Heute ist selbst Sterben ein Event

Der Komiker Peach Weber über «Eventitis»

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Komiker Peach Weber (Bild: Neue LZ)

Komiker Peach Weber (Bild: Neue LZ)

Früher hat man über das Sterben nicht gern gesprochen. Gut, ich muss relativieren, mit «früher» meine ich mein persönliches «Früher», denn im gern gebrauchten, allgemeinen «Früher» ist ja alles inbegriffen, das Mittelalter, die Renaissance, die Eiszeiten, alles zurück bis zum Urknall. (Ich glaube an den Urknall, denn diesen Knall merkt man heute den Menschen noch ein wenig an). Also, zurück auf Anfang: In meiner Jugendzeit wurde nicht oft und nicht gern über das Sterben gesprochen. Viele hatten das Gefühl, es bringe Unglück, im Sinne von: Wenn ich darüber spreche, fällt mir sicher morgen ein Ziegel auf den Kopf. Über das Sterben hat man erst gesprochen, wenn es unmittelbar aktuell oder dann schon zu spät war. Vielleicht hat mal einer spasseshalber erwähnt, was er als Spruch auf seinem Grabstein haben möchte, mein Onkel zum Beispiel wollte unbedingt «Hau doch ab, Du Heuchler». Das sagte er aber meistens unter Einfluss von genügend Hochprozentigem.

Dass einer im nüchternen Zustand seine zukünftig Hinterbliebenseinwerdenden versammelt hätte, um ihnen rechtzeitig seine Wünsche betreffend seine eigene Himmel- oder Höllenfahrt kundzutun, davon habe ich nie gehört. Das hat sich in den letzten zwanzig Jahren aber gehörig verändert. Kaum eine Beerdigung, an der die Hinterbliebenen noch irgendetwas zu sagen hätten. Nein, heute ist es schon bald der Normalfall, dass man vom Protagonisten zu Lebzeiten eine Liste bekommt, die man bequem abarbeiten kann. Denn heute muss alles zum Event werden. Nicht nur Grossevents wie «Aida» im Hauptbahnhof, «Nabucco» in der Parkgarage oder all die Musicals, die aus jedem Furz ein Spektakel machen, dazu Dinosaurier im Hallenstadion, jeder grössere Teich hat bereits eine Seebühne, Marschmusik als «Tattoo» verkleidet ... usw.

Nun muss auch im privaten Bereich alles ein Event sein, die Geburt des Sprösslings muss unbedingt gefilmt werden, einen Hochzeitsantrag zu machen ohne Hilfe von Röbi Kollers «Happy Day»-Team ist nichts wert, meine Teilnahme am Dorf-Grümpelturnier muss sofort über Twitter der Welt mitgeteilt werden, da ist eine Eventitis im Gang, die eben auch vor dem privatesten aller Themen des Lebens nicht Halt macht: dem Sterben. Da wird eine genaue Playlist der Beerdigungsmusik erstellt, quasi der Soundtrack zum Sterben (es spielt ja schon eine Rolle, ob «Highway To Hell» oder «Stairway To Heaven» läuft). Der Blumenschmuck wird genau beschrieben, der Dresscode für die Gäste, ab und zu wird auch die Todesanzeige schon selbst vorgefertigt. Fehlt nur noch ein professioneller Vorverkauf.

Ist das zu verurteilen? Ich weiss nicht recht, es ist eine Entwicklung, die auf allen Gebieten stattfindet. Wir sind heute schon so weit, dass ältere Menschen unter sanften Druck gestellt werden, sie sollen doch gefälligst mitteilen, wie sie sich den «letzten Gang» wünschen. Vorbei die Zeit, als man einfach dilettantisch vor sich hingestorben ist oder die Sache einfach verdrängt hat und dann geschehen liess. Aber: Jeder hat das Recht, nach seinem Gusto zu sterben. Dazu gehört heute auch immer mehr, den Zeitpunkt des Todes im Ausnahmezustand selber zu bestimmen.

Ich habe noch die Anfänge der Ster­behilfeorganisation erlebt, das waren Diskussionen, da hatte man das Gefühl, es sei Satan persönlich am Werk, Teufelszeug! Alles Leute, die gerne unter einem wohltätigen Deckmäntelchen ihre Mordgelüste ausleben. Dann hat sich die Diskussion normalisiert, und heute ist ein regelrechter Hype entstanden. Als letztes Beispiel war wohl This Jenny für Exit das, was George Clooney für Nespresso war. Exit wird regelrecht überfahren von Anfragen, muss wohl bald eine Aufnahmeprüfung einführen oder ganze Industriehallen zu Sterbezimmern umbauen ... und irgendwann kommt dann die erste Live-Übertragung. Oder eine Big-Brother-TV-Version, bei der auf einer Insel zehn Sterbewillige ausgesetzt werden, die mit lustigen Spielchen um das einzige Fläschchen mit der erlösenden Substanz spielen.

Denken Sie jetzt ja nicht, dass ich mich über das Sterben lustig machen will, nein, im Gegenteil, es ist mir todernst. Sonst hätte ich sicher noch diese Geschichte eingebaut: Im Kino fasst sich plötzlich einer ans Herz und ruft: Ist ein Arzt im Saal? Niemand meldet sich. Der Mann röchelt und stirbt. Beim Hinausgehen diskutieren die zwei Ärzte, die im Kino waren, ob es nur positiv sei, das mit der ärztlichen Schweigepflicht.