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HILFSWERK: «Die Schweizer sind sehr solidarisch»

Das Fastenopfer arbeitet für eine gerechtere Welt. Ist das nicht ein Kampf gegen Windmühlen? Könnte man meinen, doch bringt der neue Geschäftsleiter Bernd Nilles viel Erfahrung mit. Und eine grosse Portion Optimismus.
Pirmin Bossart
Beruflich hat er sich schon eingelebt, privat sucht Bernd Nilles noch nach ein paar Fussballfreunden. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 9. Februar 2018))

Beruflich hat er sich schon eingelebt, privat sucht Bernd Nilles noch nach ein paar Fussballfreunden. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 9. Februar 2018))

Interview: Pirmin Bossart

redaktion@luzernerzeitung.ch

Bernd Nilles, seit ein paar Monaten sind Sie der neue Geschäftsleiter von Fastenopfer. Was hat Sie bewogen, von Brüssel nach Luzern zu ziehen?

Ich bin seit über 20 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv, etwa beim deutschen Hilfswerk Misereor oder zuletzt beim Dachverband für Katholische Hilfswerke in Brüssel. Da habe ich schon intensiv mit Fastenopfer zusammengearbeitet. Nach fast zehn Jahren in Belgien haben wir als Familie entschieden, dass wir wieder mal weiterziehen. Ich habe mich umgeschaut. Als plötzlich die Leitungsstelle von Fastenopfer frei wurde, kam das wie gerufen.

Was hatten Sie für ein Bild von Fastenopfer?

Fastenopfer ist für mich eines der spannendsten Hilfswerke, nicht nur innerhalb der katholischen Welt. Kommt dazu, dass sich Fastenopfer strategisch einem tief gehenden Wandel verschreibt. Sowieso habe ich mich bei katholischen Hilfswerken immer sehr wohl gefühlt.

Warum?

Die katholische Soziallehre, auf der diese Hilfswerke aufbauen, ist in der Konsequenz radikaler, als die meisten Menschen glauben. Das hat eine weitreichende Vision von Veränderung zur Folge.

War der Wechsel in die Schweiz auch ein kleiner Kulturschock?

Jeder Wechsel in ein anderes Land bringt grosse Veränderungen mit sich. Diese sind für unsere Kinder wohl einschneidender als für uns Eltern. Sie sind in Belgien französischsprachig aufgewachsen und mussten jetzt – mit 13 und 16 Jahren an der Kanti – in ein deutschsprachiges Schulsystem wechseln. Das ist eine Her­ausforderung. Aber wenigstens haben sie in Französisch eine Sechs. Die Mitschüler haben sie sehr herzlich aufgenommen. Beide haben schon einen Freundeskreis und sind viel unterwegs.

Die Katholiken begehen jetzt die Fastenzeit. Was heisst das für Sie persönlich? Wie verstehen oder praktizieren Sie das Fasten?

Für unsere Familie ist die Fastenzeit immer eine Zeit des Ausprobierens. Wir alle wissen, dass wir eigentlich anders leben müssten, dass wir zu viele Ressourcen des Planeten brauchen. In einem Wohlstandsland wie der Schweiz ist der ökologische Fussabdruck schon bei der Geburt zu hoch. Da bleiben mir nur zwei Dinge: Ich kann versuchen, den zusätzlichen Schaden möglichst gering zu halten, und – wenn ich sehr motiviert bin – mich auch noch dafür engagieren, dass sich der gesamtschweizerische Fuss­abdruck längerfristig verbessert.

Und was probieren Sie in der Familie konkret aus?

Wir haben zum Beispiel mal das Auto nur zu Beginn der Fastenzeit getankt. Damit mussten wir auskommen bis Ostern. Ein anderes Jahr haben wir beim Essen auf Fleisch verzichtet und neue Gerichte ausprobiert. Die Produktion von Fleisch verbraucht enorm viel CO2 und verschlingt auch viel Land. So versuchen wir, in der Fastenzeit gewisse Dinge einzuüben und einen Teil davon auch mitzunehmen. Bei der Autogeschichte war das ein Erfolg: Wir haben jetzt entschieden, das Auto zu verkaufen und nur noch den ÖV und das Carsharing zu nutzen.

