HOMOSEXUALITÄT: «Herr Bortoluzzi hat keine Ahnung»

Die «Hirnlappen»-Theorie von Toni Bortoluzzi ist Humbug, sagt der Soziologe Rüdiger Lautmann. Auch in unserer liberalen Gesellschaft prägt mangelnde Akzeptanz viele Homosexuelle.

Christoph Reichmuth
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Über tausend Homosexuelle nahmen an dieser Gay Pride, einer jährlichen Demonstration, im Sommer 2011 in Genf teil. (Bild: Keystone/Martial Trezzini)

Über tausend Homosexuelle nahmen an dieser Gay Pride, einer jährlichen Demonstration, im Sommer 2011 in Genf teil. (Bild: Keystone/Martial Trezzini)

Rüdiger Lautmann, geht man nach Statistiken, ist jeder zehnte Spieler bei der WM homosexuell. Doch von keinem Einzigen ist bekannt, dass er Männer liebt.

Lautmann: Natürlich gibt es auch unter den WM-Kickern Homosexuelle. Allerdings: Ihre 10-Prozent-Theorie ist zu hoch, man geht von drei bis vier Prozent Homosexuellen in der Gesellschaft aus. Der Bereich Profifussball ist eine wirtschaftliche Einrichtung. Da gilt es, Klischees über die Männerbastion Fussball hochzu- halten.

Homosexualität gilt in den Köpfen vieler immer noch als etwas Negatives. Schwuchtel, schwul, Homo – das sind alles Schimpfwörter.

Lautmann: Ich bin sicher, dass die Gesellschaft irgendwann einmal so weit sein wird, dass das Wort schwul nicht mehr negativ konnotiert ist. Aber so weit sind wir noch nicht. Die Stereotypen verschwinden aber allmählich. Schwule Männer sind heute in ihrem Auftreten kaum als schwul zu erkennen, Gleiches gilt für Lesben. Das Zerrbild der maskulinen Frau und des femininen Mannes verschwindet immer mehr aus der Gesellschaft. Die Schwulen treten zumeist sehr männlich auf, die Lesben weiblich.

Der Schweizer Politiker Toni Bortoluzzi hält Homosexuelle für «fehlgeleitet», sie verfügten über «einen Hirnlappen, der verkehrt läuft». Was würden Sie Herrn Bortoluzzi zur Antwort geben?

Lautmann: Dass er keine Ahnung hat. Die Aussage mit dem Hirnlappen ist Humbug. Es gibt keine belastbaren Forschungsergebnisse dazu. Worum es bei dieser Aussage zu gehen scheint: Der Politiker scheint nicht akzeptieren zu können, dass auch Schwule ganz normale Männer sind.

Die öffentliche Empörung ist gross. Doch glauben Sie nicht, dass solche Aussagen an Stamm- und Stubentischen auf viel Zustimmung stossen?

Lautmann: Sicherlich. Es gibt einen stabilen Sockel von antihomosexueller Einstellung in der Gesellschaft, rund bei der Hälfte der Bevölkerung gibt es Vorbehalte gegenüber Schwulen und Lesben. Aber die Leute wissen, dass es nicht opportun ist, solche Vorbehalte öffentlich zu äussern. Das ist ja auch okay, ein bisschen Lästern gegenüber Schwulen ist ja kein Drama. Manchmal treten Schwule und Lesben und Transsexuelle ja tatsächlich etwas besonders auf.

Schwulenwitze sind erlaubt?

Lautmann: Der Umgang mit Homosexualität soll locker und entkrampft sein. Die Menschen sollen auch ihre Meinungen offen sagen dürfen. Dann erst kann man miteinander diskutieren. Es geht darum, sich zu zeigen und zu informieren. Denn nur so können Stereotypen aufgelöst werden. Mit der Aufklärung sollte es schon in der Schule beginnen.

