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JUGENDJAHRE: Electroboy Florian Burkhardt: «Viele Familien sind verhärtet»

Florian Burkhardt, Ex-Model, Psychiatrie-Erfahrener sowie Dreh- und Angelpunkt des preisgekrönten Doku-Films «Electroboy», hat einen Roman geschrieben. Der tief in die Seele eines traurigen Heranwachsenden blicken lässt.
Susanne Holz
Tempi passati. Spielplatz im Wesemlin. Florian Burkhardt zurück am Ort der Kindheit. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 20. April 2017))

Tempi passati. Spielplatz im Wesemlin. Florian Burkhardt zurück am Ort der Kindheit. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 20. April 2017))

Interview: Susanne Holz

Florian Burkhardt, warum nach der Doku «Electroboy» von Marcel Gisler nun noch das Buch über Ihre Kindheit und Jugend? Anders gefragt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Doku und Buch?

Lassen Sie uns doch du zueinander sagen: Nachdem der Film ins Kino kam, kontaktierte mich der berühmte Berliner Literaturagent Matthias Landwehr. Er konnte mich überzeugen, dass meine Kindheit und Jugend einen literarischen Wert hat und exemplarisch für Grösseres steht. Mit dieser Überzeugung habe ich mich ans Schreiben des Buches gewagt.

Fühlst du dich erleichtert, das Buch geschrieben zu haben?

Ich habe das Buch für den Florian geschrieben, der ich damals war. Den jungen Florian, der nie eine Stimme hatte. Jetzt habe ich sie ihm gegeben. Das ganze Buch ist aus seiner Sicht geschrieben.

War es für dich Seelenhygiene, hast du dir eine Last vom Herzen geschrieben?

Mit dem Erfolg des Films «Electroboy» wurde meine Familie breit in der Presse thematisiert. Jeder schien eine Meinung über mich und meine Eltern zu haben. So wurde meine Kindheit und Jugend zu einem Thema von Allgemeininteresse. Es war schön, jetzt erzählen zu dürfen, wie ich das Ganze selbst erlebt habe. Gut tat auch die gewisse Nüchternheit, die nötig ist, um einen Roman zu schreiben. Und ich habe gemerkt, dass ich inzwischen eine gesunde Distanz entwickelt habe zu meiner persönlichen Geschichte.

Wie geht es dir damit, so ehrlich zu sein?

Ich finde es gut, ehrlich zu sein. Seit «Electroboy» erhalte ich immer wieder Mails von Menschen, die sich selbst in der Thematik erkennen. Viele Familien sind verhärtet. Aber der Schein wird gewahrt, auch wenn es allen schadet. Für meine Familie sind Film und Buch Chance und Schock. Ich sehe Freiheit in dieser Wahrheit. Ich darf sein, was ich bin. Ich bin schwul und habe eine Angststörung. Das zu sagen, gibt mir eine lange vermisste Freiheit.

Du möchtest mit dem Buch auch zeigen, was in Familien falsch laufen kann. Sind manche Kinder heute noch so unfrei, was denkst du?

Ich vermute, dass sehr viele Kinder auch heute Lebenssinn für die Eltern darstellen müssen. Vielleicht werden gerade heute Kinder vermehrt als Projekt wahrgenommen, was ich für sehr gefährlich halte, weil es zu einer starken Fremdbestimmung und zu Überbehütetheit führen kann. In meiner Geschichte steckt viel Generelles, das war mir Motivation.

Das Buch, unter dessen Titel «Roman» steht, liest sich wie eine Autobiografie. Warum es nicht als Autobiografie bezeichnen?

In einem Roman darf ich Sachen weglassen und Ereignisse verdichten, in einer Autobiografie eher nicht. Zudem wollte ich das Buch nicht als Erwachsener schreiben, sondern als das Kind und der Jugendliche, der ich damals war.

Wie konntest du dich an all diese Details erinnern, deine Gefühle, deine Gedanken, wie etwas aussah oder sich anfühlte?

Da ich damals wie in einem Gefängnis lebte, habe ich alles, was darin passierte, sehr intensiv erlebt. Als hätte ich mich von mir selbst entkoppeln müssen, habe ich alles wie in einem Film wahrgenommen. Diese Erinnerungen und Gedanken sind tief in mir gespeichert. Ich musste nichts erfinden. Lediglich verdichten. Ich habe manchmal die Geschichte verdichtet, um sie leichter lesbar zu machen, aber ohne an meiner Wahrheit zu rütteln, denn das wäre nicht im Sinne des kleinen Florians.

Wie sah das Leben des kleinen Florians aus?

