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KATZEN: «Katzenhasser verpassen etwas»

Kaum jemand weiss so viel über Mensch-Tier-Beziehungen wie er: Verhaltensbiologe und Stubentiger-Experte Dennis Turner. Die Kronprinzessin von Japan bat ihn sogar einmal um eine Audienz.
Interview Annette Wirthlin
«In Schweden haben sagenhafte 80 Prozent der Leute Krankenversicherungen für ihre Tiere.» (Bilder Nadia Schärli)

«In Schweden haben sagenhafte 80 Prozent der Leute Krankenversicherungen für ihre Tiere.» (Bilder Nadia Schärli)

Francesco Petrarca, einer der grössten Dichter Italiens, sagte einmal: «Der Mensch lässt sich grob in zwei Gruppen einteilen: in Katzenliebhaber und in vom Leben Benachteiligte.» Was sagen Sie dazu?

Dennis Turner: Dass die meisten Menschen Katzen entweder lieben oder hassen, das kann ich bestätigen. Ich und mein Bruder wollten immer unbedingt eine Katze, aber mein Vater hasste sie, weil sie immer in seinen Garten machten, und meine Mutter hatte Angst vor ihnen. Dass Katzenhasser aber benachteiligt sind, das würde ich so plakativ niemals sagen – auch wenn da was dran ist. Persönlich finde ich, sie verpassen etwas.

Und wieso sind auch die meisten Menschen entweder entschiedene Hundefreunde oder dann grosse Katzenfans – und selten beides?

Turner: Letztes Jahr hat erstmals eine Studie tatsächlich Persönlichkeitsunterschiede zwischen selbst ernannten Hunde- beziehungsweise Katzenmenschen festgestellt. Hundehalter sind eher dominant, initiativ, extravertiert. Sie suchen den Kontakt mit anderen Menschen und finden den beim Gassigehen. «Hündeler» sind – nebenbei beobachtet – auffallend oft Raucher. Was irgendwie passt, denn Katzen hassen den Tabakgeruch an den Händen. Katzenhalter sind laut der Studie eher zurückhaltend, aber emotionaler. Bei den Teilnehmern meiner Tierpsychologie-Kurse kann ich aufgrund des Auftretens meist sofort sagen, welches die Katzen- und welches die Hundeleute sind. Da es aber auch viele Menschen gibt, die beide Tiere mögen, darf man nicht zu viel Gewicht darauf legen.

Sie selber sind klar ein Katzenliebhaber. Neben unzähligen Studien haben Sie diverse Bücher über die Hauskatze verfasst, eines gilt als die «Katzenforscher-Bibel» schlechthin. Wie sind Sie auf die Katze gekommen?

Turner: Ich war früher in der Wildforschung tätig. Als eine grosse Studie beendet war, suchte ich ein neues Thema. Ich wollte ein interessantes Raubtier studieren, das nicht nur Gras frisst. Als ich gerade dabei war, über ein Angebot nachzudenken, in Afrika die Serengeti-Löwen zu studieren, miaute unsere damalige Hauskatze unter dem Tisch. Da rutschte mir spontan der Satz raus: «Willst du meine Löwin sein?», und ich dachte: wieso eigentlich nicht? Hauskatzen sind populär, man kann sie gut beobachten, und damals wusste man noch kaum etwas über ihr Sozialverhalten.

Und jetzt sind Sie sogar in Ihrem Zuhause von Stubentigern umzingelt.

Turner: Lebende Katzen habe ich privat nur noch eine. Aber ich habe eine Sammlung von Katzenfiguren. Immer wenn ich in einem fremden Land einen Vortrag halte, kaufe ich eine neue dazu. Die sind hier noch gar nicht aufgestellt, da wir erst vor drei Monaten eingezogen und immer noch am Einräumen sind. Wir haben auch viele Katzenbilder. Unser Sohn sagte einmal: «Gibts eigentlich nichts anderes als Katzenbilder?» In der neuen Wohnung versuchen wir jetzt aber auch Künstler zu berücksichtigen, die keine Katzen malen.

Hier eine vielleicht etwas provokative Aussage des japanischen Schriftstellers Natsume Soseki: «Von Katzen versteht niemand etwas, der nicht selbst eine Katze ist.»

