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INTERVIEW: Pfarrerin Noa Zenger zur Ökumene: «Es gibt immer noch Verletzungen»

Die Ökumene lebt, doch hallen die Folgen der Reformation bis heute nach. Die reformierte Pfarrerin Noa Zenger und der Jesuit Christian Rutishauser wissen, wo und wie das Miteinander noch gestärkt werden kann.
Pia Seiler
Sie leben die Ökumene im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn: die reformierte Pfarrerin Noa Zenger und der Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser. (Bild: Stefan Kaiser (Edlibach, 17. Juni 2017))

Sie leben die Ökumene im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn: die reformierte Pfarrerin Noa Zenger und der Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser. (Bild: Stefan Kaiser (Edlibach, 17. Juni 2017))

Interview: Pia Seiler

redaktion@luzernerzeitung.ch

Seit einem Jahr lebt die reformierte Pfarrerin Noa Zenger im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn ob Zug, dem wichtigsten Werk der Schweizer Jesuiten. Noa Zenger und Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser sprechen anlässlich des Reformationsjubiläums über gelebte Ökumene und Reminiszenzen zwischen Katholiken und Reformierten.

Noa Zenger, wie geht es Ihnen bei den Jesuiten?

Noa Zenger: Sehr gut. Lange schon vor dem Lassalle-Haus neckten mich meine reformierten Kollegen immer mal wieder mit «du Kryptokatholikin».

Woher kommt das?

Zenger: Ich begreife den Gottesdienst nicht nur als Predigt, als Verkündigung vom Wort. Es ist mir ein Anliegen, sorgfältig Liturgie von der Begrüssung bis zum Segen zu feiern. Da bin ich hier gut aufgehoben und stosse als Reformierte auch auf Resonanz, wenn Katholiken mitfeiern.

Christian Rutishauser: Die Liturgie, die gepflegte Feier ist mir wichtig. Und da gehört eine gute Auslegung des Wortes dazu. Ich leide, wenn auf katholischer Seite die Predigt zu wenig sorgfältig vorbereitet ist. Die Liebe zum Wesentlichen verbindet uns.

Das Rückbesinnen auf das Wesentliche ist ja auch das Hauptanliegen der Reformation.

Rutishauser: Ja. Bei Zwingli, bei Luther, aber auch bei der katholischen Reform, angeführt von den Jesuiten. Wesentlich zu sein, ist uns als Orden wichtig – mit Christus im Zentrum, seinem Zeugnis in der Welt und wir in seiner Nachfolge.

Sie nicken, Noa Zenger. Erinnern Sie sich an die erste gemeinsame Begegnung?

Zenger: Das war in Bern, zu Beginn meines Studiums. Christian Rutishauser hatte dort als Studentenseelsorger gewirkt, sein Name war noch in aller Munde. Später im Jahr erlebte ich ihn als Referenten an einer Tagung. Da sprach jemand, der sich tief eingelassen hatte auf die christliche Spiritualität – und ich wollte unbedingt zu Rutishauser in einen Kurs. (Beide lachen herzhaft) Rutishauser: Da stand eine extravagante junge Frau vor mir, du trugst leuchtend rote Hosen – das weiss ich noch. Im Kurs dann spürte ich schnell, dass du ein tiefes Verständnis hast für Spiritualität, für den inneren Weg.

Sie haben Noa Zenger viele Jahre auf dem Exerzitien- und Kontemplationsweg begleitet. Wie war das?

Rutishauser: Es ist Knochenarbeit, bis sich Menschen existenziell auf einen biblischen Text einlassen können. Gerade bei theologisch Geschulten steht oft das Wissen im Weg zum biblischen Text, zur eigenen existenziellen Berührtheit. Es ist jedes Mal beflügelnd für meine eigene Spiritualität, jemanden zu begleiten, mit dem ich diese Hinder­nisse wegschaffen kann.

Zenger: Die Stille, das Reduzierte, das schlichte Dasein in der Gegenwart Gottes: Das war für mich schon sehr bereichernd. Deine Begeisterung für Christus und die Liebe für diesen Weg des Gebetes hat mir Augen und Herz geöffnet, wie ich Gebet leben kann.

Tatsache bleibt: Zwischen Katholiken und Reformierten gab es Glaubenskriege. Gibt es noch Reminiszenzen?

Zenger: Für mich war das als Gemeindepfarrerin zuweilen spürbar. Es gibt immer noch Verletzungen, bei gemischten Ehepaaren etwa. Der eine konvertierte, oder beide behielten ihre Konfessionen bei. Wie auch immer, man wurde von dieser oder jener Glaubensgemeinschaft gemieden. Oder man kaufte nur beim reformierten Beck ein, ging nur in die reformierte Musikgesellschaft – im Grunde eine Zweiklassengesellschaft. Auch wenn ich es nicht erlebt habe: So lange ist das noch nicht her.

Rutishauser: Ich bin ein nachkonziliäres Kind und habe ebenfalls keine Erfahrung darin. Doch die Geschichte wirkt zweifelsohne nach. Noch sind nicht alle Verletzungen, Vorurteile, Polemiken aufgearbeitet – gerade auch, was den Jesuitenorden als Zielscheibe betrifft. Im Bereich der politischen Theologie haben wir noch einiges zu tun.

Andernorts kann Religionszugehörigkeit noch immer über Leben und Tod entscheiden. Christian Rutishauser, was können wir von 500 Jahren Reformation lernen?

Rutishauser: Die Botschaft des einfachen Wanderpredigers, der im Konfliktfall auf Gewalt verzichtet, ist für mich wichtiger denn je. Wir können, wir müssen einstehen für ein gewaltloses Miteinander. Nicht naiv, sondern tatkräftig mit Dialog – eine andere Alternative gibt es nicht. Man muss miteinander reden, verstehen, Prozesse aushandeln. Ohne Selbstreflexion und Selbstkritik, Vergebung und Versöhnung ist das nicht zu haben, aber auch ohne Gebet und Meditation nicht. Da legen wir fürwahr Zeugnis ab von zwei Gemeinschaften, die einst blutig gegeneinander gekämpft haben und heute sagen: Das war falsch. Und die einen langen Weg gegangen sind, um dem Gewaltpotenzial im Menschen und in der Welt zu begegnen.

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