KATHMANDU: Ein Sherpa schreibt Geschichte

Ein Bergführer in Nepal steht vor einem neuen Weltrekord: Kami Rita Sherpa (48) bereitet sich auf seine 22. Besteigung des Mount Everest vor. Und er hat noch weitere Pläne.

Daniel Kestenholz, Bangkok
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Kami Rita Sherpa vor der Tempelanlage Boudha. (Bild: Narendra Shrestha/EPA (Kathmandu, 28. März 2018))

Kami Rita Sherpa vor der Tempelanlage Boudha. (Bild: Narendra Shrestha/EPA (Kathmandu, 28. März 2018))

Daniel Kestenholz, Bangkok

Für viele ist es ein Lebenstraum, für dessen Erfüllung sie teures Geld zahlen und ihr Leben riskieren. Für Kami Rita Sherpa ist es der Hausberg, den er im Mai zum 22. Mal besteigen will. So oft stand noch kein Mensch auf dem Dach der Welt. Grosse Emotionen empfinde er dabei keine. Den Mount Everest im Dienst von zahlenden Kunden zu besteigen, die auf erfahrene Hilfe angewiesen sind, sei sein Job. «Egal wie oft ich klettere, ich bin weder sehr glücklich, aufgeregt noch sehr traurig», sagte Kami Rita Sherpa Ende März in Kathmandu zu Journalisten.

Nächsten Monat, während des alljährlichen Wetterfensters für Everest-Besteigungen mit milderen Temperaturen und weniger Wind, plant der nepalesische Sherpa den höchsten Gipfel der Welt zum 22. Mal zu erreichen. Dass die 8848 Meter über Meer zu erreichen dereinst einen Weltrekord bedeuten, habe er nie geplant. Er begann zu klettern, weil er Arbeit brauchte. «Mein Leben ist ganz normal», sagt der Sherpa.

65 Jahre sind seit der Erstbesteigung vergangen

Als der heute 48-Jährige 1994 zum ersten Mal auf dem Everest stand, war er einer von erst 49 Bergsteigern, die den Gipfel erreichten. Seit der Erstbesteigung 1953 sind es mittlerweile 4000 Menschen, die den Everest bezwangen. Mehr als 290 kamen beim Versuch ums Leben.

Am Sonntag ist der Sherpa von Kathmandu in Richtung ­Everest-Basislager aufgebrochen, von wo er voraussichtlich in zwei Wochen mit einer Gruppe von 29 Bergsteigern aus aller Welt den vollen Aufstieg beginnen wird. Die Gipfelstürmer haben fast zwei Monate auf dem Berg zu verbringen, um sich erst an die raue Höhenlage zu gewöhnen, bevor sie den Mount Everest Ende Mai zu erklimmen versuchen.

Die Verheissungen des höchsten Berges der Welt locken auch viel Unerfahrenheit an. Im vergangenen Jahr musste eine ­Rekordzahl von Bergrettungen durchgeführt werden. Zahlen für genehmigte Gipfelbesteigungen dieses Jahr von nepalesischer und chinesischer Seite wurden noch nicht veröffentlicht. Doch die Saison, die den 65. Jahrestag der Erstbesteigung von Edmund Hillary und Tenzing Norgay markiert, wird voraussichtlich genauso betriebsam mit den gleichen «Gipfelstaus» sein wie die letzte, als es 634 Menschen auf den Ever­est schafften. Sieben Bergsteiger kamen ums Leben.

Kami hat sich in all den Jahren einen Namen für solide Arbeit und Verlässlichkeit aufgebaut, was auf dem Everest Leben retten kann. Bergsteiger sind in der Regel auf die Hilfe von Sherpas angewiesen. Diese werden dafür bezahlt, die Route vorzubereiten, Seile zu befestigen und das nötige Kletterzubehör zu tragen.

Einige ausländische Anbieter und Bergsteiger suchen nur nach billigen Angeboten, was bedeutet, dass sie minderwertige, billige Sherpas bekommen: «Wer einen hohen Preis zahlt, erhält auch Qualitätssherpas», so Kami.

Die billigsten Anbieter verlangen rund 20 000 Dollar für die Besteigung, etwa ein Viertel des Preises, der von den teuersten verlangt wird. Das führt zu Spannungen am Berg. Die meist ausländischen, teureren Anbieter werfen den Billiganbietern vor, an Sicherheit zu sparen, um die Kosten niedrig zu halten und gleichzeitig Kunden zu akzeptieren, denen es an Erfahrung im Hochgebirgsklettern mangelt.

Gute Sherpas sind gefragt: «Früher mussten wir an die Türen der Firmen klopfen, um Arbeit zu finden», so Kami. Jetzt habe sich der Spiess umgedreht. Die Firmen müssen den Sherpas gefallen, um mit ihnen zu arbeiten.

Lukrative Bergsportindustrie

Damit profitiert auch Kami von der lukrativen Bergsportindus­trie, die der Everest-Kletterboom in den letzten zwei Jahrzehnten in China und Nepal geschaffen hat, die sich den Gipfel teilen. Allein Nepal nahm 2017 vier Millionen Dollar an Genehmigungsgebühren ein. Ein Grossteil dieses Geldes zahlt lebenswichtige Einkommen in dem verarmten Land.

Kami arbeitet für den Klet­terspezialisten Alpine Ascents, der für die Everest-Besteigung 65 000 Dollar verlangt. Den aktuellen Rekord von 21 erfolgreichen Besteigungen hält Kami zusammen mit zwei nepalesischen Sherpas, die jedoch nicht mehr arbeiten. «Wenn alles nach Plan läuft, werde ich am 29. Mai auf dem Gipfel stehen» – und er werde den Everest weiter besteigen, auch wenn er in diesem Jahr den Rekord aufstelle. Ziel sei es, den Gipfel 25-mal zu erreichen: «Ich will Geschichte schreiben.»