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IM ZAUBER DES MITTELALTERS: Wo der Bildersturm ein laues Lüftchen war

Die Romantik-Hochburg will zeigen, dass sie auch zur Zeit der Reformation bedeutend war.
Das Burgtor – Eingang zur alten Stadt.

Das Burgtor – Eingang zur alten Stadt.

In der Tauberstadt kreuzten sich Han-dels- und Pilgerwege. Es konnte also nicht ausbleiben, dass neue Entwicklungen Rothenburg schnell erreichten. Luther kam zwar nicht höchstpersönlich vorbei, aber seine Ideen. Verbreitet wurden sie etwa durch den Karlstadt genannten Reformator Andreas Boden-stein, der kurzzeitig in der Stadt wirkte. An ihn erinnert eine Inschrift an der Stelle der Stadtmauer, an der er seinen andersgläubigen Häschern entkommen konnte. Andere weniger bekannte Reformatoren predigten in den Kirchen und unterrichteten in den Schulen.

Die deutlichsten Spuren der Reformation findet man in der Stadtkirche St. Jakob. Zwei Glasfenster zeigen dominiert von Porträtmedaillons von Luther und Melanchthon zum einen die Geschichte der Väter der Reformation, zum anderen allegorische Darstellungen von Liebe, Hoffnung und Glaube. Sie wurden erst 1914 angefertigt und künden vom Geschmack jener Zeit. Darüber hinaus können die Fenster als Ausdruck der Bedeutung, die man über die Jahrhunderte der Reformation in Rothenburg zugesprochen hat, gelesen werden.

Aus Santiago de Compostela wird die Tauberstadt

Dass die beiden bedeutendsten Altäre der Jakobskirche erhalten geblieben sind, kommt einem Wunder gleich: Zum einen der von Tilman Riemenschneider um 1500 geschnitzte Heilig-Blut-Altar mit dem ausdrucksstark dargestellten Personal der Abendmahlszene, deren Gesichtsausdrücke bereits individuelle Züge andeuten. Und auch der 1466 entstandene Hauptaltar mit seiner vielgestaltigen und farbenprächtigen Schnitz- und Bildwelt, die zentral die Kreuzigung Christi und sechs Heiligenfiguren zeigt, ist nahezu unversehrt geblieben. Die Rückseite mit Darstellungen aus der ­Jakobus-Legende überlebte dank 1922 wieder entfernter Übermalungen. In Rothenburg wurde die Reformation etwas weniger radikal umgesetzt, so dass die Stadt von Bilderstürmereien grösstenteils verschont geblieben ist.

Eine Szene des Hauptaltars fällt besonders ins Auge. Sie zeigt die Überführung des toten Jakobus. Aus Santiago de Compostela ist allerdings die Tauberstadt geworden. Man blickt auf das Treiben auf dem Marktplatz vor dem gotischen Rathaus. Was fehlt ist der Renaissanceflügel, der erst 1578 fertiggestellt wurde: sichtbares Zeichen des grossen Selbstbewusstseins der damaligen Stadtväter. In dieser Zeit herrschte in Rothenburg rege Bautätigkeit. Selbst die auffällig vielen Brunnen in den Gassen und auf den Plätzen gehen auf das späte 16. Jahrhundert zurück: eine Zeit des Um- und Aufbruchs. Ein weiteres mit Geschichte aufgeladenes Gebäude in der alten Stadt ist das Büttelhaus, das ehemalige Gefängnis. Hier hütet das Stadtarchiv seine Schätze. Ein besonders bedeutender ­ ist die Flugschriftensammlung, deren ­ 58 Bände der ansbachisch-markgräfliche Kanzler Georg Vogler, ebenfalls ein Verfechter der Reformation, 1554 Rothenburg vermacht hatte. Im Reichsstadtmuseum sind erstmalig öffentlich Auszüge aus diesen Beständen zu sehen. In der Ausstellung «Medien der Reformation» illustrieren sie die reformatorische Seite im Kampf der Konfessionen.

Der erste Shitstorm der Mediengeschichte

Luthers und Melanchthons Schrift «Der Bapstesel zu Rom», die das Oberhaupt der Katholiken verballhornt, wird ebenso präsentiert wie ein Holzschnitt Dürers, der den Kirchenvater Hieronymus bei der Bibelübersetzung zeigt. Ohne den Buchdruck und die Verbreitung der Flugschriften, so lernt man, wäre die Reformation kaum erfolgreich gewesen. Seinerzeit tobte der wohl erste Shitstorm der Mediengeschichte.

Wem beim Rothenburger Reformationsrundgang zu wenig Martin Luther vorkommt, der muss den Weg zum Kriminalmuseum einschlagen. Das grösste Rechtskundemuseum Europas hat für das Reformationsjubiläum die umfangreiche Sonderausstellung «Luther und die Hexen» zusammengestellt.

Ulrich Traub

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