«Fastenopfer» ist ein schwieriger Begriff für eine entwicklungspolitische Organisation. Wie übersetzen Sie den Begriff in die heutige Zeit?

«Opfer» meint ja das Spenden in der Fastenzeit. Wir geben ein Opfer ab, wir teilen. Teilen mit anderen, so interpretieren wir das heute. Das ist auch das Motto von Fastenopfer. Aber es ist unbestritten, dass der Name gerade bei der jüngeren Generation Fragen aufwirft.

Das dürfte Sie auch kommunikationsmässig fordern?

Wir überlegen uns viel, wie wir uns in der Öffentlichkeit so darstellen können, dass die Leute sehen, was wir tun, und nicht schon beim Namen die Tür zumachen. In katholischen Kreisen, vor allem bei der älteren Generation, ist der Name ein Vorteil. Die älteren Menschen erinnern sich daran, dass Fastenopfer schon immer ein bisschen provoziert hat, neue Ideen brachte und sich beispielsweise – anders als die Politik – klar gegen die Apartheid positionierte. Da sind wir im Gedächtnis der Leute verhaftet geblieben. Als Stachel im katholischen Fleisch.

Fastenopfer setzt sich ein für benachteiligte Menschen, für eine gerechtere Welt und die Überwindung von Hunger und Armut. Das sind grosse Ziele mit einem hohen Anspruch. Ist das realistisch?

Wenn ich nicht ambitionierte Ziele stecke – auch solche, deren Verwirklichung ich mit meiner Lebenszeit nicht erreichen kann –, dann steigt das Risiko, dass ich heute die falschen Entscheidungen fälle, die falschen Prioritäten setze. Ich bin nicht naiv, zu glauben, dass Fastenopfer in 20 Jahren globale Gerechtigkeit herstellen kann. Aber wenn wir die globale Gerechtigkeit nicht mehr anstreben, werden wir schon morgen Dinge tun, welche die Ungerechtigkeit womöglich sogar noch verschärfen.

Haben Sie ein Beispiel für klare Gerechtigkeit?

Wir haben eine Atmosphäre, die gehört allen Menschen. Bei einem radikalen Verständnis von Gleichheit und Gleichberechtigung sollen alle Menschen den Zugang zur Atmosphäre haben und auch das gleiche Recht, auf diese Atmosphäre zuzugreifen. Jetzt kontrollieren aber 20 Prozent der Weltbevölkerung diese Atmosphäre, und die andern baden die Schäden aus, die die CO2-Überlastung verursacht. Daher reden wir bei Fastenopfer nicht von Klimawandel, sondern von Klimagerechtigkeit.

Was hat Klimagerechtigkeit mit der katholischen Soziallehre zu tun?

Sehr viel. Wir Katholiken haben die Umweltfrage lange sehr stiefmütterlich behandelt. Armut und soziale Ungerechtigkeit waren unsere Priorität. Aber: Soziale und ökologische Gerechtigkeit sind untrennbar miteinander verbunden. Das ist auch Bestandteil der zweiten Enzyklika von Papst Franziskus. Wo Umwelt zerstört wird, besteht soziale Ungerechtigkeit. Menschen werden vertrieben, Land geraubt, Flüsse verschmutzt, das ist immer auch soziale Ungerechtigkeit.

Schon in Brüssel haben Sie international Lobbyarbeit betrieben, sich bei Politikern und Organisationen für ein gerechteres Wirtschaften eingesetzt. Eine Sisyphusarbeit?

Natürlich kommt es vor, dass man für ein dringendes Anliegen zwei Jahre lang arbeitet, und am Ende verständigt sich die Politik nur darauf, vielleicht einen Paragrafen in einem bestimmten Gesetz ein bisschen entwicklungsfreundlicher zu formulieren. Das ist frustrierend, aber wir haben auch Erfolge zu vermelden. Gerade die Agenda 2030 mit den globalen Nachhaltigkeitszielen wäre niemals so von den Regierungen allein geschrieben worden. Da hat die Zivilgesellschaft einschliesslich Fastenopfer darauf hingewirkt. Die Agenda sagt: Alle Länder sind Entwicklungsländer, die Schweiz genauso wie Senegal. Beide müssen sich verändern, um global eine Transformation von Wirtschaft, Produktion, Konsum zu erreichen. Es wurde klar, dass wir grundsätzlich unser System umbauen müssen.

