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JAHRESTAG: Karl Marx, tot oder lebendig

Zum 200. Geburtstag am 5. Mai wird er ausgiebig gewürdigt. Doch gehört Karl Marx nicht eigentlich auf den Müllhaufen der Geschichte? Nein, antworten zwei Historiker, ein Philosoph und ein Soziologe.
Rolf App
Marx sei gegen ein Denkmal auf seinem Grab, hat sein Freund Friedrich Engels erklärt. Trotzdem hat er 1956 eines bekommen. (Bild: Getty (London))

Marx sei gegen ein Denkmal auf seinem Grab, hat sein Freund Friedrich Engels erklärt. Trotzdem hat er 1956 eines bekommen. (Bild: Getty (London))

Rolf App

Sein Grab in London Highgate ist noch immer ein Anziehungspunkt und für manche sogar ein Pilgerort. Auf einem riesigen Sockel thront ein monströser Marx-Kopf, man muss zu ihm aufblicken. Am Fuss findet sich eine einfache Grabplatte, welche die Namen der hier Beerdigten nennt. Es ist ein Ort mit Aussagekraft, deshalb erzählt der deutsche Marx-Forscher Michael Heinrich davon auch in einem Aufsatz, der zu erklären sucht, wie die Verhältnisse stehen zwischen Marx und den Marxisten. Die Grabplatte hat Marx noch selber ausgesucht, das Denkmal haben 1956 die britischen Kommunisten darauf gepflanzt.

1956: Das ist das Jahr, in dem die Sowjetunion in Ungarn einen Volksaufstand blutig niederschlagen lässt. Im Namen jenes Marxismus, dessen Namensgeber 1847 eine Erklärung unterstützt, in der es heisst: «Wir gehören nicht zu jenen Kommunisten, welche die persönliche Freiheit zerstören und die Welt in eine Kaserne oder ein gigantisches Armenhaus verwandeln wollen.»

Die kommunistische Welt: Eine Kaserne

Genau dies ist der Ostblock bis 1989: eine Kaserne und ein Armenhaus. Gerade angesichts dieser diktatorischen Zustände aber stellt sich die Frage, was die Marx’schen Gedanken heute noch wert sind, 200 Jahre nach seiner Geburt. Dass man die moderne Welt mit Marx entschieden besser versteht, das betont der Soziologe Patrick Ziltener. 1989 kommt er zum Studieren nach Westberlin und erlebt, wie im Osten der herrschende Marxismus zusammenbricht wie ein Kartenhaus – während er im Westen bei einer Reihe von Professoren lernt, Marx neu zu lesen.

Heute bietet Ziltener an der Universität Zürich Marx-Einführungen an. Marx, sagt er, «beschreibt auf absolut faszinierende Weise jenes Getriebensein des Kapitalismus, das wir auch heute wieder spüren. Er bewundert die Unternehmer und feiert im ‹Kommunistischen Manifest› auch die Globalisierung.» Oft empfindet Patrick Ziltener dies als «zu glorifizierend».

Zwischen Marx und Stalin liegen Welten

In seiner Vorlesung versucht Ziltener aufgrund der Quellen herauszufinden, wie Marx sich die Zukunft vorgestellt hat. «Ich finde keinen einzigen Beleg für das, was Lenin und Stalin in der Sowjetunion durchgesetzt haben.» Jene «Diktatur des Proletariats», die er für eine unerlässliche Übergangsform zu einer klassenlosen Gesellschaft hielt, sah er 1871 in der Pariser Commune verwirklicht, «die sehr viele demokratische Elemente erhielt». Marx habe sich denn auch immer für die sozialdemokratischen Massenparteien interessiert. Von einer Partei von Berufsrevolutionären habe er nie geträumt.

Zwar sieht er irgendwann das Privateigentum an sein Ende kommen. «Wie Marx sich das aber vorgestellt hat, wissen wir nicht genau», erklärt Ziltener. «Ich könnte mir gut vorstellen, dass darunter einiges ist, was wir heute an gemischtwirtschaftlichen Formen kennen.» Eines betont Patrick Ziltener: Glasklar formuliert habe Marx immer ein grosses Ziel: «Es ist die Entfaltung des Individuums und nicht das ameisenähnliche Arbeiten in einer Staatsdiktatur.»