Das dürfte aber am Widerstand vieler Eltern scheitern. So, wie in Baden-Württemberg, wo darüber diskutiert worden ist, ob man die sexuelle Vielfalt schon in der Primarschule thematisieren soll. Eltern gingen auf die Barrikaden.

Lautmann: Dabei werden nicht die Kinder mit dem Thema sexuelle Vielfalt überfordert, sondern überfordert sind alleine die Eltern. Kinder sind neugierig, und sie wollen lernen. Sicherlich, man muss behutsam an die Thematik herangehen. Vor allem eben wegen der Eltern. Die Jüngeren in der Gesellschaft sind ja tendenziell offener eingestellt.

Sie sagen, es gäbe keine Forschung zur Homosexualität. In den 90er-Jahren wurden Autopsien an homo- und heterosexuellen Männern durchgeführt. Die Forscher kamen zum Ergebnis, dass der Hypothalamus, der für die Steuerung des vegetativen Nervensystems zuständig ist, bei den Schwulen doppelt so gross ist wie bei Heterosexuellen. Zudem soll bei Heterosexuellen der Ringfinger länger sein als der Zeigefinger. Und: Wer mit vielen älteren Brüdern aufwächst, bei dem steige die Wahrscheinlichkeit, schwul zu werden. Ist das Quatsch?

Lautmann: Diese Forscher berufen sich auf extrem kleine Stichproben-Erhebungen. In der Sexualbiologie werden diese Forschungsergebnisse daher auch nicht ernst genommen. Die Resultate sind nicht stichhaltig. Wir wissen ja nicht einmal, wie die heterosexuelle Option entsteht.

Wann entwickelt sich die Sexualität? Sigmund Freud ging davon aus, dass bei Geburt alle Menschen bisexuell sind.

Lautmann: Die Triebrichtung entwickelt sich nicht im Mutterleib, beginnt damit aber unmittelbar nach der Geburt. Das Sexuelle ist eine soziale Angelegenheit, das heisst: Erfahrungen der Kinder mit pflegenden und liebenden Personen geben den Ausschlag.

Das heisst, dass die Sexualität auf äusseren Einflüssen beruht?

Lautmann: Sie entwickelt sich nicht wie von selbst, sondern in der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Wir sprechen von einer biografischen Prägung.

«Die alten Einheitsformen sterben aus – Vielfalt ist jetzt gefragt», schrieben Sie jüngst in einem Aufsatz. Wie meinen Sie das?

Lautmann: Das Modell von Frau und Mann, die einer einfachen Schablone folgend zusammen leben und auch noch aus den etwa gleichen Milieus stammen, dieses Modell gibt es immer weniger, auch für gemischtgeschlechtliche Paare. Die Gesellschaft kennt die sexuelle Vielfalt. Schwule, Lesben, Transsexuelle – das bringt neue Modelle des Zusammen­lebens mit sich.

Aber Sie sagen selbst, dass etwa 50 Prozent der Menschen Vorbehalte gegenüber Homosexuellen haben. Wann wird es denn normal, dass jeder so lebt, wie er eben will?

Lautmann: Schwer zu sagen. Ich vermute, dass die Debatte niemals ganz verstummen wird. Sexualität erhält zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften eine grosse Aufmerksamkeit. Die Gestaltung des intimen Zusammenlebens ist überall ein Politikum. Und ich gehe davon aus, dass die Gesellschaft auch in Zukunft definieren wird, was «normal» heissen soll und was andersartig ist.

Ist es für die Homo-Ehe und das Adoptionsrecht nicht zu früh, wenn noch so viel Skepsis herrscht?

Lautmann: Man darf politische Forderungen nicht mit einer Hauruck-Übung durchdrücken. Es braucht eine Behutsamkeit in der Diskussion, und am idealsten wäre es, wenn die Frage von gleichen Rechten für die Homosexuellen losgelöst vom parteipolitischen Fraktionszwang erörtert werden könnte. Die Frage der Homosexuellen zum Gegenstand eines Wahlkampfes zu machen, so wie das in Frankreich mit der Ehe geschehen ist, kann fatal sein.

