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HUNGERKRISE: Grosse Not, kleines Echo

Die Menschen in Somalia, Südsudan, Äthiopien, Nigeria und im Jemen fühlen sich vergessen. Die Krise verschärft sich, internationale Hilfe gibt es bislang nur wenig. In den Flüchtlingslagern der Region muss die Nahrungsmittelhilfe gekürzt werden.
Walter Brehm
Die Dürre in Äthiopien trifft auch Nutztiere: In der nahe der kenianischen Grenze gelegenen Stadt Yabelo sind Rinder verendet. (Bild: Eric Lafforgue/Getty (Yabelo, 7. März 2017))

Die Dürre in Äthiopien trifft auch Nutztiere: In der nahe der kenianischen Grenze gelegenen Stadt Yabelo sind Rinder verendet. (Bild: Eric Lafforgue/Getty (Yabelo, 7. März 2017))

Walter Brehm

«Die grösste humanitäre Katastrophe seit 1945»: Diese Schlagzeile ist um die Welt gegangen. Fast jedes Massen­medium hat sich ihr verpflichtet gefühlt. Doch das Echo darauf ist kaum wahrnehmbar. Ist den Menschen und vor ­allem den Regierungen weltweit die Empathie abhandengekommen?

Vielleicht liegt es an der schieren Zahl. Der Hunger soll das Leben von 20 Millionen Personen in mehreren Ländern Afrikas und im Jemen bedrohen. Wer kann sich diese monströse Zahl real vorstellen? Bilder in den Medien sind rar. Andere Nachrichten haben den Vorzug, etwa der Terror in europäischen Metropolen oder die Zukunft der EU, die auf der Kippe steht. Das ist uns näher als der Hunger in Afrika. Oder geht es gar nicht darum? Geht es vielmehr um die zweite Schlagzeile, die ebenfalls weltweit zu ­lesen war: «Die hausgemachte Hungerkrise». Richtig ist: Kriege und Bürgerkriege, Korruption und Misswirtschaft schüren in der Subsahara den Hunger. Zynische afrikanische Potentaten profitieren vom Elend ihrer Bevölkerung. Etwa Salvan Kiir, der Präsident Südsudans, der die Gebühr, welche für jeden ausländischen Helfer dafür zu bezahlen ist, dass diese überhaupt helfen dürfen, auf 10000 Dollar erhöht hat.

Von Menschen verursacht, nicht nur in Afrika

Ja, die Gründe für die Katastrophe und deren mässige Beachtung weltweit sind vielfältig. Selbstgerechtigkeit legitimieren sie allerdings nicht. Dass die Not auch menschengemacht ist, liegt nicht nur an den Menschen in Afrika, es sind auch Folgen menschlichen Fehlverhaltens weltweit. Etwa die Klimaveränderung, die in afrikanischen Ländern den Regen immer rarer macht; oder Protektionismus, der europäische Bauern vor afrikanischer Konkurrenz abschirmt; oder die von Europa und Japan verschuldete industrielle Überfischung afrikanischer Küsten. Vieles mehr wäre zu erwähnen. Ein Beispiel, das jeder Europäer nachvollziehen kann, wenn er nur will: Weil im heimischen Konsum Geflügel fast nur noch als edles Brustfleisch auf den Tisch kommt, exportieren europäische Produzenten Keulen und Flügel zu Spottpreisen nach Afrika. Dort geht die Geflügelzucht in die Krise, weil sie mit den europäischen Dumpingpreisen nicht mithalten kann. Also lassen wir den Mahnfinger für die afrikanischen Opfer vorerst stecken.

Grundlegende Debatte über Verhältnis zu Afrika nötig

Zurück zum akut drohenden millionenfachen Hungertod. Um das Schlimmste zu verhindern, haben UNO, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und weitere Hilfswerke in dramatischen Appellen erklärt, bis Mitte Jahr seien 4,4 Milliarden Dollar nötig. Eine Summe, die über private Spendenaktionen allein nicht aufzubringen ist. Doch staatliches Geld fliesst kaum. Im laufenden Jahr hat die UNO nach eigenen Angaben bisher lediglich 7 Prozent der nötigen Zuwendungen erhalten. Die Katastrophe wird also mit dem Hinweis auf die Eigenverantwortung der betroffenen Länder nicht gemildert, sondern verschärft. Hinzu kommt: Eben weil in den meisten aktuellen Hungerregionen auch Gewaltkonflikte ausgetragen werden, gibt es dort auch Flüchtlingslager. In vielen von ihnen mussten die Essensrationen bereits gekürzt werden. Die Rechnung ist einfach: weniger Geld, ­weniger Hilfe.

