KABARETT: Ruck, zuck, zack, zack,daister

Jürg Randegger vom legendären Cabaret Rotstift steht wieder auf der Bühne, auch in der Zentralschweiz. In alter Frische, aber ohne dabei einfach nur alte Nummern aufzuwärmen.

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Jürg Randegger während des Interviews. (Bild Manuela Jans)

Jürg Randegger während des Interviews. (Bild Manuela Jans)

Interview Hans Graber

Jürg Randegger, Sie werden morgen 81. Wie wird gefeiert?

Jürg Randegger: Nicht gross, sicher nicht so wie beim «Runden» letztes Jahr. Da meine Frau am 5. April Geburtstag hat, machen wir oft gemeinsam etwas, in der Regel gehen wir en famille, das heisst mit unseren natürlich längst erwachsenen Kindern irgendwo schön essen.

Sohn und Tochter wohnen im selben Stadtzürcher Haus wie Sie. Sehen Sie die nicht schon genug?

Randegger: Familiärer Zusammenhalt ist etwas vom Schönsten, was man haben kann. Alles friedlich, alles ruhig – keine Selbstverständlichkeit. Wir haben es auch oft lustig miteinander, und da feiert man gerne auch den Geburtstag zusammen. Dass die Kinder im selben Haus wohnen, hat sich über die Jahre ergeben und war nicht so eingeplant. Zunächst sind beide ausgeflogen, als sie wieder solo waren, wurde zufällig die Wohnung gleich neben der unseren frei. Dort sind sie zunächst beide eingezogen, der Sohn ist zwischenzeitlich wieder gegangen – bis die Wohnung gleich unter uns frei wurde.

Sind Enkel da?

Randegger: Nein, es leben wohl beide in einer Beziehung, aber kinderlos. Ich habe immer gesagt, dass wir die Enkel wahrscheinlich selber machen müssen, aber dafür ist es nun wohl auch etwas zu spät ...

Ihr Geburtstag ist häufig gleichbedeutend mit dem Frühlingsbeginn. Spüren Sie ihn jeweils, den Frühling?

Randegger: Inwiefern? (lacht)

Was Sie mit Frühling verbinden.

Randegger: Zunächst: Ich mag alle Jahreszeiten. Als Bub war für mich Frühling, wenn ich den Rasen gerochen habe, als wir wieder «tschutten» gehen durften. Diesen Rasengeschmack verbinde ich bis heute mit Frühling. Insofern spüre ich den Frühling tatsächlich, wenn er kommt.

Einen weiteren Frühling spüren Sie im übertragenen Sinn: Sie stehen seit letztem Jahr wieder auf der Bühne. Offenbar mussten Sie aber für «Rotstift Reloaded» kräftig überredet werden. Weshalb hatten Sie Bedenken?

Randegger: Ich habe tatsächlich lange gezögert. Christian Jott Jenny, der die Idee zum Stück hatte, hat lange an mir herumgepickelt. Am Anfang habe ich entschieden Nein gesagt, bis Christian dann mal etwas Konkretes gebracht hat, eine Art Drehbuch. Mir hat es gefallen, weil es etwas Neues, Eigenes ist, nicht einfach ein Aufwärmen alter Rotstift-Nummern. So was hätte ich nie gewollt, das hätte auch nicht funktioniert. Aber mit der Idee dieses Stücks konnte ich mich anfreunden. Meine Frau war auch angetan davon, und meine Kinder haben mich dann praktisch dazu gedrängt, das zu machen.

Von der letzten Rotstift-Besetzung ist Werner von Aesch leider gestorben. Weshalb macht der Dritte im Bunde, Heinz Lüthi, nicht mit?

Randegger: Wir haben ihn selbstverständlich gefragt, aber er ist heute vornehmlich schriftstellerisch tätig, zudem sagte er etwas ganz Wesentliches: Wenn er auch noch mitmachen würde, sähe das Ganze wie ein Rotstift-Revival aus, wir hätten mindestens ein paar alte Rotstift-Sketches spielen müssen, und genau das galt es eben zu vermeiden.

Sagen Sie doch unseren ganz jungen Lesern, was das Cabaret Rotstift war.

Randegger: Ich fürchte, die kommen trotzdem nicht zu «Rotstift Reloaded». (lacht) Aber gut: Entstanden ist das Cabaret Rotstift 1954 in Schlieren. Ein paar Lehrer taten sich zusammen, um mit einem Kabarettprogramm Geld fürs Skilager zu sammeln, denn einige Schüler bzw. deren Eltern konnten sich das damals nicht leisten. Das nur im Schulhaus gespielte Programm fand grossen Anklang, und so zog das zunehmend Kreise. Wir Rotstifte machten kein politisches Kabarett, wir wollten einfach unterhalten. Vom Stil her am ehesten verwandt ist heute das Duo Divertimento, wobei solche Vergleiche schwierig sind.

