JAPAN: Nudelsuppe gegen Führerschein

Aufgrund vieler schwerer Unfälle sollen Senioren freiwillig mit dem Autofahren aufhören. Im Gegenzug erhalten sie Sachleistungen.

Angela Köhler/Tokio
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Japanische Senioren, die ihren Führerschein freiwillig abgeben, erhalten Rabatt auf Nudelsuppe. (Bild: Koji Sasahara/AP (Tokio, 19. August 2014))

Japanische Senioren, die ihren Führerschein freiwillig abgeben, erhalten Rabatt auf Nudelsuppe. (Bild: Koji Sasahara/AP (Tokio, 19. August 2014))

Angela Köhler/Tokio

In Westtokio wollte eine 83-jährige Autofahrerin im Parkhaus ihr Ticket in die Maschine stecken. Statt auf die Bremse trat sie auf das Gaspedal, raste auf den ge­genüberliegenden Bürgersteig und tötete dabei zwei junge Menschen. Im Oktober vergangenen Jahres verlor ein 87-Jähriger die Kontrolle über seinen Wagen, prallte in eine Gruppe von Schul­kindern und tötete einen 6-jährigen Jungen. Kurz darauf fuhr ein 77 Jahre alter Mann in Tokio in das Fenster eines 24-Stunden-­Ladens und verletzte zwei Kunden lebensgefährlich.

Diese Ballung tragischer Unfälle löste eine landesweite Debatte zu einem brisanten Thema aus. Wie gehen wir mit den vielen älteren Autofahrern um? Im Land der rapide alternden Gesellschaft sind heute bereits 4,8 Millionen Fahrzeugführer älter als 75 Jahre. Im Vergleich zu 2005 bedeutet das eine Verdopplung. Während die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle in Japan generell zurückgeht, steigt die der Senioren an. Der Anteil der über 74-Jährigen stieg in der zurückliegenden Dekade von 7,4 auf 12,8 Prozent. Sie übersehen Verkehrsampeln, geraten beim Abbiegen auf Trottoirs und fahren bei Autobahneinfahrten in die Gegenrichtung.

Premierminister: «Dringende Angelegenheit»

Japans Premierminister Shinzo Abe setzte das Thema Ende vergangenen Jahres als «dringende Angelegenheit» auf seine poli­tische Agenda. Er fordert von den Kommunen «konkrete Aktionen», um diesen Trend zu stoppen. Die aber wollen die immer schneller wachsende Zahl der Alten nicht diskriminieren oder diese in ihrer Mobilität einschränken. Die starke Autolobby hat ebenfalls null Interesse, diese Kunden zu verlieren. Also überlegen Bürger und Behörden, wie sie betagte und gebrechliche Fahrzeugbesitzer zur freiwilligen Rückgabe ihres Führerscheins und zur Aufgabe des PW bewegen können.

Ausgerechnet in der Präfektur Aichi, dem Stammsitz von Toyota, kam die Polizei auf die Idee, Rabatte auf Restaurantbesuche zu geben, wenn ein Senior sich amtlich aus dem aktiven Strassenverkehr abmeldet. Wer einen offiziellen Bescheid in der Hand hat, zahlt weniger für die beliebten Ramen-Nudelsuppen. Die Bescheinigung gilt in 176 Lokalen der Kette Sugakiya, mit der die Polizei einen Deal geschlossen hat. Wer den Bescheid vorzeigt, bekommt ein Ramen-Gericht für 4.80 Franken, das ist rund 15 Prozent günstiger als auf der Menükarte ausgewiesen. Weitere Anreize, aus dem Auto auszusteigen, sind reduzierte Taxipreise, kostenlose Lieferungen aus Warenhäusern oder Supermärkten, Gutscheine für den Friseur oder das öffentliche Bad. In Tokio wird älteren Bürgern eine Urkunde ausgestellt, mit der sie günstiger Bus und Bahn fahren können.

Den Vorschlag, Ü-70-Piloten jeden Monat zu testen, wurde jedoch als unrealistisch verworfen. Immerhin müssen diese Alten ihren Führerschein alle drei statt wie in Japan üblich alle fünf Jahre erneuern. Dabei werden kogni­tive Funktionen überprüft und in einem Seminar auf die Probleme älterer Fahrer hingewiesen. Ab März dieses Jahres müssen sich Verkehrssünder, die über 74 Jahre alt sind, einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Aber nur bei ernsthaften Problemen oder Symptomen von Demenz soll der Führerschein entzogen werden.