Bis zur Gymnasialzeit lebte ich in einem Terrassenhaus in Horw, am Hang über der Bucht, neben einem Wald – eine Idylle. Als ich ins Gymnasium kam, zogen wir nach Luzern, ins Wesemlin-Quartier – um der Schule nahe zu sein. In ein Haus, gelegen zwischen Kloster und Altenheim. Kein Dreck, alles ruhig, die Hecken gestutzt. In meiner Freizeit durfte ich nur ins Museum oder in die Bibliothek. Oder auf den Spielplatz vor dem Haus, wo meine Mutter mich sehen konnte.

Keine Jugend, wie man sie sich vorstellt.

Es war eine wenig kommunikative Welt. Dazu passten die Goldfische in unserer Wohnung. Kam ich etwas zu spät nach Hause, wurde ich ausgesperrt oder mit Schweigen bestraft – Liebesentzug.

Der Kontrollwahn deiner Mutter gründete auf dem Verlust deines grossen Bruders – was ja auch der Dokumentarfilm beleuchtet hat.

Der zweite Sohn meiner Eltern kam mit sechs Jahren bei einem Autounfall tragisch ums Leben. Um das Loch zu füllen, wurde ich gezeugt und – einmal auf der Welt – wie ein Augapfel behütet von meiner Mutter. Als ich in die Pubertät kam und eigene Vorstellungen von meinem Leben entwickelte, begann die permanente Kontrolle.

Wie gehst du damit um, Dinge über deine Eltern zu verraten, die diese vielleicht nicht in der Öffentlichkeit sehen wollen? Ordnest du das dem Ziel unter, Tabus zu brechen, gesellschaftliche Defizite aufzuzeigen, für eine bessere Welt zu schreiben?

Meine Eltern haben durch die freiwillige Teilnahme am Dokumentarfilm selbst den Startschuss gegeben, thematisiert werden zu dürfen. Ohne diesen Film hätte ich wohl nie das Buch geschrieben. Ich lasse den kleinen Florian seine Geschichte erzählen. Keine Abrechnung, sondern ein Ende des Schweigens, das ihn belastet hat. Wenn ich damit Menschen helfen kann, Motivation zu finden, selbst über gewissen Sachen den Vorhang zu lüften, dann wäre das wunderbar, denn ich finde es sehr ungesund, dass wir dazu neigen, im Sinne einer vermeintlichen Harmonie über alles zu schweigen, was uns belastet.

Wie äussert sich deine Familie zum Buch?

Im Gegensatz zum Dokumentarfilm löst das Buch sehr viel aus in der Familie, noch bevor es gelesen wurde. Mein Bruder scheint bereit, mich zu unterstützen. Mein Vater hat Angst, blossgestellt zu werden. Meine Mutter meint, sich an nichts erinnern zu können, es sei zu lange her. Aber beide sind bereit, sich meinen Fragen in kleinen Schrittchen zu stellen. Es ist für meine Eltern eine Möglichkeit, mich zu verstehen. Sie sind jetzt 83, ich liebe sie und mache ihnen keine Vorwürfe mehr.

Sieht man deine Mutter in der Doku, scheint sie eine weiche Person zu sein – und gar nicht so konservativ.

Sie hat sich verändert im Alter. Ausserdem finden sich in meiner Mutter verschiedene Seiten. Die eine ist unglaublich religiös, die andere mag den Katholizismus nicht wirklich. Im Buch kann ich das alles nicht berücksichtigen, denn das sehe ich erst als Erwachsener und nicht als der Florian, der die Geschichte erzählt.

Wie war die Zeit in Deutschland, wo du von der IV-Rente gelebt hast?

Ich bin wegen meiner kleinen Rente nach Deutschland gezogen, da dort das Leben günstiger ist. Es waren sehr schöne zwölf Jahre. Es war auch schön, die Veränderungen in Berlin mitzuerleben. Der Abstecher nach Bochum, wo ich drei Jahre gewohnt habe, war ebenso wertvoll. Bochum ist Ruhrpott, das Gegenteil von oberflächlich. Die Menschen dort interessiert nicht, wie viel Geld du verdienst. Es ist staubig, dreckig, ehrlich. So wie es die Schweiz nicht ist. Berlin wiederum ist ein Schmelztiegel. Da kommt alles zusammen, was eine extreme Reizüberflutung mit sich bringt. Es hat da auch viele studierte Eltern, die schon ihre Kinder ins Yoga schicken – das hat mich wieder an meine Kindheit erinnert.

Neu wohnst du in Bern – Sehnsucht gehabt nach der Heimat?

Ich würde sagen, die Flucht hat ein Ende. Bern ist ruhig, schön, gemütlich, die Menschen sind offen. Es ist günstiger als Zürich. Und nach Luzern wollte ich nicht, da wären mir die Eltern noch zu nahe. Die Schweiz ist meine Heimat, die mich geprägt hat. Was mir früher eng vorkam, ist mir heute ein sicheres Nest.

