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JAPAN: Fukushima blüht auf

Die «Glücksinsel» versucht, mit der Kirschblüte auch ihr Stigma zu überwinden.
Angela Köhler, Fukushima
Ein Muss für jeden Sakura-Liebhaber: Kirschblüte am Hanamiyama. (Bild: Angela Köhler (Fukushima, April 2018))

Ein Muss für jeden Sakura-Liebhaber: Kirschblüte am Hanamiyama. (Bild: Angela Köhler (Fukushima, April 2018))

Angela Köhler, Fukushima

Nach Fukushima zur Kirschblüte! Darauf muss man erst mal kommen. Von Tokio rast der Shinkansen mit fast 300 Stundenkilometern in Richtung Norden. Nach rund 90 Minuten verkündet ein Zugführer über den Bordfunk: «Wir machen jetzt einen kurzen Stopp in Fukushima.» Das sagt er jeden Tag, im Halbstundentakt.

Wer jedoch an dieser nordostjapanischen Station apokalyptische Atmosphäre, leere Bahnsteige und verängstigte Menschen mit Geigerzählern vermutet, liegt falsch. Es steigen überraschend viele Reisende aus, laufen vorbei an Blumenschalen und bunten Bannern mit «Willkommen in Fukushima» zum Ausgang. Dort begrüssen freiwillige Helfer in pinkfarbenen Blousons persönlich jeden Ankömmling, den sie für Touristen halten, verkaufen Tickets für den Shuttle-Bus Nummer 6 zur grossen Blumenschau am Hanamiyama, dem «Blütenbesichtigungsberg». Die Idee, einmal in Fukushima die Kirschblüte zu bewundern, haben ganz offensichtlich viele Japaner, erklärtermassen ohne Bedenken oder erkennbare Aufregung. Der volle Bus fährt durch eine intakte Grossstadt, wo die Einwohner ihrem normalen Leben nachgehen. Breite Strassen mit vollen Restaurants und Geschäften.

Top-Spot für Sakura in wilder Natur

Nach knapp 20 Minuten eröffnet sich eine traumhafte Blütenkulisse, hinter der die schneebedeckten Azuma-Berge aufragen. Erst jetzt werden die Passagiere im Bus lebendig, schiessen Fotos ohne Ende und seufzen entzückt: «Ist das nicht wunderbar!» Der Hanamiyama zählt landesweit zu den Top-Spots der Kirschblüten-Besichtigung. Ein Muss für jeden Sakura-Fan. Und für die Schulkinder der Region. Am Parkeingang versuchen Lehrerinnen, aufgeregte Kinder in eine Reihe zu bringen. Es sind die Viertklässler der Watari Junior High School, gesunde, kräftige und lustige Kinder, die stolz sind, hier zu Hause zu sein. «Unsere Schule ist gleich nebenan», sagt ein pausbäckiger Junge. «Wir haben es gut.» Auf die vorsichtige Frage, ob man hier guten Gewissens wohnen und Kinder grossziehen kann, sagt die Lehrerin erstaunt: «Natürlich sind die Kinder glücklich, bei uns ist die Welt in Ordnung.»

Läuft hier der falsche Film? Auf drei Kursen wandern Mütter mit kleinen Kindern, Männergruppen mit teuren Kameras und Pärchen, die vor jedem der gekennzeichneten «Foto-Tops» verliebt Selfies schiessen. Ein älteres Ehepaar aus der nahegelegenen Präfektur Yamagata schwärmt: «Wir kommen jedes Jahr hier- her – es ist der schönste Ort, Sakura in wilder Natur zu erleben.»

Sakura, die Kirschblüte in Japan, ist ein nationaler wie emotionaler Höhepunkt. Seit jeher symbolisieren die 40 Tage der von Süd nach Nord ziehenden rosa Pracht Schönheit und Perfektion, aber auch die Vergänglichkeit auf der Höhe des Ruhms und gleichzeitig einen Neubeginn. Besondere Sakura-Bewunderer reisen mit dem Blütenstrom. Und sehen keinen Grund, Fukushima dabei auszugrenzen.

Der Ruf einer ganzen Region ist ruiniert

Fukushima, übersetzt «Glücksinsel», steht vor allem in Europa für das Dreifachdesaster mit Megaerdbeben, Tsunami und Atomhavarie 2011. Lokalpolitiker Yuhei Sato spricht deshalb von einer Vierfachkatstrophe: Desaster Nummer vier sind die Rufschädigung und Stigmatisierung einer ganzen Region. Fukushima heisst nicht nur das AKW, sondern auch Japans flächenmässig drittgrösste Präfektur sowie deren Hauptstadt, in der knapp 300000 Einwohner leben. Die City liegt rund 60 Kilometer vom havarierten AKW entfernt und war nicht von radioaktiver Verstrahlung betroffen. Japans Re­gierung, die Weltgesundheitsorganisation WHO und auch Deutschlands Auswärtiges Amt bestätigen, dass ausserhalb der Sperrzone für Reisende keine Strahlengefahr bestehe.

Von der touristischen Normalität ist Fukushima bei allem Bemühen noch weit entfernt. Es gehe wieder aufwärts, hält sich das Fremdenverkehrsamt optimistisch bedeckt. Aber immerhin besuchen nicht nur Katastrophentouristen die Region, zunehmend würden auch die vielen Sehenswürdigkeiten wieder angesteuert.

Künstler aus ganz Japan sammeln Spenden für einen «Kirschblütenwall», der sich durch mehr als 200 zerstörte Schulen in der Unglücksregion ziehen wird. Zum Jahrestag im März werden regelmässig neue Bäume gepflanzt. Unternehmer Tadashi Shiga, dessen Firma das Projekt unterstützt, will mit der jährlichen Blütenpracht «Erinnerungen an den Terror und die Traurigkeit nach der Tragödie 2011» mildern. «Das Desaster hat sehr viel Schwermut und Trostlosigkeit hinterlassen, die wir beim Anblick der Schönheit gemeinsam überwinden können.»

Eine Schulklasse aus der Region besichtigt die Blütenpracht. (Bild: Angela Köhler (Fukushima, April 2018))

Eine Schulklasse aus der Region besichtigt die Blütenpracht. (Bild: Angela Köhler (Fukushima, April 2018))

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