Turner: (denkt nach) Aha ... wow! Also ich meine, durchaus etwas von Katzen zu verstehen – wenn auch bei weitem nicht alles. Aber ob ich selber eine Katze bin? Also wenn ich nochmals auf die Welt kommen würde, dann wäre ich vielleicht gerne eine Katze. Die Tiere sind fantastisch. Intelligent und elegant – Letzteres trifft auf mich zwar weniger zu (lacht). Und als Katze würde ich glaub gerne bei Turner wohnen.

Was wäre denn schön an so einem Stubentigerleben im Hause Turner?

Turner: Mein Herrchen würde meine Persönlichkeit respektieren, sich mir nicht aufzwingen. Denn seine Forschung hat gezeigt, dass diejenigen Leute viel mehr von ihrer Katze haben, die warten, bis die Katze auf sie zukommt, anstatt sie von sich aus ständig auf den Arm zu nehmen.

Es heisst, dass Katzen keine Herrchen haben, sondern Bedienstete.

Turner: Das hat tatsächlich etwas Wahres. Vor allem Bedienstete, die das Essen servieren! Bei der Beziehung Katze–Mensch ist die Fütterung tatsächlich das A und O. Unsere Katze fängt bis zu einer Stunde vor der normalen Fütterungszeit an, Kontakt aufzubauen. Das muss man geniessen.

Und ich hatte mir eingebildet, dass mich die armen Kätzchen in Griechenland, die ich aus Mitleid fütterte, tatsächlich gerne hatten!

Turner: Die Tatsache, dass man füttert, fördert nachweislich die Beziehung. Die Liebe geht bei Katzen durch den Magen – aber nur anfänglich. Wenn man nämlich bloss den Teller hinstellt, ohne mit der Katze zu reden und sie zu streicheln, dann verschwindet die Präferenz für die fütternde Person nach etwa zwei Wochen wieder. Ich fürchte aber, Sie waren für die griechischen Katzen trotz Streicheleinheiten nicht mehr als eine «fütternde Person», da zwei Wochen Ferien nicht genug sind, um eine Beziehung aufzubauen.

Whiskas feierte kürzlich sein 50-Jahr-Jubiläum. Was steckt eigentlich in dem Futter, dass es die Katzen – nicht nur in Griechenland – tatsächlich lieben und anderes verschmähen?

Turner: Ich kann versichern, dass keine süchtig machenden Lockstoffe darin enthalten sind. Aber bei den Premium-Katzenfuttern – auch von anderen Marken – werden eben diejenigen Geschmacks-Ingredienzen verwendet, die Katzen besonders lieben. Meine Studien zeigen, dass meist der Mensch schuld ist, wenn das Büsi ein heikler Fresser ist. Wenn man gleich frische Crevetten holt, weil die Katze mal die Nase rümpft, wird sie garantiert noch wählerischer werden. Man sollte mindestens zwei Tage hintereinander stur die gleiche Futtersorte präsentieren, dann nimmt die Katze irgendwann schon davon.

Wo ist übrigens Ihre Katze jetzt?

Turner: Joy, ein 17-jähriges Tigerli, wird ziemlich sicher unter dem Bett hocken. Sie ist extrem scheu, und wenn Besuch kommt, versteckt sie sich. Fremde akzeptiert sie nicht. Unsere dreijährige Enkelin hat sie noch überhaupt nie streicheln können. Nur von mir und meiner Frau lässt sie sich, wenn wir fernsehen, im Zehn-Minuten-Rhythmus abwechselnd auf dem Schoss streicheln. Simba, der unterdessen nicht mehr lebt, war geradezu mediengeil. Als einmal ein Fernsehteam zu uns kam, setzte er sich unmittelbar vor die Kamera und starrte hinein.

Pardon: Jetzt sind Sie DER Experte in Tierpsychologie, Ihr eigener Stubentiger hat aber eine Neurose?

Turner: Schön gefragt! Ich glaube nicht, dass meine Katze an einer Neurose leidet. Die ist völlig normal. Es ist ein Sozialisationsproblem, dass sie bei fremden Leuten eine lange Anlaufzeit braucht. Sie hat wohl auch deshalb keine Neurose, weil ich meine eigenen Hauskatzen nie wissenschaftlich studiert, sondern nur genossen habe. Zum Entspannen will man schliesslich was anderes machen als bei der Arbeit. Ich kann mir auch kaum Tiersendungen am Fernsehen anschauen, obwohl sie gut gemacht sind.

Kann man eine gestörte Katze denn ernsthaft therapieren?

