HERZ: Wenn unser Herz aus dem Takt gerät

Vorhofflimmern ist eine ernste Herzrhythmusstörung. Mögliche Folgen: Hirnschlag und Herzschwäche. Richard Kobza, Kardiologe am Luzerner Kantonsspital, führt die wichtigsten Punkte aus.

Hans Graber
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Nicht immer leicht zu diagnostizieren und unentdeckt heimtückisch: Vorhofflimmern. (Archivbild Neue LZ)

Nicht immer leicht zu diagnostizieren und unentdeckt heimtückisch: Vorhofflimmern. (Archivbild Neue LZ)

Anzeichen

Bei Vorhofflimmern schlagen die Herzvorhöfe nicht mehr regelmässig, sondern zu schnell, unregelmässig und unkoordiniert. Dies führt dazu, dass das Herz weniger Blut befördert und deshalb individuell verschiedene Beschwerden auslösen kann: Die einen spüren ein Herzjagen, verbunden mit einem Beengungsgefühl und eventuell Angst. Andere haben Atemnot und sind körperlich weniger leistungsfähig. Ein weiteres Symptom ist ein unregelmässiger Herzschlag respektive ein unregelmässiger Puls. Und es gibt nicht selten Betroffene, die gar nichts merken.

Typisch für Vorhofflimmern: Es muss nicht immer präsent sein, sondern kann kommen – von wenigen Sekunden über Minuten und Stunden bis zur mehreren Tagen – und dann wieder gehen.

Ursachen

Vorhofflimmern ist oft die Folge eines anderen Problems wie etwa Bluthochdruck, Herzklappenerkrankung, Herzmuskelerkrankung (Kardiomyopathien), Schilddrüsenerkrankung oder gelegentlich auch eine Folge von Operationen. Nicht selten findet man aber auch keine Ursache (idiopathisches Vorhofflimmern).

Ein Risikofaktor ist das zunehmende Alter, aber es kann auch bei Jüngeren auftreten (siehe Interview unten). Betroffen sind 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung, Männer etwas mehr als Frauen.

Diagnose

Das Problem ist häufig, dass Patienten zwar Beschwerden haben, aber nur dann, wenn das Vorhofflimmern auftritt. Sonst geht es ihnen bestens. Betroffene haben dann beim Arztbesuch einen normalen Puls, und es ist die ärztliche Kunst, aufgrund der Beschwerdeschilderung an Vorhofflimmern zu denken.

Die Diagnose basiert rein auf einem Elektrokardiogramm (EKG). Erst wenn Vorhofflimmern im EKG aufgezeichnet ist, ist der Befund eindeutig. Gelegentlich ist es freilich selbst im EKG nicht einfach zu erkennen. Im Zweifelsfall erfolgt oft die Zuweisung in die Herzrhythmussprechstunde des Luzerner Kantonsspitals. Ein Langzeit-EKG kann bei der Diagnosesicherung helfen.

Gefahren

Vorhofflimmern als solches ist keine tödliche Gefahr. Wenn aber der Herzschlag über Wochen und Monate zu schnell ist (typischerweise über 100 pro Minute), wird unsere «Pumpe» erschöpft und schwach. Dann spricht man von einer Herzinsuffizienz. Zudem hat der Vorhof beim Flimmern keine geregelte mechanische Aktivität mehr. Die Folge: Das Blut wird nicht mehr gut wegtransportiert, und wenn Blut zu langsam oder gar nicht fliesst, können Gerinnsel entstehen. Wird ein solches Gerinnsel aus dem Vorhof weggeschwemmt, kann es ins Gehirn gelangen, dort ein Gefäss verstopfen und zu einem Hirnschlag führen – eine sehr gefürchtete Komplikation von Vorhofflimmern.

Behandlung

Jede Erstdiagnose von Vorhofflimmern sollte eine weitere Abklärung nach sich ziehen, im Minimum die Suche nach einer Schilddrüsenerkrankung und mittels Herz-Ultraschall das Ausschliessen einer anderen Herzerkrankung. Die eigentliche Behandlung des Vorhofflimmerns wird auf jeden Patienten individuell abgestimmt, und der behandelnde Arzt muss entscheiden, wie intensiv sie sein muss. Zwei Ziele stehen bei der Behandlung im Fokus: Vermeidung eines Hirnschlags mittels Blutverdünnung und die Rhythmuskontrolle.

