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HUNGERKRISE: «Mein Land stirbt»

Im Südsudan verhungern Menschen. Laut internationalen Helfern bleiben nur noch wenige Wochen, um eine noch verheerendere Katastrophe zu verhindern. Regierung und Rebellen führen seit Monaten einen grausamen Vernichtungskrieg.
Cedric Rehman, Wau/Juba
Ein Junge wartet auf Lebensmittelhilfen, die World Food Programme über dem südsudanesischen Dorf Rubkuai abwirft. (Bild: Siegfried Modola/Reuters (18. Februar 2017))

Ein Junge wartet auf Lebensmittelhilfen, die World Food Programme über dem südsudanesischen Dorf Rubkuai abwirft. (Bild: Siegfried Modola/Reuters (18. Februar 2017))

Cedric Rehman, Wau/Juba

Am Himmel über der Grossstadt Wau ziehen die Raubvögel ihre Kreise. Über ihnen ballen sich dunkle Wolken, die bedrohlich über der Stadt hängen. Noch wirbelt nur ein heisser Wind Staub zwischen den Hütten auf, oft taucht die Sonne auf. In zwei oder drei Wochen werden Regentropfen den Staub in Schlamm verwandeln. Wo im Moment noch Lastwagen mit Lebensmitteln aus Kenia oder Uganda rollen, werden die Strassen im Morast versinken. Wau wird einer Insel gleichen, die niemand mehr auf dem Landweg erreichen kann. Aber auch die Flugzeuge der UNO mit ihren Hilfs­gütern werden nicht mehr regelmässig landen. Mal werden die Unwetter zu stark sein, mal werden die Rebellen die Regenzeit für eine Offensive ­nutzen. Denn auch die Panzer der Regierung versinken in den kommenden Monaten im Schlamm.

Der Regen wird auf Menschen niederprasseln, die schon seit einem Jahr nicht mehr regelmässig gegessen haben. Die Bauern von Wau fuhren in diesem und im vergangenen Kriegsjahr keine Ernte ein. Auf ihren Feldern ausserhalb der Stadt lauern marodierende Kämpfer und der Tod. Die Aasgeier am Himmel über Wau müssen vielleicht nur noch warten bis zum Ende der Regenzeit. Dann könnte es ein Festmahl für sie geben. Nicht nur in Wau, sondern im ganzen Südsudan.

Krieg entzweit junge Familien

Achol Amman kümmert es nicht, dass die Regenzeit ihrem Land den Tod bringt. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, dass ihre Kinder schon jetzt Hunger leiden. Die Mutter wiegt den dreijährigen Majok auf dem Schoss, als sie vor dem Eingang des Saint Mary’s Hospital in einem Dorf unweit von Wau auf einer Mauer sitzt. In ihrer Hütte einige Kilometer entfernt bleiben Majoks Geschwister mit leeren Bäuchen zurück. Ammans Mann ist in irgendeiner Schlacht des endlosen Krieges gefallen, und die Südsudanesin hatte in den vergangenen Wochen nichts als Brennholz zu verkaufen, um ihren Kindern etwas Hirse zu kaufen.

Majoks Kopf wirkt riesig im Vergleich zum Rest seines Körpers. An Armen und Beinen ist kaum Fleisch mehr an den Knochen. Was wird Amman tun, wenn sie den nach Erdnussbutter schmeckenden Kalorienkuchen aus UN-Beständen erhält? Die Ärzte werden verlangen, dass sie die Kalorienmedizin Majok gibt, denn der Junge droht zu verhungern. Dann bekommen aber seine Geschwister auch weiterhin nur Hirse zu essen. Teilt sie den Kuchen unter ihren Kindern auf, wird es Majok nicht besser gehen. Die Mutter muss sich entscheiden.

Achol Amman gehört zum Volk der Dinka, dem grössten Stamm im Südsudan. Sie leben von der Viehhaltung und haben noch nie in ihrer Geschichte einen Pflug über ein Feld gezogen. Die Dinka-Frauen aus dem nördlichen Umland von Wau kauften vor dem erneuten Kriegsausbruch im Sommer 2016 ihre Lebensmittel von Bauern, die südlich der Grossstadt lebten und zu anderen Stämmen gehörten. Nachdem in der Hauptstadt Juba im vergangenen Juli erneut Kämpfe ausbrachen, zogen ihre Männer plündernd durch die Bauerndörfer und vertrieben, wen sie nicht töteten. Die Bauern hatten mit den Rebellen nichts zu tun. Aber die Dinka sahen in den wieder aufgeflammten Kämpfen die Chance, das Ackerland zu erobern und für ihre Kühe zum Weiden zu nutzen. Das Scheitern des Friedensabkommens zwischen den herrschenden Dinka des Präsidenten Salva Kiir und dem zweitgrössten Stamm der Nuer im Juli 2016 entfesselte eine Bestie: Der ethnische Hass, von den regierenden Dinka und den aufständischen Nuer im ersten Krieg von 2013 bis 2016 geschürt, frisst sich jetzt durch jeden Winkel des ostafrikanischen Landes.