Ihr wohl berühmtester Rotstift-Spruch war das wiederholte «Ruck, zuck, zack, zack» in der Nummer mit dem Warten auf den Skilift (Anmerkung: der Sketch ist zu sehen unter www.rotstift-reloaded.ch). Sie spielen darin einen sehr deutschen Deutschen, der von einem Schweizer («Jimmy Muff» alias Werner von Aesch) ziemlich fertiggemacht wird. Heute wäre so was aufgrund fehlender Polictial Correctness wohl kaum mehr möglich.

Randegger: Es gab schon damals entrüstete Reaktionen, man warf uns Fremdenfeindlichkeit vor, wir würden die Deutschen beleidigen und solche Sachen. Dabei lag das niemals in unserer Absicht, wobei die Figur des zackigen Deutschen natürlich schon nicht zufällig ausgewählt worden war. Als Schweizer fühlte man sich den Deutschen und ihrem Mundwerk öfter mal unterlegen. Wir drehten den Spiess dann halt mal ein wenig um.

Gab es Reaktionen von Deutschen?

Randegger: Wir haben mal auf einer USA-Tournee bei einem Schweizer Club in Philadelphia gespielt. Der hatte kein eigenes Lokal, aber Gastrecht beim dortigen Cannstatter Volksfestverein, also Stuttgarter, Schwaben. Dessen Mitglieder wollten auch zuschauen. Wir haben uns noch überlegt, ob das gut geht, wenn ich da den «Ruck, zuck, zack, zack» mache. Aber es war eine Begeisterung, und die Deutschen klopften mir auf die Schulter: «Diesen Preussen hast du es aber so richtig gegeben …»

Ist man heute empfindlicher?

Randegger: Das mit dieser Political Correctness und auch der sexuellen Belästigung wird schon etwas überstrapaziert. Gewisse Leute machen sich fast einen Sport daraus, entsprechende «Sündenfälle» zu finden. Sie werfen sich damit gerne in Positur, was für Medien ein gefundenes Fressen ist, und so wird das Ganze aufgebauscht. Ob die Leute ganz allgemein empfindlicher sind, ist schwer zu sagen. Ich glaube eher nicht. Man traut sich nur weniger, öffentlich über gewisse Dinge Witze zu machen.

Schauen Sie sich die alten Rotstift-Sketches hin und wieder an?

Randegger: Ganz selten, nur wenn ich etwas ganz Bestimmtes suche.

Das Cabaret Rotstift stand in der Gunst des breiten Publikums, wurde aber von der Kulturkritik meist verschmäht bis negiert. Schmerzte das?

Randegger: Nein, nicht gross, unser Anspruch war ja auch nie, kritisches, politisches Kabarett zu machen, wir wollten niemanden von der Bühne aus belehren. Wir waren Lehrer und nahmen in der Schule unsere sozialen Aufgaben wahr. Zudem waren wir nie Kabarett-Profis, wir konnten nicht tagelang zusammensitzen und unser Programm laufend aktualisieren. Unser Rhythmus war so, dass wir im Frühling ein paar Nummern beisammenhatten, und irgendwann im Herbst war Premiere. Deshalb mussten die Nummern zeitlos sein und konnten sich nicht auf reale Ereignisse und Personen beziehen, sonst wären wir hinterhergekommen wie die alte Fasnacht. Wir wollten auf gute und saubere Art unterhalten – und vielleicht so ganz nebenbei die Leute auch ein wenig zum Nachdenken anregen.

Welche aktuellen Kabarettisten schätzen Sie?

Randegger: Heute sagt man Comedians! Das bereits erwähnte Duo Divertimento, dann den feinen Wortwitz von Ursus und Nadeschkin, den Luzerner Veri oder das Tempo von Marco Rima. Ich mag nicht, wenn es unter die Gürtellinie geht. Gut, Rima hat schon entsprechende «Taucher» drin, ich habe ihm das auch schon gesagt, aber er will das anscheinend einfach so.

Wollten Sie nie ganz auf Kabarett und Fernsehen setzen?

Randegger: Nein. Als ich in den 60ern mal mit Grössen wir Ruedi Walter und Co. mitspielen durfte, stand ich danach tatsächlich vor dieser Wahl, aber ich bin lieber Lehrer geblieben.

Waren Sie ein strenger Lehrer?

Randegger: Streng, aber gerecht ... (lacht).

Ein alter Spruch, aber waren Sie wirklich gerecht? Kommt Ihnen kein Schüler in den Sinn, bei dem Sie das rückblickend anders sehen?

Randegger: (überlegt) Es kommt mir auf Anhieb wirklich keiner in den Sinn, was aber nicht bedeutet, dass ich wirklich immer gerecht war. Das würde ich nicht behaupten.

Zu Ihrer Zeit als Lehrer wurde Schülern ab und an auch mal eine Ohrfeige verpasst. Auch von Ihnen?

