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INTERNET: Mama bloggt und verdient

Mütter schreiben online über ihr Leben mit Kind, inszenieren sich als perfekte Mama. Und machen damit Geld. Werbewillige Firmen reissen sich um diese Influencerinnen.
Diana Hagmann-Bula
Sie trinkt Kaffee und schreibt, der Sohn geduldet sich nebenan: So einfach sei das Leben als Influencermutter nicht, sagt eine Schweizer Bloggerin. (Bild: Getty)

Sie trinkt Kaffee und schreibt, der Sohn geduldet sich nebenan: So einfach sei das Leben als Influencermutter nicht, sagt eine Schweizer Bloggerin. (Bild: Getty)

Diana Hagmann-Bula

Kaum sind ihre beiden Töchter auf dem Weg in die Schule, beginnt Nadja Zimmermann zu arbeiten. Sie muss dafür nicht aus dem Haus, sie schaltet einfach den Computer ein. Und tippt einen neuen Beitrag in ihren Blog. Loumalou heisst ihr digitales Kind. Es hilft modernen Müttern weiter, wenn sie schon fünfmal Pasta mit Sauce aufgetischt haben und die Woche noch immer nicht vorbei ist. Die ehemalige Fernsehmoderatorin liefert Ideen für gesunde Gerichte, die Kindern dennoch schmecken.

Kinderwagenschaukler zu gewinnen

Mütter wie Nadja Zimmermann gibt es viele. Die Frauen aus Zürich, Berlin, London, Kopenhagen und New York bloggen auf Webseiten mit originellen Namen über die neusten Kinderwagen: «Uns ist das angenehme Fahrgefühl sehr positiv aufge­fallen. Der Wagen ist irre flexibel und anpassungsfähig.» Am Ende des Beitrags folgt ein Rabattcoupon. Oder sie listen Dinge auf, auf die sie als Mutter nicht mehr verzichten wollen: «Was aussieht wie ein gigantischer Vibrator ist eine Erfindung für all jene Eltern, deren Babys ohne rhythmisches Wippen im Kinderwagen sofort wieder aufwachen.» Die Rede ist von einem automatischen Kinderwagenschaukler. Natürlich wird dieser verlost.

In der Welt der Mütterbloggerinnen geht es manchmal um Milchstau und fiebrige Kinder, oft aber um Stilvolles: zum Anziehen (Kleider mit mexikanischen Blumenmustern für Mutter und Tochter), zum Eincremen (Naturkosmetik, damit Körper und Gesicht Geburt und schlaflose Nächte nicht anzusehen sind), zum Einrichten (bis das Kinderzimmer wie aus dem Heftli aussieht). Bei Heather Armstrong, US-Amerikanerin und Königin der Mütterbloggerinnen, lasen in den besten Zeiten zwei Millionen Frauen im Monat mit, die Zürcherin Nadja Zimmermann kommt auf 20000 Klicks. Werbewillige Firmen reissen sich um diese Mütter, die Tausende andere Mamas mit ihrem Lebensstil beeinflussen. «Die Nachfrage nach solchen Werbebotschafterinnen steigt stark. Wir haben deshalb ziemlich alle Schweizer Influencermütter in unserem Portfolio», sagt Fabian Plüss, Gründer der Zürcher Influencer-Werbeagentur Kingfluencers.

Menschen statt Inserate

Einst empfahl eine Marke potenziellen Kunden per Plakat, was sie kaufen sollen. «Heute wollen sie echte Menschen, die ein Produkt mögen, es im Alltag verwenden und online Mund-zu-Mund-Propaganda machen», sagt Plüss. Der Mensch sei es gewohnt, zu imitieren. «Als Baby lässt er sich von der Mutter beeinflussen, in der Schule von den Kollegen, als Erwachsener von Influencern.» 200 bis mehrere 1000 Franken pro Blogbeitrag verdient eine Influencermutter in der Schweiz, wie der Experte sagt. Ausschlaggebend seien Bekanntheitsgrad, Anzahl Klicks oder Follower und Budget des Kunden.