Bei Tele Züri hast du von einem zweiten Buch gesprochen. Strebst du eine Karriere als Autor an?

Das zweite Buch ist schon fertig. Es ist eine Fortsetzung des ersten, steht aber eigenständig da, das heisst, man muss das erste nicht gelesen haben. Das zweite ist ein Roadmovie um die ganze Welt, von Hollywood bis ins Irrenhaus. Es geht um die Suche nach der Freiheit, die ich im ersten Buch so vermisse. Ob aus dem Schreiben dieser zwei Bücher eine Karriere als Autor entspringt, kann ich nicht einschätzen. Das kommt auch darauf an, ob die Bücher erfolgreich sind oder nicht.

Hoffst du auf ein Leben ohne Medikamente?

Meine Medikamente haben viele Vor- und wenig Nachteile, sodass mich deren Einnahme kaum belastet. Lediglich der Fakt, dass sie meine Gefühle dämpfen, macht mir hin und wieder zu schaffen. Sie führen auch dazu, weniger konzentriert und präsent zu sein, was gerade im Austausch mit Menschen und in meiner Partnerschaft nicht besonders förderlich ist. Manchmal fühle ich mich wie in einer Wolke. Zusammen mit Ärzten bin ich aber kontinuierlich dabei, die Wahl der Medikamente und die Dosis der momentanen Situation anzupassen.

Wie kam es zu deiner Angststörung?

Es ist das Kuriose an meiner Geschichte: Der mutige Florian, der die Welt erobert, hat plötzlich grosse Angst. Die Angst kam sehr abrupt, als ich 26 und Konzepter in einer Internetagentur war. Ich ging vier Monate nicht mehr aus dem Haus, dann wies ich mich selbst in die Psychiatrie ein. Diagnostiziert wurde eine generalisierte Angststörung – die höchstwahrscheinlich aus meiner Kindheit und Jugend resultiert.

Zu Beginn war ausserdem die Rede von einer narzisstischen Störung?

Heute gehen die Ärzte nicht mehr davon aus. Es gibt immer wieder Missverständnisse. In Bochum schrieb mir ein Arzt mal «Schizophrenie» in die Akte, weil er dachte, «dass der Patient sich einbildet, in einem Film mitzuspielen». Das war, als «Electroboy» gedreht wurde. So kommt es über die Jahre zu vielen Labels, die man augenzwinkernd abtun kann.

Im Rückblick: Welche Arbeit hat dir am meisten Spass gemacht? Modeln, Schreiben fürs Skateboard-Magazin, Partys organisieren, Webdesign?

Jede. Denn ich habe stets nur das gemacht, was mich gerade total fasziniert hat.

Hast du je bereut, kein Schauspieler geworden zu sein – obwohl du doch so nahe dran warst?

Ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht nach Hollywood ausgewandert bin, um als Schauspieler zu arbeiten, sondern um möglichst weit weg von der Herkunft zu sein. In Amerika sah ich in den Neunzigerjahren auch den besten Weg in die Freiheit. Ich war auf der Suche nach meiner eigenen Rolle, hatte ich doch so lange welche für andere spielen müssen.

Hast du je bereut, mit dem Modeln aufgehört zu haben?

Nein, das Modeln war nichts, was mich noch länger hätte befriedigen können. Es war ein wunderbarer Weg, die Welt zu bereisen und kreative Menschen kennen zu lernen. Ich war aber immer unterwegs, und das bot keine Möglichkeit, anzukommen.

Zurück in der Schweiz, was sind nun die Prioritäten in deinem Leben?

Meine Konzentration liegt bei meiner Familie und dem Umfeld, das sind Freunde, der Hund, vor allem die Partnerschaft mit meinem Freund. Er ist Vertrauensperson und steht mir auch jetzt zur Seite, da es so viel aufzuarbeiten gilt.

Was ist für dich Glück?

Für mich ist das A und O eines glücklichen Lebens Integrität. Ich will mich nicht mehr zu Elementarem gezwungen fühlen, sondern so leben, wie es meiner Person entspricht. Dazu gehört, dass ich meine Bedürfnisse klar formuliere – auch wenn es dazu Mut braucht.

Wie weiter mit Eltern und Bruder?

Meine Eltern sind 83 Jahre alt, und ich möchte die Konfrontation, die sich jetzt durch das Buch ergeben hat, weiterführen, aber in einem Masse, das gesund ist und niemanden überfordert. Ich verstehe meine Eltern inzwischen – ihre Erziehung war keine Böswilligkeit. Als der Florian, der jetzt nicht mehr alles in sich hineinfrisst, will ich Frieden finden.

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