Sie haben im Auftrag des deutschen Ministeriums für Justiz untersucht, wie sich eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft auf adoptierte Kinder auswirkt. Braucht ein Kind unbedingt Mama und Papa – oder geht es auch mit zwei Vätern, zwei Müttern?

Lautmann: Die Konstellation der Familie hat starke Auswirkungen auf den Charakter, den das Kind entwickeln wird. Wichtig ist es, dass das Kind in einer Umgebung aufwächst, wo es Liebe bekommt. Da kommt es nicht auf das Geschlecht der Erzieher an, sondern auf die Art der Zuwendung. Das Kind braucht also nicht Mutter und Vater, sondern eben Zuwendung. Wichtig ist aber, dass das Kind Zugang bekommt zu beiden Geschlechtern. Also, dass das Kind auch Umgang hat mit Frauen, wenn es bei zwei Männern gross wird – und umgekehrt.

Was können eigentlich bekannte Schwule und Lesben zur Entkrampfung des Umgangs mit Homosexuellen beitragen? Zum Beispiel die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch oder Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit.

Lautmann: Gewiss helfen diese Beispiele, die Debatte zu entkrampfen. Auch homophobe Leute erkennen, dass diese Menschen einen guten Job machen können oder sogar Vorbilder sind, auch wenn sie nicht in den üblichen Formen auftreten. Die Leute sehen, dass die Welt nicht untergeht, wenn ein Schwuler über die Geschicke Berlins befindet.

Wie sehen Sie die Rolle der Kirchen?

Lautmann: Bei Moralfragen orientieren sich viele Menschen heute noch bei den Kirchen. Sie gehören zu den wichtigsten Instanzen, die bis heute in einer Anti-Homosexuellen-Botschaft verblieben sind. So sind sie ein ganz wichtiger Adressat für Fragen rund um das Verhalten der Menschen. Deshalb ist es wichtig, dass die Homosexuellen-Bewegung die Kirchen auf ihre Seite bringen. Ich traue ihnen eine Öffnung zu. Die protestantische Kirche hat sich in den letzten 20, 30 Jahren entwickelt und bewegt.

Stimmt der Vorwurf der Lesben eigentlich, dass es in der Homosexuellen-Debatte vor allem um die Rechte schwuler Männer geht?

Lautmann: Diesen Vorwurf kann ich gut nachvollziehen. Das liegt daran, dass schwule Männer im 19. Jahrhundert die frühesten Vorkämpfer für die Anerkennung der Gleichgeschlechtlichkeit waren. Schwule waren auch stärkeren Repressionen des Staats ausgesetzt als Lesben. Frauen waren früher ökonomisch abhängig von den Männern. Da glaubte man, dass die Frauen formbar wären, dass man sie umerziehen könne, Frauen wurden mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr gebracht.

In der Schweiz wurde Homosexualität 1942 legal – rund 30 Jahre vor Deutschland. 2000 wurde auch in der Schweiz die Diskriminierung beim Schutzalter aufgehoben und auf 16 Jahre gesetzt. Seit 2007 können Homosexuelle ihre Partnerschaften registrieren lassen. Generell geht der Trend in Europa in Richtung Gleichstellung. Wo stehen wir heute?

Lautmann: Auch in Europa haben es Homosexuelle heute noch vielfach schwer; die Entwicklung in Russland gibt Anlass zu grösster Sorge. Viele können sich auch in unserer liberalen Gesellschaft noch immer nicht frei entfalten, mangelnde Akzeptanz des Umfeldes prägt viele Biografien von Homosexuellen.

Hinweis

Rüdiger Lautmann (79) ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Bremen und Jurist. Er war 1971 der erste Professor einer deutschen Hochschule, der sich mit der Untersuchung der Diskriminierung Homosexueller in Geschichte und Gegenwart befasste. Seit 2005 lebt Lautmann mit seinem langjährigen Freund in einer eingetragenen Partnerschaft.