Heute bekommt man immer stärker den Eindruck, dass die Politik praktisch null Einfluss mehr hat, sondern Finanzwirtschaft, Milliardäre und Konzerne den Gang der Dinge bestimmen. Wie greifen Sie da ein?

Wir haben unsere Strategien an dieses Phänomen angepasst. Es gab oft das Gefühl, gegen eine Glaswand zu laufen, nicht vom Fleck zu kommen. Deshalb richten wir unsere Strategie jetzt stärker auf die Mobilisierung von Bürgern und Menschen. Ein Beispiel ist die breite Verankerung der Konzernverantwortungsinitiative. Dafür mobilisieren wir jetzt die Christen im ganzen Land. Mit der Annahme dieser Initiative hätten wir ein Gesetzgebungsverfahren, das wirklich etwas ändern könnte, indem sich die in der Schweiz ansässigen Konzerne im Ausland verbindlich an Menschenrechtsstandards halten müssten.

Dann ziehen die Konzerne einfach in andere Länder weiter ...

Das werden sie nicht tun. Auch in anderen Ländern laufen entsprechende Gesetzesverfahren, die EU und die UNO arbeiten an Richtlinien. Es wird keine Flucht geben für diese Unternehmen. Inzwischen haben wir viel Material gesammelt, das aufzeigt, dass die Menschenrechts- und Umweltstandards eben doch nicht immer eingehalten werden, wie das Unternehmen gerne beteuern. Der Bundesrat hat sich zwar gegen die Konzernverantwortung ausgesprochen, aber in seiner Stellungnahme gibt er uns in allen Punkten Recht. Er bestätigt, dass in der Schweiz ansässige Unternehmen die Menschenrechte in der Welt verletzen und dass sich das ändern muss. Leider will er dafür bisher aber keine Verbindlichkeit einführen.

Eigentlich müssten Sie schärfste Kritik an den negativen Auswirkungen des Kapitalismus üben, der für die eklatante Ungerechtigkeit auf der Welt stark mitverantwortlich ist. Können Sie sich das als gut vernetzte Hilfsorganisation überhaupt leisten?

Das können wir uns leisten, weil Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zunehmend selbst Räume schaffen, wo sie den Kapitalismus hinterfragen respektive ihn weiterentwickeln wollen. Bei Fastenopfer träumen wir nicht von einem grossen System, das plötzlich alles ändert. Wir glauben an Veränderung aus den Nischen heraus und daran, dass von unten ein Systemwandel entsteht. Es gibt Hunderte von kleinen Initiativen, die überall in den Städten aufpoppen. Es gibt immer mehr Leute, die anders leben wollen, aber sie gehen nicht auf die Strasse und kämpfen für ein bestimmtes System, sie handeln einfach im Kleinen. Das sagt auch unsere neue Fasten-Kampagne: Jeder kann einen Beitrag leisten, die Welt zu verändern. Wenn man das hochrechnet, ist das ein grosser Faktor. Das unterschätzen die Menschen häufig ...

... und sagen: Wenn nur ich was ändere, ändert sich eh nichts.

Das stimmt eben nicht. Ein Beispiel: Sie gehen als Lehrer mit Ihrer Schulklasse nach Berlin. 30 Kinder. Ab ins Flugzeug. Das bedeutet: 21 000 Kilogramm CO2-Ausstoss. Wenn die 30 Kinder mit dem Zug fahren, sind es 400 Kilogramm CO2. Wir können mit unseren Entscheidungen wirklich enorme Dinge in Bewegung setzen. Deshalb wollen wir den Leuten Mut machen. Die Kirchgemeinde Luzern kauft jetzt keine Putzmittel mehr ein, in denen Palmöl drin ist. Sinnlos? Wenn das alle Putzkräfte in der Kirchgemeinde machen, hat das eine Wirkung.

