KATHOLISCHE KIRCHE: Seine umstrittene Heiligkeit

Seit Sonntag hat die katholische Kirche zwei neue heilige Päpste. Doch nicht alle sind glücklich über die Heiligsprechung von Johannes Paul II. Die Kritik kommt auch aus Luzern.

Pirmin Bossart
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Zu viel Pomp? Mitarbeiter eines Museums hängen anlässlich einer Sonderausstellung über Johannes Paul II. ein Porträt des polnischen Papstes auf. (Bild: EPA)

Zu viel Pomp? Mitarbeiter eines Museums hängen anlässlich einer Sonderausstellung über Johannes Paul II. ein Porträt des polnischen Papstes auf. (Bild: EPA)

Über eine Million Gläubige kamen am vergangenen Sonntag nach Rom, um der Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. beizuwohnen. Der Massenauflauf hätte Letzterem wohl gefallen: Der 2005 verstorbene Papst war ein gewiefter Kommunikator und liebte das Rampenlicht. Schon bei der Beerdigungsfeier von Johannes Paul II. erschallten die «Santo subito!»-Rufe aus der Menge. Das war, wie sich später herausstellte, eher ein politisch-manipulierter denn ein ekstatisch-beseelter Volkswille: Polnische Kirchenführer sowie Mitglieder rechtskirchlicher Kreise hatten Flugblätter verteilt und die Leute aufgefordert, noch am Tag der Beerdigung lautstark die Heiligsprechung einzufordern. Johannes Pauls Nachfolger Papst Benedikt XVI. hatte das Dossier dann zügig vorbereitet, Papst Franziskus I. durfte es nun umsetzen.

«Sehr zweifelhaft»

Doch die Heiligsprechung von Johannes Paul II. kommt nicht überall gut an. «Dass der unmittelbare Nachfolger seinen Vorgänger zum Heiligen macht, ist für mich sehr zweifelhaft», sagt Andreas Heggli, Geschäftsführer der in Luzern ansässigen Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche. «Der gebührende zeitliche Abstand, der in der Kirche bei Heiligsprechungen traditionell gewahrt wird, kam hier nicht zur Anwendung», sagt Heggli. Dass die Heiligsprechung überhaupt so schnell möglich war, dafür hat ausgerechnet Johannes Paul II. selber gesorgt. 1983 änderte er die Praxis der Heiligsprechung, indem er den traditionellen Zeitraum zwischen Tod und Eröffnung des Verfahrens von 50 auf 5 Jahre verringerte. In der Folge initiierte er eine eigentliche Inflation der Heiligsprechungen. Allein in seiner Amtszeit wurden 482 Personen heiliggesprochen – so viel wie insgesamt in den vier Jahrhunderten zuvor.

Ausschlaggebend für die Kritik an der aktuellen Heiligsprechung sei aber die sehr autoritäre und konservative Art und Weise, wie Karol Wojtyla (so der bürgerliche Name von Johannes Paul II.) die Kirche geführt habe, sagt Heggli. «Er hat die Aufträge des Konzils nicht wirklich ernst genommen, sondern im Gegenteil dafür gesorgt, dass die Kirchenleitung wieder sehr rückwärtsgewandt wurde.» Auch bei den Bischofsernennungen habe sich gezeigt, dass er die konservativen Kräfte förderte. «Dabei hat er erwiesenermassen auch Leute, die sexuelle Übergriffe machten, zu Bischöfen geweiht.» Andererseits habe er viele Priester, die aufgrund der Liebe zu einer Frau sich von ihren priesterlichen Pflichten entbinden wollten, «mit totaler Missachtung bestraft, auf ihre Gesuche in keiner Weise reagiert».

Kein Platz für Frauen

Deutliche Worte schreibt auch Heiner Hug im Online-Magazin «Journal21»: «Karol Wojtyla verehrte Maria, doch Frauen haben keinen Platz in seiner Kirchen-Hierarchie. Er beklagte die Armut, war gegen Empfängnisverhütung und trug dazu bei, dass die Armen noch ärmer wurden.» Zudem habe er laut dem Theologen Hans Küng auch den Gründer der Legionäre Christi, «einen der schlimmsten Knabenschänder», in Schutz genommen.

Adrian Müller ist Präsident des Vereins Tagsatzung für eine glaubwürdige Kirche, die sich im Verbund mit einem grossen Netzwerk von andern Organisationen für Reformen in der Kirche einsetzt. Beheimatet ist der Verein im Luzerner Romero-Haus. Adrian Müller ist zudem Guardian des Kapuzinerklosters Rapperswil. Für ihn ist die jüngste Heiligsprechung «überhaupt nicht zentral», wie er auf Anfrage sagt. Es gebe Heilige, die für die Spiritualität eine Bedeutung hätten, und es gebe solche, die rein aus kirchenpolitischen Gründen zu Heiligen erklärt worden seien. Zu Letzteren zählt Müller die beiden Päpste, wobei er für Johannes XXIII. deutlich mehr Sympathien hat. «Johannes XXIII. hat mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil immerhin versucht, neuen Wind in die Kirche zu bringen, während sich Johannes Paul II. als Kommunikator profiliert hat, aber theologisch ein Bremser war.» Den kommunikativen Schwung habe Johannes Paul II. für die falschen Themen gebraucht, sagt Müller. Trotzdem: «Beide haben die grossen Fragen, die eine Kirche beschäftigen, nicht gelöst. Daran ändert auch ihre Heiligsprechung nichts.»

Es gibt solche Heilige und andere

Zu den grossen Themen zählt für ­Müller zum Beispiel die Integration der Frauen in die Kirche. In Anbetracht solcher Aufgaben empfindet er die Heiligsprechungen eher als irrelevant. Wie sollen denn Katholiken mit Heiligen umgehen? Einige hätten mehr Zukunft als andere, lächelt Müller. Für ihn als Kapuziner seien Franz und Klara von Assisi wichtig. «Man wählt sich die Heiligen aus. Es gibt einige, die wirklich Vorbilder sind, während es andere nicht sind. Dann gibt es auch jene, die Vorbilder sind, ohne dass sie heilig gesprochen wurden.»