnuss, Zimt und Zucker. Es gibt nichts, was Restaurantgänger dieser Herbsttage nicht über sich ergehen lassen müssen. Die Riesenbeeren werden in Joghurt gemixt, zu Speiseeis gefroren, in Soufflé gebacken oder als Salat getarnt aufgetischt. Saisonale Küche nennt sich das. Es lässt sich leicht erahnen, warum Kürbisse, die problemlos monatelang lagerfähig sind, kulinarisch ein so enges Zeitfenster haben – allein der saisonale Stempel lässt den Gourmet da durch gehen.

Optisch hingegen bin ich den Kürbissen zuerst auch erlegen. Wenn in den Gärten und Felder alles welkt und stirbt, kommen ihre stimmungsaufhellenden Farbe und irrsinnige Formenvielfalt wie gerufen – Landhausflair mitten in der Grossstadt leicht gemacht. Und welches andere Nahrungsmittel kann man zuerst als Deko, dann als Bastelobjekt und den Abfall davon als Suppenbasis verwenden? Hut ab vor dieser Vielseitigkeit.

Orange-rote Invasion im eigenen Garten

Wie ernst den Kürbissen die ­Eroberung sämtlicher Kulturlandschaften ist, habe ich in dieser Saison am eigenen Garten erlebt. Auf dem Markt kaufte ich mir zwei Zucchini-Setzlinge. «Besonders widerstandsfähige Sorte», sagte der Verkäufer noch. Doch deren Wuchs befremdete mich. Die Pflanzen begannen sich an anderen Sträuchern und Bäumen hochzuhangeln, als sie über die Wiese dahergekrochen kamen, dämmerte es mir langsam. Ich hatte mir Kürbisse in den eigenen Garten geholt, und sie wussten es zu nutzen. Nun liegen sie auch bei mir im Beet, auf dem Tisch und im Topf. Aber spätestens an Halloween werde ich alle diese dicken orangen Kugeln ausweiden, zerlegen und danach auf dem Fenstersims demonstrativ verfaulen lassen.

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