All das heisst nicht, dass keine grundlegende Auseinandersetzung mit den Ursachen der aktuellen Katastrophe geführt werden muss. Dies darf aber nicht alternativ zur jetzt sofort notwendigen Nothilfe geschehen. Statistiken belegen zwar eine gute Entwicklung. Die Zahl der Hungernden in der Welt sinkt. 1990 waren es noch über 1 Milliarde, heute sind es noch etwa 800 Millionen. Doch erstens nützen Statistiken den Betroffenen nicht, zweitens ist die Zahl noch immer entsetzlich hoch. Ein Ende von Nothilfe ist schon deshalb nicht denkbar. Statistik kümmert sich auch nicht darum, dass in einzelnen Weltregionen bisher im Kampf gegen den Hunger wenig erreicht worden ist.

Hilfe im eigenen Interesse nicht verweigern

Hier kann und soll durchaus auch Eigennutz einsetzen. Was wird aus Europa, wenn die Flüchtlingskrise nicht gelöst wird? Und der Hunger in Afrika kann diese Krise noch deutlich verschärfen. Laut dem kürzlich verstorbenen deutschen Flüchtlingshelfer Rupert Neudeck sitzen in Afrika schon heute 50 Millionen Jugendliche auf ihren Koffern. Die möglichen Folgen für beide Kontinente sind kaum auszumalen. Die Bevölkerung Afrikas wird sich laut Experten trotz Hungersnöten von jetzt 1,2 Milliarden auf 2,5 Milliarden bis 2050 mehr als verdoppeln. Es geht also über die aktuelle Hungerkrise hinaus um die Entwicklung in Afrika.

Mangelnde Entwicklungshilfe war zwar nie das Problem. Doch in den vergangenen Jahren hat sie dem Kontinent wohl mehr geschadet als genutzt. Der britische Afrika-Experte Tom Burgis geht davon aus, dass bisher global gesehen rund 800 Milliarden Dollar an Entwicklungsgeldern nach Afrika geflossen sind. Er glaubt aber, dass davon 600 Milliarden Dollar in den Taschen korrupter afrikanischer Eliten verschwunden sind. Das Grundübel ist leicht auszumachen. Das Gros internationaler Entwicklungszusammenarbeit basiert auf Hilfsleistungen von Staat zu Staat.

In Afrika waren die Adressaten allzu oft korrupte Regierungen. Dank Entwicklungshilfe brauchten sich diese um ihre Bevölkerung selber nicht mehr zu kümmern. Sie haben reichlich Geld bekommen. Zu den Einnahmen aus der Entwicklungshilfe kamen zumeist noch hohe Summen aus der Verschleuderung wertvoller Rohstoffe zu Dumpingpreisen an Konzerne aus den Geberländern. Schein und Sein sind wie so oft in der Politik auch in der Entwicklungshilfe kaum ­deckungsgleich. Die Schuldzuweisungen an die Afrikaner sollten in der aktuellen Hungerkrise zumindest in Europa mit einem selbstkritischen Blick auf die eigene Gegenwart und Vergangenheit im Verhältnis zu Afrika verbunden sein.

Dazu gehört auch folgende Tatsache: Die UNO hat mit ihrem dramatischen Vier-Milliarden-Appell an die Weltgemeinschaft nicht etwa um zusätzliches Geld gebeten. Vielmehr war diese Summe bereits in dem schon Ende 2016 verkündeten Bedarf für die einzelnen Länder enthalten. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres hat die Regierungen jetzt lediglich aufgefordert, das Geld nun auch schnell zu überweisen, um die akute Hungersnot bewältigen zu können.

Die UNO-Hilfsorganisationen brauchen bis Ende März möglichst viel Geld, um Lebensmittel, Wasser und Medikamente in die Krisengebiete bringen zu können. Auch das IKRK hat beklagt, dass nach dem Spendenaufruf an seine Donatoren für 400 Millionen Dollar bisher nur ein Viertel dieser Summe auch eingegangen ist.

Bild: Grafik stb

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