ITALIEN: Ausländer sind unerwünscht

Die sieben ausländischen Direktoren, die an die Spitze bedeutender italienischer Museen gewählt worden sind, bangen wegen eines Gerichtsurteils um ihre Stelle. Der Kulturminister ist entsetzt.

Dominik Straub, Rom
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Der palazzo Ducale in Mantua. (Bild: PD)

Der palazzo Ducale in Mantua. (Bild: PD)

Dominik Straub, Rom

«Mir fehlen die Worte, und das ist vermutlich besser so», erklärte Kulturminister Dario Franceschini gestern, als er vom Urteil des Verwaltungsgerichts der Hauptstadtregion Latium gehört hatte. Das Administrativgericht hatte entschieden, dass die Ernennung von fünf Museumsdirektoren vor zwei Jahren durch die Regierung null und nichtig sei und dass das Ausschreibungsverfahren wiederholt werden müsse. «Ich mache mir ernsthaft Sorgen um den Ruf Italiens – aber auch um die praktischen Konsequenzen, da ab heute fünf Museen faktisch ohne Direktoren sind», erklärte der Kulturminister.

Besonders peinlich ist dem Minister die Begründung des Urteils durch die Verwaltungsrichter Latiums: In zwei Fällen wurden die Berufungen deshalb annulliert, weil die neuen Direktoren Ausländer sind. Dies verstosse gegen ein Gesetz aus dem Jahr 2001, das für diese Art Staatsstellen nur einheimische Fachkräfte vorsieht. «Hätte der Gesetzgeber das Auslesefeld erweitern wollen, indem er auch ausländische Bewerber zugelassen hätte, dann hätte er das klar so formuliert», schreiben die Richter in ihrem Entscheid.

Epochale Reform von Matteo Renzi

Nach einer epochalen Museumsreform hatte die Regierung von Matteo Renzi im Jahr 2015 für insgesamt sieben von zwanzig wichtigen Museen ausländische Direktoren ernannt. Direkt vom Entscheid betroffen sind laut italienischen Medienberichten vorerst nur zwei der sieben Ausländer: der Deutsche Gabriel Zuchtriegel vom Archäologiepark Paestum und der Österreicher Peter Assmann vom Palazzo Ducale (Fürstenpalast) in Mantua. Vom Stellenverlust bedroht sind wegen des Urteils aber grundsätzlich auch die anderen fünf: Ihre Ernennungen waren nicht Teil des jüngsten Verfahrens, könnten nun aber ebenfalls gerichtlich angefochten werden, weil das erwähnte Gesetz aus dem Jahr 2001 grundsätzlich auch für ihre Anstellung gilt.

Mit der Reform der Museen wollte Franceschini vor zwei Jahren einen alten Missstand beheben: Italien verfügt zwar weltweit über die meisten Kulturschätze und Unesco-Weltkulturgüter, aber gleichzeitig haben viele dieser immensen Schätze im Lauf der Jahrhunderte Staub angesetzt.

Vor allem die Museen und einzelne grossartige archäologische Stätten wie Paestum mit seinen griechischen Tempeln wurden bürokratisch verwaltet und unter Wert «verkauft». Der «Corriere della Sera» hatte ausgerechnet, dass allein das Metropolitan Museum in New York mit 350 Millionen Dollar im Jahr fast gleich hohe Einnahmen generiert wie das gesamte italienische System aus Museen, archäologischen Stätten und Bibliotheken.

Mit der Reform sollte nicht nur ein frischer, ausländischer Wind die alten Gemäuer durchlüften. Gleichzeitig wurde die Führung der Museen entbürokratisiert und die Unterstellung unter die Denkmalschutzbehörde aufgehoben. Die Museen dürfen nun nicht nur ihre Eintrittspreise selber festlegen, sie können dank der Reform einen grösseren Teil der Einnahmen behalten und in ihr Haus investieren.

«Ausländer haben objektiveren Blick»

Die im Ausland angeworbenen Direktoren können sich dabei besonders unbefangen bewegen: «Als Ausländer ist man in Italien nicht automatisch mit jemandem verbandelt und hat oft einen objektiveren Blick», sagte in einem Interview der neue Leiter der Uffizien in Florenz, der Deutsche Eike Schmidt.

Das letzte Wort bezüglich der ausländischen Fachkräfte ist noch nicht gesprochen: Kulturminister Franceschini hat gestern angekündigt, dass die Regierung den Entscheid des Verwaltungsgerichts anfechten werde.

Das Urteil mutet in der Tat provinziell an, und das Gericht ist dafür berüchtigt, dass es immer wieder Reformen blockiert oder auch national bedeutende Infrastrukturprojekte lahmlegt. In diesem Fall ist den Richtern aber kaum ein Vorwurf zu machen: Wenn ein Gesetz besagt, dass für die Leitung eines italienischen Museums ein italienischer Pass notwendig ist, dann kann ein Gericht dies nicht einfach ignorieren. Vielmehr dürfte es sich im vorliegenden Fall um eine weitere Reform der Regierung Renzi handeln, die zwar gut gemeint war, aber handwerklich lausig durchgeführt wurde.