  • Die Blutverdünnung erfolgt medikamentös, wobei verschiedenste Präparate zur Verfügung stehen. Bei jungen, sonst gesunden Patienten gibt es Situationen, wo man auf eine Blutverdünnung verzichten kann.

  • Für die Rhythmuskontrolle stehen mehrere Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Medikamente sind oft gut wirksam im Anfangsstadium der Erkrankung, allerdings kann Vorhofflimmern trotzdem auftreten, zudem haben Medikamente immer auch Nebenwirkungen, die je nach Präparat unterschiedlich sein können. Sind sie heftig oder tut sich ein Patient allgemein schwer mit Medikamenten, kann eine Behandlung mittels Katheterablation angeboten werden. Dabei werden die in die linke Vorkammer mündenden Venen elektrisch isoliert (Fachbegriff Pulmonalvenen-Isolation). Die Ablation wird über die Leiste durchgeführt, der Patient braucht keine Vollnarkose, er bekommt Schmerz- und Beruhigungsmittel. Der Katheter wird über die Venen in den rechten Vorhof und dann über die Herzscheidewand in den linken Vorhof vorgeschoben. Mit einem dreidimensionalem Mapping-System wird eine «Landkarte» des linken Vorhofs erstellt und die Ablation geführt. Der Eingriff dauert zwischen 90 und 180 Minuten. Abschliessend werden alle Katheter entfernt, und ein Druckverband wird angelegt. Der Patient kann meist am Folgetag wieder nach Hause entlassen werden.

Prognose

Medikamente allein führen nicht zu einer Heilung. Auch wenn die Präparate wirken, wird das Vorhofflimmern zurückkommen, wenn man sie absetzt.

Mit der Pulmonalvenen-Isolation kann hingegen in bis zu 80 Prozent der Fälle ein stabiler, regelmässiger Herzschlag (Sinusrhythmus) erreicht werden, ohne dass die Patienten weiter Medikamente einnehmen müssen. Die Technologie wurde im Lauf der Jahre stetig weiterentwickelt, wodurch die Behandlung immer effizienter und sicherer geworden ist. Deshalb wird sie heute auch immer häufiger eingesetzt. Bei etwa 20 bis 25 Prozent der Betroffenen ist ein zweiter Eingriff nötig, bis ein normaler Herzrhythmus erreicht wird.

Herzschrittmacher

Gelegentlich benötigen Patienten mit Vorhofflimmern einen Herzschrittmacher. Damit allein bringt man zwar das Vorhofflimmern nicht zum Verschwinden, aber in bestimmten Fällen kann eine Kombination aus Herzschrittmacher und Ablation (Verödung) der Überleitung zwischen Vorkammern und Hauptkammern die Beschwerden von Patienten mit Vorhofflimmern lindern. Das Einsetzten des Herzschrittmachers ist eine Operation unter lokaler Betäubung des Patienten. Eine Vollnarkose ist nicht erforderlich. Der Eingriff wird in der Regel ambulant durchgeführt. Nötig sind danach aber halbjährliche bis jährliche Kontrollen des Herzschrittmachers.

Elektrische Kardioversion

Eine weitere Möglichkeit, eine Vorhofflimmern-Episode zu beenden, ist die elektrische Kardioversion: Dabei wird durch die Abgabe eines Stromstosses aus dem Defibrillator über Kleber auf der Haut die Aktivität der Herzmuskelzellen synchronisiert. Das Prinzip ist vergleichbar mit einem Computer, der sich aufgehängt hat und neu gestartet wird. Der Grundfehler wird damit aber kaum behoben, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Vorhofflimmern wiederkommt, wenn man den Herzrhythmus in der Folge nicht mit Medikamenten stabilisiert. Wenn es trotzdem wieder zu Vorhofflimmern kommt, kann eine direkte Behandlung des Vorhofflimmerns mittels Katheterablation (Pulmonalvenen-Isolation) nötig werden. Eine elektrische Kardioversion macht eine Kurznarkose erforderlich, kann aber ambulant durchgeführt werden, die Patienten sind meist etwa eine bis drei Stunden im Spital.

Prävention

Das Auftreten von Vorhofflimmern kann man leider kaum direkt verhindern. Es ist aber unbestritten, dass Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel das Risiko einer Herzerkrankung erhöhen, und diese wiederum kann Vorhofflimmern begünstigen.