Diplomat spricht von Genozid

Kein Stamm kann sich aus den Kämpfen heraushalten. Wer nicht Partei ergreift, wird beschuldigt, dem Feind zu helfen. Der Südsudan verbrennt seit vergangenem Sommer in zahlreichen lokalen Aufständen gegen die Dinka-Führung in Juba. Die Fronten lösen sich auf und machen einem Schlachtfeld Platz. Die Vertriebenen berichten Furchtbares: In vielen Regionen des Landes würden ganze Stämme von den Dinka ausgelöscht. Weite Teile des Landes sind weder für Helfer noch Journalisten zugängig. Das Grauen spielt sich ohne Zeugen ab. Ein hochrangiger europäischer Diplomat nimmt das Wort «Genozid» in den Mund. Alle Kriegsparteien kämpften, um dem gegnerischen Volk die Lebensgrundlage zu entziehen, meint er. Namentlich zitieren lassen will er sich mit der Aussage nicht.

Diejenigen, die den Dinka-Stamm in der Region Wau bisher mit Hirse und Gemüse versorgt haben, flüchteten sich in die Stadt, wo UN-Soldaten stationiert sind. Dann frassen die Kühe der Dinka, was noch auf den verlassenen Feldern wuchs, während die Dinka anfingen zu hungern. Ähnliches geschieht derzeit im ganzen Land. Die Dinka-Truppen vertreiben Stämme, die traditionell Landwirtschaft im Südsudan betrieben haben. Die Felder liegen brach, oder die Kühe der Dinka fressen, was die derzeit in ganz Ostafrika herrschende Dürre nicht vernichtet. Am Ende verhungern die Menschen und das Vieh.

Die Dinka bildeten in den Zeiten des Unabhängigkeitskriegs der südsudanesischen Christen gegen den muslimischen Nordsudan das Rückgrat der Unabhängigkeitsbewegung SPLM. George Bush reiste 2011 in die südsudanesische Hauptstadt Juba. Der US-Präsident feierte die Gründung des jüngsten Staates der Welt und schenkte dem SPLM-Anführer Salva Kiir einen Cowboyhut. Kiir trägt Bushs Hut noch heute. Dabei sieht er die USA inzwischen als Feind. Die Amerikaner wollten im vergangenen Herbst ein Waffenembargo gegen den Südsudan im UN-Sicherheitsrat durchsetzen. Sie scheiterten am Veto Chinas.

Frostige Beziehungen zwischen dem Südsudan und den USA

Juba vergab Peking nach der Unabhängigkeit die Konzession für die Förderung des südsudanesischen Öls. Das war eine herbe Enttäuschung für Washington, das die SPLM gegen den Norden unterstützt hatte. Nachdem die Nuer 2013 ihre Waffen gegen die Dinka-Führung in Juba erhoben hatten, schickte Peking Waffen in den Südsudan und entsandte zum ersten Mal in der Geschichte ein massives Kontingent an Soldaten als Friedenstruppen in den Südsudan. Durch Ostafrika zieht sich eine Bruchlinie. Der muslimische Sudan heisst es, soll die Nuer-Rebellen unterstützen, um den abtrünnigen Süden zu destabilisieren. Uganda griff im Juli 2016 gegen die Aufständischen in Juba ein.

Die Hungernation als Goldgrube für Regionalmächte

Der hungernde Südsudan ist eine Goldgrube, an der ostafrikanische Regionalmächte und China verdienen. Die USA, die sich vehement für Sanktionen gegen Juba einsetzen, bleiben aussen vor. Südsudanesen nennen das Vorgehen der Amerikaner «regime change» und sehen sogar Verbindungen zu den Rebellen.

An einer Hotelbar in Juba trinkt Simon Wul, der eigentlich anders heisst, ein Bier nach dem anderen. Eigentlich besteht er darauf, dass sein wirklicher Name in der ausländischen Presse erscheint. Aber er redet sich um Kopf und Kragen. Was mit ihm geschehe, sei ihm egal. «Mein Land stirbt», sagt er. Nach der Unabhängigkeit 2011 leitete Wul eine grosse Tageszeitung. Auf dem Papier war die Presse nun frei. Wul ­wurde bekannt; vielleicht schützt ihn sein Name bis heute. Die Regierung gab ihm nach kritischen Artikeln den freundlichen Rat, er möge in den Ruhestand gehen. Jetzt bleibt Wul nur der Alkohol, eine Rente, die täglich an Wert verliert, und das Entsetzen über das, was aus dem Südsudan nach der Unabhängigkeit wurde.

Den Westen sieht Wul in der Verantwortung für die Zerstörung des Süd­sudans. «Ihr habt uns in die Unabhängigkeit getrieben, weil ihr Probleme mit den Muslimen habt. Da wolltet ihr etwas christliche Solidarität zeigen, und jetzt seid ihr erstaunt, was aus dem Südsudan geworden ist: ein verdorbenes Kind des Westens», sagt Wul. Ein Mann, der selbst einmal mit dem legendären Rebellenchef John Garang im Busch gekämpft hat, wünscht sich heute, es würde keinen christlichen Staat auf dem Boden des Sudans geben. Erst nach einer langen Phase des Übergangs und der Etablierung staatlicher Strukturen hätte über eine Unabhängigkeit entschieden werden sollen. Frieden, meint Wul nach dem fünften oder sechsten Bier, werde es erst geben, wenn ein Stamm sich gegen alle anderen durchgesetzt habe. «Und das heisst, die anderen sind dann alle tot», sagt er.

Hinweis

Die Reportage entstand im Rahmen einer Recherchereise der Aktion «Deutschland hilft» durch den Südsudan.

Eine Übersichtskarte vom Südsudan.

Eine Übersichtskarte vom Südsudan.

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