INTERNET: Alles ist MEGA

Kim Dotcom ist ein Exzentriker. Mit seinem neuen Produkt Mega läutet er die Endphase der Schlacht um das Urheberrecht ein.

Michael Graber
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Für die Lancierung seines neuen Portals setzte er auch auf weibliche Reize. (Bilder Key)

Für die Lancierung seines neuen Portals setzte er auch auf weibliche Reize. (Bilder Key)

Kim Schmitz alias Kim Dotcom alias Doktor Kimble alias Kim Tim Jim Vestor ist eine massige Erscheinung. Mega, könnte man sagen. Über zwei Meter misst der Deutsch-Finne, und sein Bauchumfang deutet auch nicht gerade auf eine Sportlerkarriere hin. Was ihn aber nicht daran hindert, wie ein Star zu leben. Auch hier wieder mega: Seine Villa in Neuseeland gilt als die teuerste im ganzen Land, dazu kommen Vorlieben für teure Autos und spezielles Mineralwasser.

Auslieferung droht

Kim Dotcom ist ein Exzentriker, ein Selbstdarsteller und in den Augen vieler auch ein Krimineller. Sein letztes grosses Projekt, der Datendienst Megaupload, wurde vom Netz genommen, nachdem die halbe Film- und Musikindustrie dagegen geklagt und gedroht hatte. Im Prinzip war die Seite nichts anderes als ein grosses Lager für Daten. Darunter zahlreiche, die urheberrechtlich geschützt waren. Filme, Musik und andere Sachen, die nicht zur Weitergabe bestimmt waren.

Zwar bemühte sich Dotcom darum, dass gemeldetes Material schnell gelöscht wurde, aber in der Zeit, in der eine Datei verschwand, tauchte sie schon wieder auf – meistens mehrfach. Und anders als bei einem abgeschlossenen Lager konnte jeder, der die Adresse kannte, auf die Inhalte zugreifen und sie herunterladen.

Kim war zwar nicht der einzige Anbieter eines solchen Datendienstes, aber sicher der offensivste. Wohl auch deswegen wurde er vor knapp einem Jahr in einer spektakulären Aktion verhaftet, inklusive Helikoptereinsatz und Männern in Kampfmontur. Megaupload verschwand vom Netz. Messungen registrierten in den Tagen nach der Abschaltung bis zu 4 Prozent weniger Traffic als sonst auf der weltweiten Datenautobahn. Das sind eindrückliche Zahlen.

Mittlerweile ist Dotcom wieder auf freiem Fuss, hat aber noch nicht Zugriff auf seine Konten, und noch immer drohen ihm mehrere Jahre Knast. Es ist allerdings fraglich, ob er nach Amerika ausgeliefert wird, wo ihm mehrere Prozesse drohen. Der Mega-Mann ist in seiner Wahlheimat äusserst beliebt, der Premierminister hat sich mittlerweile auch für die Verhaftungsaktion entschuldigt.

Und Dotcom ist drauf und dran zurückzuschlagen. Seit kurzem ist sein neustes Projekt online: Upload hat er einfach weggelassen, er nennt es nur noch Mega. Wiederum ist es ein Datenlager, doch diesmal ist einiges anders: Jeder User kann 50 Gigabyte Daten gratis ins Netz laden, die Daten werden aber beim Upload so verschlüsselt, dass es für Kim Dotcom und seine Kollegen unmöglich ist zu sehen, was genau gelagert wird. Er stellt sich auf den Standpunkt: Nichtwissen schützt vor Strafe. «Es kommt auch niemand auf die Idee, der Post die Schuld zu geben für das, was in den Briefen steht», sagte er an einer exzentrischen Pressekonferenz zur Lancierung.

Personendaten gefordert

Sollten die Gerichte – und es wird wiederum auf Prozesse hinauslaufen – zum Schluss kommen, dass Kim Dotcom mit Mega im Recht ist, dürfte die Entscheidung in der Schlacht um das Urheberrecht gefallen sein. Dann ist praktisch nur noch der Uploader haftbar (das Downloaden selber ist in vielen Ländern straffrei), und dieser ist nur sehr schwierig zu eruieren. Eine Problematik, die auch Anwalt Adriano Viganò sieht, der sich vertieft mit dem Urheberrecht beschäftigt: «Da bei einem Gratiskonto nicht geprüft wird, wer der Inhaber des Kontos ist, ist der Mega-Server eine Einladung zur Piraterie.»

Viganò hat selber mehrere Jahre für Filmfirmen gearbeitet und auch schon zur Problematik der Internetpiraterie publiziert. Er glaubt nicht, dass alleine die Verschlüsselung der Daten reicht, um Mega und somit Kim Dotcom aus der Schusslinie zu nehmen: «Die Gerichte werden von Mega verlangen, dass sie auf zwei Ebenen aktiv werden: Kunden müssen sich via Paypal oder Kreditkarte identifizieren, und es müssen Massnahmen gegen die Veröffentlichung der Links getroffen werden.» Wer nämlich den Link hat, kann die Daten einfach herunterladen, und diese verbreiten sich schnell übers Internet in Foren und Tauschbörsen.

Links werden gelöscht

Das ist immerhin der Vorteil für die Rechte-Inhaber: Sie können gegen die Links vorgehen. Sobald ein Link veröffentlicht wird, können die Film- und Plattenfirmen eruieren, was da genau gelagert wird, zum einen die Löschung der Links verlangen und zum anderen den verschlüsselten Datensatz entfernen lassen. Die Methoden der Datenpiraten werden aber immer raffinierter: Der Kampf ist längst keiner mehr zwischen David (Piraten) und Goliath (Rechte­Industrie), sondern wird auf beiden Seiten mit grober Klinge geführt.

Das liegt auch daran, dass beide Seiten viel zu verlieren haben: die Künstler ihre Einnahmen aus dem Verkauf und die Piraten Einnahmen aus den Downloads. Oft werden besonders fleissige Uploader finanziell entschädigt, und die Plattformen verdienen an Konten, mit denen man mehr und schneller herunterladen kann. Im Falle von Kim Dotcom dürfte der Umsatz bei über hundert Millionen Franken gelegen haben. Viel mehr als eine gigantische Server-Farm – also einen Ort, wo all die Daten wirklich gespeichert werden – braucht er nicht dafür.

«Eine Schande»

Anwalt Adriano Viganò sieht deshalb auch ein grosses Entwicklungsbedürfnis beim Urheberrechtsschutz: «In Ländern, in denen wir griffige Gesetze haben, sehen wir einen Rückgang bei illegalen Aktivitäten.» Besonders streng urteilt er über die Rechtslage in der Schweiz: «Nachdem früher die Schweiz international bei der Entwicklung der Urheberrechte eine Vorreiterrolle einnahm, sind wir heute das Schlusslicht. Eine Schande.»