Leidet man bereits daran, kann man selber kaum Einfluss nehmen darauf. Bei einigen Betroffenen wurde aber ein Zusammenhang mit der Ernährung gefunden: Sie hatten Vorhofflimmern nach dem Genuss bestimmter Wein- und Käsesorten. Daraus lassen sich aber keine allgemeinen Ernährungsregeln ableiten.

Weil auch das Alter ein Risikofaktor ist, empfiehlt die europäische Gesellschaft für Kardiologie in ihren Richtlinien eine regelmässige ärztliche Überprüfung des Pulses bei über 65-Jährigen.

Hinweis

Die Informationen im Text basieren auf den Angaben von PD Dr. med. Richard Kobza, Chefarzt a. i. des Herzzentrums des Luzerner Kantonsspitals. Richard Kobza ist auch Co-Referent des Publikumsanlasses zum Thema Vorhofflimmern.

Müssen Hobby-Ausdauersportler Angst haben?

Vorhofflimmern ist keine reine Alterserkrankung, offenbar sind auch jüngere Menschen betroffen.
Richard Kobza: Das ist so, ich sehe regelmässig Patienten unter 40, ganz vereinzelt sogar unter 30 Jahren mit Vorhofflimmern, und bei einigen unter 40-Jährigen haben wir am Luzerner Kantonsspital auch schon eine Pulmonalvenen-Isolation (siehe Haupttext) durchgeführt. Das Risiko, an Vorhofflimmern zu erkranken, steigt aber eindeutig mit dem höheren Alter.

Wann sollten Jüngere hellhörig werden?
Kobza:
Wenn sie merken, dass es plötzlich zu einem völlig unerwarteten Herzrasen kommt, das dann wieder verschwindet. Man muss aber betonen, dass bei unter 40-Jährigen andere Herzrhythmusstörungen häufiger zu beobachten sind als Vorhofflimmern. Bei diesem ist der Herzschlag typischerweise unregelmässig, bei anderen Herzrhythmusstörungen beschreiben die Patienten häufiger ein regelmässiges Herzklopfen, also mehr wie eine Nähmaschine. Wie so oft in der Medizin gibt es auch hier keine klare Gesetzmässigkeiten. Es gibt Patienten, die haben ein Vorhofflimmern beim Sport, andere eher im Ruhezustand.

Sie haben eine Arbeit geschrieben zum Thema Sport und Vorhofflimmern. Aus welchen Beweggründen?
Kobza:
Vor rund 15 Jahren wurde erstmals ein Zusammenhang zwischen Ausdauersport und Vorhofflimmern beobachtet. In der Folge haben sich verschiedene Forscher mit diesem Thema auseinandergesetzt und konnten diesen Zusammenhang bestätigen. Sport hat eindeutig einen günstigen Effekt auf unser Herz-Kreislauf-System. Wir wissen, dass Menschen, die sich regelmässig körperlich betätigen, ein niedrigeres Sterberisiko haben als Menschen, die keine körperlichen Anstrengungen machen. Und plötzlich hiess es, Ausdauersport könne Vorhofflimmern auslösen. Der vermutete Grund ist eine Dehnung der Vorhöfe durch die vergrösserte Kreislaufbelastung während Sport. Dies wiederum führt zu einer feinen, unter dem Mikroskop sichtbaren Vernarbung. Ich habe meine Habilitationsvorlesung an der Universität Zürich unter anderem zu diesem Thema gehalten, und ich habe den Inhalt dieser Vorlesung in der erwähnten Arbeit zusammengefasst.

Muss man als Freizeitsportler Angst vor Vorhofflimmern haben?
Kobza:
Nein. Neuere Studienergebnisse zeigen, dass Hobby-Ausdauersport das Risiko wahrscheinlich nicht relevant erhöht. Erst wettkampfmässiger Ausdauersport über viele Jahre kann im Lauf des Lebens zu Vorhofflimmern führen. Grundsätzlich hat eine regelmässige körperliche Bewegung aber einen sehr günstigen Effekt auf unser Herz-Kreislauf-System.

Hinweis
Die Patienteninformation «Vorhofflimmern» der Schweiz. Herzstiftung beschreibt die verschiedenen Formen dieser Krankheit, ihre Symptome und Behandlungsarten. Kostenlos zu bestellen unter www.swissheart.ch/publikationen, info@swissheart.ch oder 031 388 80 80.