KANADA: Der Drahtseilakt des Cirque du Soleil

Der weltbekannte Quebecer Zirkus Cirque du Soleil hat Geldprobleme. Nun soll er offenbar in die USA und nach China verkauft werden trotz ausverkaufter Shows.

Drucken
Teilen
Der Seiltanz-Akrobat Li Wei in luftiger Höhe während der Cirque-du-Soleil-Show Ovo 2009 in Montreal. (Bild: AP/Paul Chiasson)

Der Seiltanz-Akrobat Li Wei in luftiger Höhe während der Cirque-du-Soleil-Show Ovo 2009 in Montreal. (Bild: AP/Paul Chiasson)

Jörg Michel, Edmonton

Guy Laliberté galt als ein Mann mit einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte. Vor 31 Jahren gründete der Strassenkünstler aus Kanada den Cirque du Soleil, einen Zirkus der anderen Art. Statt auf ein klassisches Zirkusprogramm setzte Laliberté auf eine Mischung aus Artistik, Varieté und Performance mit farbenprächtigen Kostümen, harmonischer Musik und innovativer Beleuchtung.

Shows auch in der Schweiz

Das Konzept wurde schnell zum Exportschlager. Der Cirque du Soleil gilt heute als das bekannteste und grösste Zirkusensemble der Welt und als das kulturelle Aushängeschild Kanadas schlechthin. Die Welttourneen des Ensembles sind legendär, umjubelt und oft ausverkauft. Millionen Menschen haben die Shows besucht, und mehr als 1300 Artisten aus 50 Ländern arbeiten mittlerweile für den Zirkus. In der Schweiz machte der Zirkus immer wieder Halt in Basel, Zürich, Genf und Bern. Zu Beginn ging der Cirque in den 1990er-Jahren eine Kooperation mit dem Circus Knie ein. Dadurch ergab sich eine Tournee durch 60 Städte des Landes.

Doch nun steht Laliberté offenbar vor einem tiefen Fall. Gemäss kanadischen Zeitungsberichten muss der Gründer sein Schmuckstück jetzt wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten verkaufen. Der Grossteil des Unternehmens soll danach an den US-Risikokapitalfonds TPG Capital und den chinesischen Investmentfonds Fosun Capital gehen, ein kleinerer Teil an einen Pensionsfonds aus Quebec, berichtete «The Globe and Mail». Wie es hiess, soll der Abschluss morgen bekannt gegeben werden, eine offizielle Bestätigung dafür gab es nicht. Der Wert des Unternehmens, das weltweit rund 4000 Mitarbeiter beschäftigt, wird auf rund 1,9 Milliarden Schweizer Franken geschätzt.

Krise begann bereits 2012

Auf den ersten Blick mag der Verkauf überraschen, denn tatsächlich waren der Zirkus und seine Artisten viele Jahre auf dem Höhenflug. Bis vor wenigen Jahren erwirtschaftete Laliberté fast jedes Jahr einen satten Gewinn. Der Zirkus hatte acht feste Shows in Las Vegas, die für die Hälfte der Einnahmen sorgten, und die Ticketverkäufe liefen meist prächtig. Doch 2012 begann der Drahtseilakt. Trotz über 14 Millionen verkaufter Tickets und über 750 Millionen Euro Umsatz purzelten in jenem Jahr die Gewinne. Finanzielle Schwierigkeiten machten dem Zirkus vor allem seine aufwendigen Touren durch Europa und Asien, Wechselkursschwankungen und die Weltwirtschaftskrise. 2012 konnte der Zirkus erstmals keinen Gewinn mehr machen und musste rund 1000 Stellen streichen. Von dieser Krise hat er sich bis heute nicht erholt.

Schwankender Wechselkurs

Dabei hat sich offenbar als fahrlässig erwiesen, dass sich der weltweit operierende Zirkus nicht ausreichend gegen Wechselkursschwankungen abgesichert hatte. Der lange Zeit sehr starke kanadische Dollar drückte die Gewinne, da viele Mitarbeiter in US-Dollar und Euro bezahlt werden. Erst seit kurzem hat die kanadische Währung im Zuge des Ölpreisverfalls an Wert verloren doch für Laliberté kam das offenbar zu spät.

Gleichzeitig hat der Zirkus laut Experten lange zu wenig auf seine Kosten geachtet. So sollen die Ausgaben für viele Shows explodiert sein. Mehrere Aufführungen in den USA mussten mangels Erfolg aufgegeben werden. Das Geld für neue Produktionen wurde immer knapper. Laliberté war in Kanada berüchtigt für seine laxe Ausgabenpraxis. Auch privat leistete er sich kostspielige Hobbys. Er galt als leidenschaftlicher Spieler und spendete viel an Wohltätigkeitsorganisationen. Höhepunkt der Verschwendung war 2009 sein Flug zur Raumstation ISS. Anlässlich seines 50. Geburtstages verbrachte der Künstler dort zehn Tage was ihn über 20 Millionen Euro gekostet haben soll.

Nun ist der Überflieger unsanft auf dem Boden gelandet. Die Finanzspritze aus den USA und China soll seinen weltbekannten Zirkus vor dem endgültigen Absturz bewahren. Die neuen Investoren gelten als erfahren im Unterhaltungsgeschäft: TPG aus Texas ist an mehreren Casinos in Las Vegas beteiligt und an Hotelketten wie Swisshotel. Die Chinesen halten Anteile an dem Tourismuskonzern Club Med.

Hauptsitz soll in Kanada bleiben

In Kanada hat der mögliche Verkauf ein grosses Echo ausgelöst. Dass ihr kulturelles Vorzeigeunternehmen ausgerechnet in die USA verkauft werden soll, stösst vielen Franko-Kanadiern bitter auf. Nach Mahnungen aus der Quebecer Politik haben die Investoren nun zugestimmt, den Hauptsitz und die Verwaltung des Zirkus weiter in Montreal zu behalten. Wenigstens dieser Teil der Erfolgsstory bleibt also erhalten.