Randegger: In meinen weit über 30 Jahren als Lehrer ist mir die Hand vielleicht ein halbes Dutzend Mal ausgerutscht. Im wahrsten Sinne. Ich habe das nie vorsätzlich gemacht, sondern es hat sich aus einer Situation heraus so ergeben. Netterweise hat mir das auch nie einer der betroffenen Schüler nachgetragen. Einer hat mir viel später bei einer Begegnung auf der Strasse gesagt, er habe mich damals richtig dazu herausgefordert, er habe es gesucht und auch verdient. Bei Klassenzusammenkünften in meinem Beisein haben sich die bereits 40- oder 50-Jährigen auch schon damit gebrüstet, von mir eine gekriegt zu haben, obwohl das sicher nicht stimmte. Ich weiss bis heute, wen es getroffen hat …

Möchten Sie wieder Lehrer sein?

Randegger: Nein, nein! Auf keinen Fall. Die Schule ist völlig anders geworden. Sie ist nicht mehr das, was mir einst Grund war, Lehrer zu werden. Nur ein Beispiel: Wenn es heisst, die Schule solle nicht primär Wissen vermitteln, sondern Kompetenzen, und zwar vermutlich um die 2000, finde ich das völlig absurd. Man darf einem Schüler heute ja nicht mehr den Eindruck vermitteln, man wisse als Lehrer mehr als er. Dadurch könnte man ihn bereits verletzen, und er müsse, wenn überhaupt, da selber drauf kommen. Wenn ich heutige Lehrpläne lese, verstehe ich nicht mal mehr, was genau gemeint ist. Und junge Lehrer klagen mir, der Aufwand für Vorbesprechungen und Nachbearbeitungen sei mittlerweile grösser als für das eigentliche Unterrichten. Dieses Phänomen betrifft aber nicht nur die Schule. Es wird alles hinterfragt und nochmals hinterfragt.

Woran liegt es?

Randegger: Die Welt verändert sich nun mal. Auch die Schule. Angefangen hat wohl alles mit dem antiautoritären Unterricht in den späten 60ern. Der wird heute zwar nicht mehr gefordert, aber der Ursprung ist in diesem Angriff auf alle Autoritäten zu sehen, zu denen die Eltern und die Lehrer gehörten.

Dass alte Autoritätsmuster aufgebrochen wurden, war aber auch nötig und hatte sehr wohl auch sein Gutes.

Randegger: Absolut einverstanden, schade ist nur, dass immer alles extrem wird. Das Pendel ist immer ganz auf der einen oder ganz auf der anderen Seite, nie in der Mitte, dort, wo es vernünftig wäre. Immerhin merkt man jeweils mit der Zeit gewisse Fehlentwicklungen. Heute setzt sich ja wieder die Einsicht durch, dass Kinder Autoritäten und Grenzen brauchen. Wenn sie die im Elternhaus oder in der Schule nicht finden, suchen sie diese halt woanders.

Sie sind morgen 81. Machen sich Beschwerden des Alters bemerkbar?

Randegger: Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich mich zusammen mit meiner Frau noch selber versorgen und mich auch bewegen kann, ohne dass mir am Morgen etwas wehtut. Diese Urangst vor dem Schliessen des Lebenskreises sitzt schon auch in mir drin, im Alter wehrlos und hilflos zu werden, wie man es einst als Kleinkind war.

Sie scheinen allgemein sehr fit. Immer seriös gelebt? Keine Laster?

Randegger: Doch, doch, ich habe geraucht und auch gerne eins getrunken, aber immer mit Mass. Den Rotwein schätze ich nach wir vor, auch mal einen Whisky und eine Zigarre, das sind schöne Genüsse für mich. Aber eben: Genuss.

Sport?

Randegger: Ich habe früher Fussball – beim FC Red Star und dem FC Rotstift – sowie Tennis gespielt und bis zur Pensionierung als Lehrer Turnen erteilt, seither absolviere ich mehr oder weniger täglich am Morgen ein halbstündiges Fitnessprogramm, ohne Hilfsmittel wie Hometrainer und dergleichen. Einfach so Übungen, damit der Bewegungsapparat nicht ganz aus dem Leim geht. Zudem gehe ich viel mit meiner Frau spazieren. Und wir wohnen im vierten Stock, ohne Lift, 80 Treppenstufen. Das hält fit.

Bedrückt Sie die Vergänglichkeit?

Randegger: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das beschäftige mich nicht, aber mich sorgt mehr, dass meiner Frau oder meinen Kindern etwas zustossen könnte, verbunden schon auch mit der Vorstellung meines Alleinseins. Aber man darf nicht nur sehen und darüber klagen, dass die Zeit, die noch kommt, sicher einiges kürzer ist, als die Zeit, die vorbei ist. Ich sehe auch, dass das vergangene Stück wirklich schön war, und ich blicke deshalb auch gerne zurück.

Gibt es etwas, das Sie noch unbedingt machen möchten?

Randegger: Nein, das hatte ich nie, ich war zum Beispiel auch nie von grossem Fernweh befallen und musste nicht die ganze Welt sehen. Aber auch wenn ich wunschlos und glücklich bin: Wenn irgendetwas kommt, das mir gefallen könnte, dann sage ich sicher nicht Nein.