Was hält Sie in Anbetracht der negativen Entwicklungen auf der Welt immer wieder hoffnungsvoll?

Was Menschen geschaffen haben, können Menschen auch wieder ändern. Das ist alles nicht gottgegeben. Es gibt immer wieder tolle Beispiele, in denen Menschen das Ruder herumgerissen haben.

Sind Sie ein gläubiger Katholik?

Ja, aber Glauben ist etwas Persönliches. Ich sitze nicht betend am Schreibtisch. Ich bete auch nicht dafür, dass die Welt morgen gerechter ist, sondern setze mich ein, dass sie das wird. In der Kirche zu arbeiten, ist eine bewusste Entscheidung. Ich arbeite nicht für Fastenopfer, weil ich gläubig bin, sondern weil ich glaube, dass ich hier was bewirken kann.

«Für eine Welt, in der alle genug zum Leben haben», lautet das Motto der Kampagne 2018. Wie viel hat das mit unserem Lebensstandard und der Politik des Westens zu tun?

Wir haben nur einen Planeten, verbrauchen aber inzwischen 1,7 Planeten. Die Schweiz verbraucht viermal die Schweiz. Dadurch entsteht enormer Ressourcendruck. Rund 20 Prozent der Weltbevölkerung konsumieren den grossen Teil des Kuchens. Die Wirtschaft hat uns eine tolle Idee verkauft: Wir liberalisieren die Agrarweltmärkte und versorgen die Welt mit Nahrung. Herrlich, freie Märkte, Nahrungsmittel können hin- und herfloaten, aber wo kommen sie an? Nicht bei den Armen, sondern bei jenen, die Geld haben. Die Dinge gehen dorthin, wo das Kapital ist. Und was machen wir mit denen, die keines haben? Sie fallen aus dem Kapitalismus raus und dürfen die Krumen aufsammeln. Wir meinen: Wenn alle genug haben sollen, heisst das für uns, mit weniger auszukommen.

Wie sollen wir das bewerkstelligen?

Jeder, der entscheidet, etwas gar nicht erst zu konsumieren, nützt diesem Planeten in grossem Masse. Einfach mal nachdenken: Brauche ich das wirklich? Habe ich eine Alternative, die umweltschonender ist? Die Aktivistin Naomi Klein hat gesagt: Durch den Klimawandel ändert sich alles. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir alles ändern. Das ist auch meine Grundphilosophie. Wollen wir festhalten an Demokratie, an einer gewissen Gerechtigkeit, an den Gletschern, dann muss ich grundsätzlich etwas ändern, zum Beispiel die Abhängigkeit des Wohlstands von der Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Spenden Schweizer noch gerne?

Die Schweizer sind eine sehr solidarische Bevölkerung. Es gibt keinen Spendeneinbruch. Trotzdem sind wir unter Druck. Die Schweiz ist ein reiches Land. Viele internationale Hilfsorganisationen drängen hier auf den Markt.

Wie sehen Sie das Verhältnis der Schweiz zur EU?

Innerhalb der EU konnten wir den Wohnsitz ohne Formalitäten wechseln. In Belgien durfte ich auf kommunaler Ebene wählen, hier darf ich das nicht. Ich würde mir wünschen, dass man in der Schweiz etwas leichter ein Teil der Politik und der Gesellschaft werden darf. Man lebt ja auch hier, zahlt hier Steuern.

Hat die Schweiz richtig gehandelt, nicht der EU beizutreten?

Es gibt in der Schweiz hohe Standards im Bereich Umwelt, Fleisch, auch der Tierschutz ist gut verankert. Es wird hier viel mehr regional konsumiert. Die Sonderrolle der Schweiz hat also auch Vorteile. Die Schweizer sollten bei EU-Verhandlungen gut hingucken, was sie schützen möchten. Gleichzeitig sollten sie sich als Teil von Europa verstehen. Also: nicht abschotten, aber aufpassen, dass die Errungenschaften nicht zerstört werden.

Was treiben Sie in Ihrer Freizeit?

In Brüssel habe ich Fussball gespielt. Jetzt suche ich in Luzern eine Hobbymannschaft, in der auch über 40-Jährige willkommen sind.

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