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JAPAN: Schülerin muss Haare schwarz färben

An japanischen Schulen gilt weitläufig das Prinzip der Konformität. Eine heute 18-jährige Frau, die ihre braunen Haare ­schwarz färben musste, verklagt ihre ehemalige Schule nun auf Schadenersatz. Und bekommt grossen Zuspruch.
Angela Köhler, Tokio
Coiffeure und Coiffeusen sollen im US-Bundesstaat Illinois auf Anzeichen körperlicher Misshandlung bei ihren Kunden achten. (Symbolbild) (Bild: KEYSTONE/AP/Francisco Seco)

Coiffeure und Coiffeusen sollen im US-Bundesstaat Illinois auf Anzeichen körperlicher Misshandlung bei ihren Kunden achten. (Symbolbild) (Bild: KEYSTONE/AP/Francisco Seco)

Angela Köhler, Tokio

Ihre Haare waren dem Lehrkörper nicht schwarz genug, der brünette Ton nicht «korrekt» und schulkonform. Also wurde einer jungen Japanerin in Osaka befohlen, ihr Haar tiefschwarz zu färben. Die Mutter beteuerte immer wieder, dass die bräunliche Farbe natürlich und echt sei. Das Mädchen – der Name wird anonym gehalten – hatte schon 2015 beim Eintritt in die staatliche Kaifukan Highschool explizit auf die Haarfarbe ihrer Tochter hingewiesen und schriftlich gebeten, sie nicht zum Färben zu zwingen.

Die Direktion blieb stur und drohte, das Mädchen von der Schule zu verweisen. Braun verstosse gegen die Regeln. Man würde schliesslich auch keine blonden Haare dulden, argumentierten die Lehrer. Selbst ausländische Austauschschüler müssten sich fügen. Also schwärzte die heute 18-Jährige nach.

Fall hat in Japan ­­ Schlagzeilen gemacht

Aber auch damit hörten die Repressalien nicht auf. Mehrfach wurde sie getadelt und musste den Unterricht verlassen, weil das Braun zum Vorschein kam. Um nicht diskriminiert zu werden, färbte das Mädchen ihre langen Haare schliesslich alle vier Tage nach, obwohl sie die chemischen Substanzen nicht vertrug. Die Schülerin erlitt nicht nur Ausschläge auf der Kopfhaut und starke Haarbeschädigungen, sondern vor allem seelischen Stress, begann zu hyperventilieren und brach mehrfach zusammen.

Als sie sich weigerte, die schmerzhaften Prozeduren weiter zu ertragen, wurde sie vom Klassenausflug und vom Schulfest ausgeschlossen. Im September 2016 verliess sie die Schule. Jetzt verklagt die 18-Jährige die Präfektur Osaka auf umgerechnet 16 600 Euro Schadenersatz. Die Diskriminierung sei unerträglich gewesen, sie habe zu gesundheitlichen und psychischen Schäden geführt.

Der haarsträubende Fall hat in Japan Schlagzeilen gemacht und zu einer breiten Debatte über die Zustände an Bildungseinrichtungen geführt, denn das Prinzip der Uniformität gilt nach wie vor im ganzen Land. Vom Kindergarten bis zum Gymnasium ist die Kleidung strikt vorgeschrieben, bei den Mädchen meist bis zu den exakten Rocklängen. Die Haare jedoch sind eine besonders sensible Affäre: Gefärbte Haare gelten in Japan als gefährlich. Wer sie verändert, so die weitverbreitete Meinung, will anders sein, gegen den Strom schwimmen oder sogar rebellieren.

Die Kaifukan-Schule ging besonders krass vor. Aber in Osaka existiert offiziell ein System zur Registrierung «Andersfarbiger». Die Mädchen und Knaben mit helleren Tönen sollen nachweisen, dass die Farbe natürlich ist. Selbst im weltoffenen Tokio fordern 60 Prozent aller Schulen Kinder mit helleren Haaren auf, eine Bescheinigung zu erbringen, dass es sich um eine angeborene Farbe handelt.

Debatte über veraltete Ideen dringend notwendig

In den Medien, vor allem in den sozialen Netzwerken, wird diese Praxis scharf angegriffen. Die Registrierung der Haarfarbe sei ein Verstoss gegen die Menschenrechte und die Würde der Schüler, das Verbot «unjapanischer» Haarfarben eine Diskriminierung. Die junge Frau, die diese weitverbreitete Praxis öffentlich anprangert, erhält vor allem auf Twitter viel Zuspruch. Die englischsprachige Tageszeitung «Japan Times» veröffentlichte Erfahrungen von anderen Betroffenen, die unter den strengen schulischen Vorschriften gelitten haben. «Regeln sind wichtig», schreibt Sakaya Akimoto, ein Ex-Mitglied der populären Girls-Band AKB48, «aber es gibt viele Dinge, die wichtiger sind.» Als Kind von philippinisch-japanischen Eltern hat sie ebenfalls eine bräunliche Haarfarbe und musste regelmässig kolorieren. Obwohl es auch Reaktionen von Sympathisanten der Kaifukan- Schule gibt, überwiegt die Auffassung, dass eine Debatte über die veralteten Ideen der Konformität dringend notwendig ist.

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