Auf diesen Punkt kommt auch der Philosoph Dieter Thomä zu sprechen, der an der Universität St. Gallen lehrt. «Karl Marx hat einen hochaktuellen Freiheitsbegriff. Diese Freiheit kommt nicht vom Einzelnen her; Marx hat gesehen, dass es eben auch entsprechende Umstände braucht, damit Freiheit sich entfalten kann.» Mit anderen Worten: Er sieht Freiheit vom Sozialen her. Und er sei ein «Meister der Einmischung» gewesen. Heute, in einer Zeit der Entmischung, in der «jeder seinen eigenen kleinen Weinberg bestellt», sei das ein wichtiger Ansatz.

Was man nach Ansicht von Dieter Thomä von Marx lernen kann, das sei, diese «Dampfwalze der Modernisierung» genau zu analysieren. «Das ist der Bereich, in dem er ein Pionier war.» Allerdings einer, der seine blinden Flecken hatte. «Marx hat die Verführungskraft und Leistungskraft des Kapitalismus unterschätzt. Dieser Kapitalismus wird nicht zu seinem eigenen Totengräber.»

«Viel zu stark auf die Ökonomie vertraut»

Weil er aber genau damit gerechnet habe, habe Marx «viel zu stark auf die Ökonomie vertraut und sich viel zu wenig mit politischer Partizipation befasst», sagt Dieter Thomä. «Mit anderen Worten: Er lässt uns im Zusammendenken von Ökonomie und Politik im Stich.»

Es ist nicht der einzige Bereich, in dem der Marx’sche Totalitätsanspruch versagt, er aber trotzdem anregend bleibt. Das betonen zwei Historiker: Thomas Maissen, Direktor am Deutschen Historischen Institut in Paris, und Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an den Universitäten Basel und Zürich. «Marx hat den Einfluss wirtschaftlicher Kräfte auf die Geschichte ernst genommen, das ist sein bleibendes Verdienst und hat auch grosse Wirkung entfaltet», sagt Straumann. «Mit seinem Stufenmodell der weiteren Entwicklung aber ist er gescheitert.»

Sein Lebensmotto: «An allem ist zu zweifeln»

Ähnlich kritisch über Marx urteilt Thomas Maissen. «Seine Fragen bleiben aktuell, denn der Blick auf die Arbeitsbedingungen ist ein wichtiges Korrektiv für die Welt- und Geschichtsdeutung», sagt er. «Doch der Anspruch von Marx auf eine wissenschaftliche Geschichtsdeutung, die von der Vergangenheit in die Zukunft ausgreift, ist von der Wirklichkeit gründlich desavouiert worden. Jene, die sie umsetzen wollten, sind fast zwangsläufig zu Massenmördern geworden.»

So lehre Karl Marx vor allem eines: «Man sollte skeptisch sein gegenüber allen, die versprechen, dass sie die Probleme ein- für allemal lösen.» Der Mann, der in London Highgate liegt, wäre damit womöglich sogar einverstanden gewesen. «Marx war sich der Vorläufigkeit und Fehlbarkeit wissenschaftlicher Aussagen sehr bewusst», betont auch Michael Heinrich. Und erzählt, Marx habe in einem Fragebogen, den ihm seine Töchter präsentierten, als sein Lebensmotto ­angegeben: «De omnibus dubitandum» – an allem ist zu ­zweifeln.

«Sein grosses Ziel ist die Entfaltung des Individuums.» Patrick Ziltener Soziologe

«Sein grosses Ziel ist die Entfaltung des Individuums.» Patrick Ziltener Soziologe

«Marx hat die Verführungskraft des Kapitalismus unterschätzt.» Dieter Thomä, Philosoph

«Marx hat die Verführungskraft des Kapitalismus unterschätzt.» Dieter Thomä, Philosoph

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