JAKOBSWEG: Auf dem Pfad der Muschel

Im Mai geht die ganze Schweiz einen Tag lang auf Pilgerschaft. Robert Strässle ist Pilgerbegleiter aus Kriens. Auf der Via Jacobi unterwegs zu sein, ist für ihn weit mehr als eine religiös motivierte Aktivität.

Andreas Faessler
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Überall in Europa stösst man auf den Jakobsweg. Im Bild ein Muschelzeichen an einem Haus in Oberägeri. Es weist aus Einsiedeln kommenden Pilgern die Route.

Überall in Europa stösst man auf den Jakobsweg. Im Bild ein Muschelzeichen an einem Haus in Oberägeri. Es weist aus Einsiedeln kommenden Pilgern die Route.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Der Jakobsweg ist in Europa allgegenwärtig – entweder weisen Tafeln auf ihn hin oder Muscheln in unterschiedlicher Form. Wie ein gewaltiges Flusssystem vereinen sich unzählige Teilrouten des Jakobswegs nach und nach zu einem Hauptstrom, der in Santiago de Compostela mündet. Die galizische Stadt mit dem mutmasslichen Grab des Apostels Jakobus ist einer der wichtigsten Wallfahrtsorte des Christentums.

Eine der Hauptrouten des Jakobswegs, die Via Jacobi, führt quer durch die Schweiz, vom Bodensee über Einsiedeln und Freiburg nach Genf. Der Dachverband Jakobsweg Schweiz vertritt die Interessen von Schweizer Pilgervereinen und -gruppen. Am 20. Mai wird der Dachverband einen besonderen Pilgertag durchführen: Unter dem Motto «Jakobsweg – Weg der Wandlung» ruft er alle interessierten Menschen dazu auf, eine von insgesamt 46 Etappen des Schweizer Jakobsweg-Netzes zu erwandern. Jede einzelne Etappe wird von erfahrenen Pilgern oder Wanderleitern betreut.

Religiosität ist nicht zentraler Beweggrund

Zu diesen Pilgerbetreuern gehört auch der Krienser Robert Strässle. Er wird die Wandergruppe der knapp 18 Kilometer langen Etappe 31 von Kriens nach Werthenstein begleiten. Der 79-Jährige ist Pilger mit Leib und Seele. Dazu kam es einst eher unverhofft – der Grund war der Übertritt ins Rentenalter. «Von 130 Prozent Arbeitsauslastung unmittelbar auf null – das war schon ein grober Schnitt», erinnert sich Robert Strässle. Eine Beschäftigung sollte her, aber dass er Pilger werden würde, damit hätte er nach wie vor nicht gerechnet. Bis ihm es ein Freund vorschlug – das Ziel: natürlich Santiago. «Es gibt zwei Typen von Pilgerneulingen», weiss Strässle. «Der eine Typ versucht es genau einmal und dann nie wieder. Der andere Typ versucht es und bleibt ein Leben lang Pilger.» Einmal Pilger, immer Pilger also. So ein Typ ist auch der rüstige Luzerner Rentner, der nach seiner ersten Wanderung nach Santiago so richtig auf den Geschmack gekommen ist. Als praktizierender Katholik ist er zwar gläubig, «und Religiosität spielt für mich auch eine Rolle, wenn ich auf dem Jakobsweg unterwegs bin, aber sie ist nicht der zentrale Beweggrund», erklärt Strässle. Der ursprüngliche Pilgergedanke im Kontext mit Ablasshandel und ähnlichen Formen von Sündentilgung ist ihm fremd. Was Robert Strässle zum überzeugten, ambitionierten Pilger macht, ist einerseits der gemeinsame Gedanke, das gemeinsame Ziel, das ihn mit Zigtausenden anderen Menschen verbindet – das Gruppengefühl ist ihm wichtig. «Andererseits ist es der spirituelle Aspekt des Pilgerns.» Es gebe einem die Gelegenheit, in sich zu kehren, loszulassen, einfach mal zu schweigen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. «Pilgern ist Beten mit den Füssen», sagt Strässle. Auch kleine Rituale während des Wanderns könnten den Dialog mit sich selbst unterstützen, sei es beispielsweise, einen Stein aufzulesen, um ihn später an einem anderen Ort wieder abzulegen – und mit ihm auch alles, was einen mühselig und beladen macht.

Ferner ist ein gewisser Ehrgeiz nicht ohne Relevanz für Robert Strässles Leidenschaft für die Via Jacobi. Stichwort «Vollständigkeit»: Neben grossen Abschnitten jenseits der Grenze will Robert Strässle vor allem das Schweizer Jakobswegnetz möglichst ganz erwandert haben. Wenn mal eine Etappe nicht abgeschlossen werden kann aus irgendeinem Grund, so wird der Luzerner dahin zurückkehren und die Mission zu Ende führen.

Nicht nur für Gläubige

Mit Robert Strässle dürfen die Pilger, welche am 20. Mai die Etappe der Emme entlang auf den Spuren der Jakobsmuschel erwandern, einen kompetenten Begleiter an ihrer Seite wähnen. «Es freut mich sehr, dass der Dachverband zum ersten Mal so einen Pilgertag organisiert, um Menschen für die Via Jacobi zu gewinnen.» Pilgern als einst rein katholische Angelegenheit sei nämlich bei weitem nicht mehr nur etwas für Gläubige, weiss Strässle. Genauso viele Kirchenferne und gar Atheisten entdeckten den Reiz der spirituellen Wanderschaft für sich und könnten dem «Beten mit den Füssen» viel Erbauendes abgewinnen.

Hinweis

www.jakobsweg-dachverband.ch