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INDIEN: Indien hat sein Toilettenproblem nicht im Griff

450 Millionen Inder verrichten ihre Bedürfnisse im Freien, viele werden dadurch krank. Indiens Regierung hat versprochen, Toiletten zu bauen und die Mentalität zu ändern – doch das scheitert schon bedenklich an der eigenen Parteispitze.
Ulrike Putz, Singapur
A temporary toilet made by farmers for their use is seen on World Toilet Day near the River Yamuna in New Delhi, India, Thursday, Nov. 19, 2015. According to the United Nations, 2.4 billion people lack adequate sanitation and nearly one billion have no toilet facilities and are forced to relieve themselves in open areas. (AP Photo /Tsering Topgyal) (Bild: Tsering Topgyal / AP / Keystone (Neu-Delhi, 19. November 2015))

A temporary toilet made by farmers for their use is seen on World Toilet Day near the River Yamuna in New Delhi, India, Thursday, Nov. 19, 2015. According to the United Nations, 2.4 billion people lack adequate sanitation and nearly one billion have no toilet facilities and are forced to relieve themselves in open areas. (AP Photo /Tsering Topgyal) (Bild: Tsering Topgyal / AP / Keystone (Neu-Delhi, 19. November 2015))

Ulrike Putz, Singapur

Es war eine Pinkelpause, die er noch lange bereuen wird: Als der Gesundheitsminister des indischen Gliedstaats Rajasthan, Kalicharan Saraf, letzte Woche ein menschliches Bedürfnis verspürte, wartete er nicht etwa, bis die nächste Toilette erreicht war. Stattdessen liess er seinen Fahrer anhalten und erleichterte sich an einer in dem für Jaipur typischen Pink gestrichenen Mauer.

Dumm nur, dass im Tross auch ein Mitglied der Opposition mitreiste. Der Mann twitterte das entlarvende Foto, das umgehend zum Politikum wurde – Saraf gehört der Partei von Premierminister Modi an, die seit 2014 mit grossem Brimborium die Kampagne «Sauberes Indien» betreibt. Im Mittelpunkt steht dabei der Kampf gegen das Verrichten der Notdurft in der Öffentlichkeit. Sarafs Pinkelpause unterstrich den Vorwurf der Opposition, dass die Kampagne halbherzig betrieben werde und ein reines PR-Manöver sei.

Etwa 450 Millionen Inder, ein Drittel der Bevölkerung, haben keinen Zugang zu einer Toilette. Sie erleichtern sich, wo es eben geht: an Feldrändern und Bahndämmen, im Rinnstein der Strasse, auf den an ihre Slums angrenzenden Müllkippen. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist der nicht adäquate Umgang mit menschlichen Exkrementen Ursache von bis zu 80 Prozent aller Erkrankungen in Indien.

1,2 Millionen Kinder sterben, bevor sie fünf Jahre alt sind

Für Frauen hat der Mangel an Toiletten noch andere gefährliche Folgen. Weil sie wegen der Schicklichkeit ihre Geschäfte nur im Dunkeln erledigen dürfen, leiden Millionen von ihnen unter Verdau­ungsproblemen. Frauen, die sich nachts erleichtern gehen, werden immer wieder zu Opfern von Sexualstraftätern. Und dann ist da auch noch die hohe Kindersterblichkeit: Unter anderem weil ihre Mütter von ihren Gängen zur Open-Air-Toilette Fäkalbakterien nach Hause bringen, sterben jedes Jahr etwa 1,2 Millionen indische Kinder vor Erreichen des fünften Lebensjahrs.

Dass es so weit kommen konnte, liegt an den kulturellen Eigenheiten. Weil es in der hinduistischen Tradition als unrein gilt, nahe des Herdes sein Geschäft zu verrichten, sträuben sich konservative Haushalte auch heute noch gegen die Installation von WCs. Armut sei in Sachen Toilette ein nachgeordneter Faktor, sagen Experten und führen als Beweis an, dass im ärmeren, aber muslimischen Nachbarland Bangladesch nur 1 Prozent der Menschen keinen Zugang zu einem WC haben.

Erst in jüngster Zeit hat die indische Politik erkannt, dass Toiletten Gesundheit und nicht nur Bequemlichkeit bedeuten. Kurz nach seiner Wahl kündigte Modi hat an, «erst Toiletten, dann Tempel» zu bauen. Er versprach, bis 2019 werde jeder indische Haushalt ein WC haben. 47 Millionen Toiletten sind nach staatlichen Angaben in den vergangenen dreieinhalb Jahren in Indiens Dörfern errichtet worden.

Das Problem: Die meisten sind nicht benutzbar. Nur die wenigsten Dörfer Indiens sind ans Wassernetz angeschlossen, und so sind die neuen Gemeinschafts-WCs in kürzester Zeit so dreckig, dass die Dörfler lieber wieder aufs Feld gehen. «Fliessend Wasser und Abwasserentsorgung: Das ist es, was Indien braucht», urteilte «The Telegraph India» jüngst. Die Toilettenkampagne sei «ein typischer Tanz von Politikern, die Slogans lieben, um sich zu promoten, aber das Problem nicht analysieren können».

Ungeklärte Abwässer von einer Milliarde Menschen

Selbst Toilettenaktivisten warnen, dass WCs für alle Inder nicht die Lösung des Problems sei. Es dürfe nicht das Ziel sein, Wassertoiletten für alle zu bauen, sagt Soziologe Bindeshwar Pathak. Denn Abwässer von über einer Milliarde Menschen würden alles Leben in Flüssen töten. Ausserdem könne Indien gar nicht genug Strom produzieren, um Pumpen für so viel Wasser zu betreiben. Pathak ist mit seiner Organisation Vorreiter der indischen WC-Bewegung. Er hat in den vergangenen 50 Jahren 1,5 Millionen Öko-Latrinen gebaut.

Dass das Thema WC-Gang den Menschen in Indien am Herzen liegt, zeigte sich erst kürzlich wieder. Der Film «Toilette – eine Liebesgeschichte» wurde überraschend zum erfolgreichsten Bollywood-Film des vergangenen Jahres. In der Komödie mit Superstar Akshay Kumar, der zum Filmstart werbewirksam eine Latrine aushob, verlässt eine wütende Braut ihren Ehemann einen Tag nach der Hochzeit, nachdem sie hatte feststellen müssen, dass es in dessen Haus kein WC gibt.

Als hätten es sich die PR-Strategen des Filmstudios so ausgedacht, zog das echte Leben umgehend nach: Eine Woche nach dem Filmstart gab ein Gericht in Jaipur einer Frau Recht, die sich ausdrücklich scheiden lassen wollte, weil ihr Mann sich zwei Ehejahre lang geweigert hatte, eine Toilette in der gemeinsamen Wohnung zu installieren.

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