Nadja Zimmermann verbringt viel Zeit damit, Absagen zu schreiben. Zwar gehört sie zu den Influencermüttern, die Fabian Plüss vermittelt, viele Firmen kontaktieren die 40-Jährige jedoch direkt. Passt das Produkt nicht zu ihrer Lebensphilosophie oder verstösst es «gegen meinen Umweltgedanken», so lehnt sie ab. «Mir ist wichtig, dass meine Begeisterung echt ist. Ich will nicht zu einer belanglosen Werbeplattform verkommen, der die Menschen nicht mehr vertrauen.» Zimmermann kennzeichnet die bezahlten Beiträge als solche, legt offen, dass sie etwa Jahresverträge mit Ovomaltine und Stokke abgeschlossen hat. Wenn sie über das perfekte Familienpicknick schreibt, rät sie deshalb, Guezli des Vertragspartners einzupacken. Und auf den Fotos aus ihrer Küche ist oft der Kinderhochstuhl ihres Kunden zu sehen.

Begonnen hat alles mit drei Kochbüchern, die Zimmermann herausgebracht hat. Vor zwei Jahren dann entstand unter finanzieller Starthilfe von Coca-Cola der Blog. Die Mutter trinkt Latte Macchiato und tippt in die Tasten, die Mädchen spielen friedlich nebenan? «So harmonisch lassen sich Kinder und Arbeit auch als Bloggerin nicht vereinbaren.» Zimmermann erzählt von Diskussionen mit ihren Töchtern, die nicht verstanden haben, dass Mama zwar daheim bleibt, aber dennoch arbeiten muss.

Keine Staubwölkchen, keine Geschirrtürme

Und auch der Tag einer Bloggerin hat nur 24 Stunden. Zimmermann schreibt oder kauft ein, wenn die Kinder morgens ausser Haus sind. Oder sie bereitet zu, was sie online demnächst empfehlen wird, fotografiert, ehe die Töchter heimkehren und wärmt die Blog-Mahlzeit auf für den Familientisch. «Ich kombiniere berufliches und privates Kochen und richte einfach schöner an als sonst.» Zimmermanns Welt wirkt ziemlich durchschnittlich, im Vergleich zu jener anderer Bloggerinnen. Wenn diese über die Zutaten schwärmen, die es für ihr Bilderbuchleben braucht, fliegen keine Staubwölkchen durchs Bild und türmen sich keine Geschirrtürme im Abwaschbecken. «Die Schattenseite der Werbung. Sie zeigt immer eine perfekte Welt», sagt Agentur­inhaber Fabian Plüss.

Beuten Bloggerinnen ihre Kinder aus?

Andere kritisieren Bloggerinnen, weil sie ihre Kinder herzeigen. Eben deshalb stellte Heather Armstrong ihre Webseite Dooce vorübergehend ein. 2001 hatte sie zu bloggen begonnen, weil sie als Mutter unglücklich war, mit niemandem dieses Gefühl teilen konnte. Also schrieb sie darüber. Und nahm plötzlich 45 000 Euro monatlich ein. «Zuerst wollten die Kunden nur ihr Logo sehen, dann das Produkt. Am Schluss hiess es: Deine Kinder müssen vorkommen.» Sie beute ihren Nachwuchs nicht länger aus, begründete sie ihre Auszeit.

Nadja Zimmermann fotografiert ihre Mädchen meist von hinten. Oder nur deren Hände. Dann sieht man auch mal schmutzige Kinderfinger und abgebrochene Nägel, von denen der Lack blättert. «Wir haben nicht alle zwei Tage Zeit für Maniküre», sagt Zimmermann. Und meint: «Ich will nichts beschönigen. Für das perfekte Foto müsste ich Modelkinder mieten. Meine posieren nie länger als fünf Minuten.»

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