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INSEKTEN: Das Surren fehlt mehr und mehr

In Teilen Deutschlands ist die Insektenmenge laut einer Studie um 75 Prozent gesunken. In der Schweiz sieht die Situation nicht besser aus – zu viele Monokulturen und Pestizide.
Juliette Irmer
Ein Bild aus vergangenen Zeiten, als Insekten noch massenweise auf die Windschutzscheiben der Autos prallten. (Bild: Shane Cotee/Getty)

Ein Bild aus vergangenen Zeiten, als Insekten noch massenweise auf die Windschutzscheiben der Autos prallten. (Bild: Shane Cotee/Getty)

Juliette Irmer

Seit über 30 Jahren zieht Georg Artmann-Graf mit seinem Kescher durch die Region Olten und erfasst alle Insekten, die ihm dort begegnen. Von den rund 30000 Insektenarten, die in der Schweiz vorkommen, hat der Entomologe dort rund 4000 nachgewiesen. Darunter auch eine äusserst ­seltene Wespenart, das vierte ­Exemplar, das je auf der Erde gefunden wurde. Im Juni erschien sein neuestes Buch: Heuschrecken in der zentralen Nordwestschweiz – gestern und heute.

«In meiner Jugend wimmelten die Wiesen nur so von Heuschrecken, das ist heute nur noch selten der Fall», sagt der studierte Biologe, der 1942 in Bern geboren wurde. «Vor allem gewöhnliche Arten wie der Gemeine Grashüpfer oder die Wiesenschnake kommen nicht mehr in der gleichen Menge vor wie früher.»

75-prozentiger Rückgang der Insekten

Artmann-Grafs Beobachtungen decken sich in dieser Hinsicht mit den Ergebnissen einer deutschen Studie, die für Wirbel sorgt: 27 Jahre lang hatten die Mitglieder des Krefelder Entomologenvereins an mehr als 60 Standorten Fluginsekten gefangen und gewogen – nicht, um den Insektenrückgang nachzuweisen, sondern um interessante, seltene Arten zu finden. Die Auswertung ihrer Daten zeigte aber, dass die jährlich gesammelte Masse an Insekten in diesem Zeitraum um mehr als 75 Prozent sank. Einige Experten bemängeln zwar die Methoden der Krefelder Hobbyentomologen – so wurden manche Fallen nicht jedes Jahr an der gleichen Stelle beprobt. «Aber an der Auswertung waren renommierte Wissenschafter beteiligt, die das statistisch ausgeglichen haben», sagt Alexandra-Maria Klein, Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie der Universität Freiburg. «Das Insektensterben ist Realität, und wir merken es doch alle selbst: Die Windschutzscheiben bleiben im Sommer sauber.»

«Überraschenderweise nahm die Insektenmenge in Naturschutzgebieten ab», kommentiert Artmann-Graf die Studie, «Dort ist die Artenvielfalt normalerweise hoch.» Doch viele der untersuchten Schutzgebiete in Deutschland sind von Ackerflächen umringt – sie gleichen somit Inseln in einem Meer aus Getreidefeldern. Der Rückgang der Insekten hängt laut den Autoren der Studie denn auch mit der intensiven Landwirtschaft zusammen: Monokulturen, zu viel Stickstoffdünger und Pflanzenschutzmittel – in den heutigen, ausgeräumten Agrarlandschaften fehlt Insekten schlicht das Futter.

«Die intensive Nutzung landwirtschaftlicher Flächen – in der Schweiz ist das etwa im Tiefland der Fall – reduziert die Artenvielfalt der Insekten massiv», sagt auch Artmann-Graf. «Die Menge nicht unbedingt, denn jene Insekten, die sich von den angebauten Feldfrüchten ernähren können, kommen dort vor. Sie werden landläufig als Schädlinge bezeichnet, ich ziehe den Begriff Nahrungskonkurrenten vor.»

Die Studie aus Deutschland alarmiert viele Wissenschafter, denn Insekten zählen zum Fundament eines Ökosystems. Sie ernähren Vögel, Fische und Frösche – und die Vogelwelt ist bereits am Schwinden: Studien zeigen, dass die Zahl der Vogel-Brutpaare seit den 80er-Jahren in ganz Europa um mehr als die Hälfte gesunken ist. «In der Schweiz sind praktisch alle Vögel von Insekten abhängig. Zwar ernähren sich Finkenvögel von Samen, aber ihre Jungen ziehen sie mit Insekten gross», sagt Artmann-Graf.

Insekten sichern einen Teil unserer Ernährung

Weniger Insekten bedeuten also auch weniger Wirbeltiere und insgesamt eine geringere Artenvielfalt, denn auch die meisten Blütenpflanzen hängen für ihre Vermehrung von der Bestäubung durch Insekten ab. Das heisst: Insekten sichern auch einen Teil unserer Ernährung. Marienkäfer und Schlupfwespen etwa regulieren die Bestände jener Insekten, die unserer Ernte schaden können. Und die riesige Schar der Fluginsekten, darunter Bienen, Hummeln, Fliegen und Schmetterlinge, bestäubt unsere Apfel- und Kirschbäume, Karotten und Tomaten. Hochrechnungen beziffern den wirtschaftlichen Wert, den Insekten durch die Bestäubung erbringen, auf 153 Milliarden Euro weltweit.

«Die Bestäubung zählt zu den sogenannten Ökosystemleistungen, die der Mensch für selbst­verständlich hält. Solche Hochrechnungen sind natürlich nur Schätzungen, aber sie ve ranschaulichen die wirtschaftliche Bedeutung der Insekten, weil Menschen Zahlen verstehen», erklärt Professorin Klein. «Allerdings finden viele Naturliebhaber zu Recht, dass Arten um ihrer selbst willen geschützt werden sollten – also nicht nur dann, wenn sie uns Menschen einen Nutzen bringen.» Um den Insektenschwund zu stoppen, braucht es einen Wandel in der Hochleistungslandwirtschaft. «Wir können die Uhr nicht 100 Jahre zurückdrehen, aber wir können Monokulturen und Stickstoffeintrag reduzieren, Hecken anbauen und insgesamt eine kleinteiligere Landwirtschaft mit sogenannten Polykulturen fördern», sagt Klein.

Eine Reihe insektenfreundlicher Massnahmen existiert in der Schweiz bereits: Wer als Landwirt seine Wiese nur zweimal pro Jahr mäht oder extensiv beweiden lässt, wird vom Bund finanziell belohnt. Ebenso, wer einzelne Flächen mit Grasstreifen und Hecken verbindet, um der Verinselung entgegenzuwirken.

Selber aktiv werden: Im eigenen Garten

Aber auch Privatleute können aktiv werden: Indem sie Lebensmittel einfordern, die insektenfreundlich produziert werden. Und, indem sie ihren Garten möglichst naturnah anlegen: «In einen Garten gehören einheimische Pflanzen. Wer etwa Kirschlorbeer pflanzt, kann genauso gut einen Plastikbaum hinstellen», bringt es Artmann-Graf auf den Punkt. «Sehr hilfreich ist es auch, einen Teil des Rasens nur ein- oder höchstens zweimal im Jahr zu mähen.» Dann verhungern dort weder Insekten noch Vögel.

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