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HOBBY: Stricken gegen Mordgelüste

Lange Zeit war Stricken Fronarbeit für Frauen. Heute ist daraus eine kreative Freizeitbeschäftigung geworden, die in digital-hektischen Zeiten nicht nur die Finger beruhigt.
Valeria Heintges
Sanfte Revolution «Guerilla Knitting»: Strickpullover für Bäume ­verschönern das Strassenbild. (Bild: Ian Redding/Getty)

Sanfte Revolution «Guerilla Knitting»: Strickpullover für Bäume ­verschönern das Strassenbild. (Bild: Ian Redding/Getty)

Valeria Heintges

Der Rekord liegt bei 262 Maschen in drei Minuten. Gelismet! Rekordhalterin ist Hazel Tindall, eine Shetländerin. Das passt, denn auf den britischen Inseln entstehen nicht nur wunderschöne zweifarbige Muster, sondern auch atemberaubend komplizierte weisse Spitzenstolen. 1901 strickten zwei von drei Bewohnern, weil sie vom Verkauf der Stücke lebten. Sie lismeten wohl, wie Tindall, mit einem Strickgürtel, der um die Hüfte getragen wird; darin fixiert man die linke Nadel und kommt dann viel schneller vorwärts. Stricken war Fronarbeit, und die Frauen waren Zwischenhändlern ausgeliefert, die die Ware vertrieben und so schlecht zahlten, dass auch die Kinder mithelfen mussten. Es gibt Berichte über Strickerinnen und Knechte, die beim Gehen oder auf dem Weg zum Acker, im Hellen oder im Dunkeln bei Kerzenschein lismeten. Die Stücke für den Eigenbedarf waren reine Nutzstücke, wurden von oben nach unten gearbeitet, weil man dann angegriffene Bündchen aufribbeln und neu arbeiten konnte. Viele Seiten widmet Ebba D. Drolshagen in ihrem Buch «Zwei rechts, zwei links» diesem dunklen Kapitel der Geschichte der Strickerei – eines aber auch dem «Salon­stricken», das adlige Fräuleins vor Müssiggang und dummen Gedanken behüten sollte.

Die Ursprünge des Strickens selbst liegen im Dunkeln. Textilien verrotten schnell und sind Alltagsgegenstände – warum sollte man sie aufbewahren? Ein perfekt gearbeiteter Strickstrumpf aus dem 11. Jahrhundert aus Ägypten, eines der ersten Stücke, das überlebt hat, beweist auch nur, dass die Technik um diese Zeit längst ausgereift war; wahrscheinlich kam sie bereits im 8. Jahrhundert mit den Mauren nach Europa. Mit Beginn der gewerbsmässigen Strickerei schliessen sich die Stricker in Gilden zusammen, die meisten gab es den Rhein entlang, in der Nordschweiz und im Elsass. Die Konkurrenz ist von Anfang an so gross, dass ein Erlass von Königin Elizabeth I. 1565 vorsieht, dass jeder Engländer über sechs Jahren an Sonn- und Feiertagen eine Wollmütze tragen soll, die englische Mützenmacher gefertigt haben.

In den Märchen wird ­gesponnen statt gestrickt

Auch in schriftlichen Quellen wird nicht gestrickt, sondern – etwa in Märchen – viel gesponnen und ein wenig gewebt. Weder das Lateinische noch das Altgriechische kennen ein Wort für Stricken. Auch die Ursprünge des Wortes «lismen» liegen im Dunkeln: Das Schweizerische Idiotikon zählt es zu den Wörtern, die es nur im Alemannischen gibt; es komme wohl von lesen. «Lisme» scheint damit ursprünglich «Fäden zusammenlesen» zu bedeuten. Das englische «knit» kommt hingegen von knoten und wurde lange für weben und knüpfen benutzt, erst später auch für stricken.

Trotz seines etwas langweiligen Titels versammelt Ebba D. Drolshagen in ihrem sehr schön gestalteten Werk allerlei kuriose, lesenswerte und flüssig geschriebene «Geschichten vom Stricken», wie der Untertitel lautet. Nach der Lektüre hat man Hochachtung vor selbstgefärbten Garnen und der Vielfalt der Materialien, achtet den komplizierten Weg der Wolle vom Schaf zum Knäuel – über reinigen, kardieren (auflockern), kämmen, sortieren, waschen, spinnen, färben –,staunt über die Vielfältigkeit der Muster und Techniken in den verschiedenen Teilen der Strickwelt und bewundert die Kreativität der anonymen Designerinnen der Geschichte, die für einen solchen Reichtum an klassischen Mustern verantwortlich sind, weil sie Muster weiterentwickelten oder selbstbewusst entwarfen.

Dank Coco Chanel stricken Frauen heute für sich selber

Dem Selbstbewusstsein einer Coco Chanel sei es, so Drolshagen, zu verdanken, dass Frauen endlich anfingen für sich selbst zu stricken und nicht mehr nur für den Verkauf oder die Familie und dass Stricken mit der Mode zu gehen begann. Heute gibt es viele Frauen – auch einige Männer – die mit ihrem Tun – Garne herstellen, färben oder Strickstücke designen – Geld verdienen. Denn Stricken ist nicht mehr in der Ökoecke, längst weg von, groben Pullovern, die um Körper schlabbern – auch wenn derzeit Schals und Mützen in sind, die mit so dicken Nadeln gearbeitet werden, dass sich ein ausgewachsener Papagei daraufsetzen könnte.

Zudem mag der Button-Spruch «I knit so I don’t kill people» – ich stricke, um nicht zum Mörder zu werden – ein wenig drastisch formuliert sein. Aber tatsächlich ist Stricken in digital-hektischen Zeiten nicht nur ein beruhigender, sondern auch ein schöpferischer Zeitvertreib, ein Handwerk, dessen Erlernen nie aufhört. Es kann ungeheuer einfach sein, wenn man sich mit einem einfarbigen rechts-links-Muster zufrieden gibt, aber auch ungeheuer kompliziert, wenn die Strickanleitung seitenweise kryptische Abkürzungen oder Kreise, Kästchen und Dreiecke versammelt, weil das Endprodukt vielfarbig oder mit komplizierten Zopfmustern gelismet ist. Und es artet in höhere Mathematik aus, wenn das Garn nicht dem der Vorlage entspricht, die Passform oder das Muster verändert werden sollen. Da kann es dann auch sein, dass Lismen nicht beruhigt, sondern vielmehr selbst Mord-gelüste wachsen lässt.

Ebba D. Drolshagen: Zwei rechts, zwei links. Geschichten vom Stricken. Suhrkamp-Verlag 2017, 248 S., Fr. 27.–

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