Turner: Ja, jedes Tier, sogar Goldfische. Die häufigsten Probleme bei Katzen sind Harnmarkierung, Unsauberkeit, zerkratzte Möbel. Da kann man wirklich Wunder wirken mit einem speziellen Verhaltens-Umtrainierungsprogramm, das die Katzenhalter von ausgebildeten Tierpsychologen lernen können. Die Erfolgsrate liegt bei 75 bis 80 Prozent.

Umgekehrt benützt man Katzen auch, um Menschen mit psychischen Problemen zu therapieren. Wie geht das?

Turner: Katzen sind sehr bekannt als Helfer bei der Behandlung klinisch Depressiver. Deshalb werden ja seit 200 Jahren Katzen in Kliniken gehalten. Katzen können durch ihre blosse Anwesenheit tatsächlich einen positiven Einfluss auf introvertierte Launen und Ängstlichkeit haben. Die Katze hat keine Vorurteile, akzeptiert den Menschen, wie er ist. Sie zwingt sich ihm nicht auf, ist sehr sensibel, merkt, wenn er sich speziell verhält, und reagiert darauf.

Am 8. August ist Weltkatzentag. Können Sie uns zur Feier des Tages etwas aus der Katzenforschung erzählen, das wir bestimmt noch nicht wissen?

Turner: Da gibt es einiges. Katzen haben zum Beispiel zwei unterschiedliche ­«Miau»-Laute. Wenn sie etwas wollen, setzen sie eine höhere Frequenz ein, die derjenigen von menschlichen Babys ähnelt. Das weckt das Fürsorgeverhalten der Menschen, und ihr Wunsch wird eher erfüllt. Ob sie es bewusst einsetzen, ist hingegen nicht ganz klar. Eine andere, neue Erkenntnis aus Studien ist die folgende: Auch Katzen folgen einer Rangordnung, wenn sie in einer Gruppe leben – wenn auch nicht so stark ausgeprägt wie Hunde. Und zwar geht es bei den Katzen nach Gewicht und Alter. Je schwerer und älter eine Katze ist, desto höher ist sie in der Rangordnung.

Ursprünglich haben Sie eigentlich Fledermäuse untersucht, oder?

Turner: Genau. Ich machte meine Dissertationsforschung über Vampirfledermäuse auf einer riesigen Schweizer Farm in Costa Rica. Dort habe ich auch mit 25 Jahren meine heutige Frau Heidi kennen gelernt, die dort gerade Ferien machte.

Ach, so kamen Sie also als Amerikaner in die schöne Schweiz!

Turner: Ja. Ich glaubte eigentlich nicht an die Liebe auf den ersten Blick, ich hielt es zuerst für eine Tropenkrankheit, doch bereits nach 10 Tagen fragte ich sie, ob sie mich heiraten will. Ich hatte als Student kein Geld, und damit ich überhaupt in die Schweiz kommen konnte, mussten wir zuerst heiraten. Nur so kam ich zu einem vergünstigten Flugbillett – sie arbeitete als Bodenpersonal bei der Swissair. Also heirateten wir bereits, als wir 40 Tage zusammen waren. Nun sind wir bald 40 Jahre verheiratet.

Und Sie sind längst stolzer Schweizer geworden ...

Turner: Ja, schon seit 1992. Ich bin Doppelbürger. Das ist erlaubt, solange ich die Steuerformulare regelmässig ausfülle (lacht). Ich gehe immer wieder nach Amerika, aber dort leben könnte ich nicht mehr. Ich betrachte mich als Schweizer.

Und Sie üben das wohl schweizerischste aller Hobbys aus.

Turner: Wie typisch es ist, weiss ich nicht. Aber ja, ich jodle. Ich bin zweiter Bass im Jodelchor, sogar Ehrenmitglied, und war mal Vizedirigent. Ich habe auch mal Klavier gespielt, aber jetzt will ich nicht mehr meine Nachbarn plagen.

Sie sind aber auch ein Opernfan. Kein Widerspruch?

Turner: Nein, nein. Wir haben ein Abonnement fürs Zürcher Opernhaus. Was dort geboten wird, ist einfach absolute Spitzenklasse. Wenn man meine CD-Sammlung ansieht, findet man Oper, Country, Chormusik, Sinfonien, Musicals, Entspannungsmusik – querbeet.

Geben Sie sich auch viel mit Ihren drei Enkelkindern ab?

Turner: Ja. Aber wir sind altmodische Grosseltern. Wir lieben unser eigenes Leben und haben uns nicht bereit erklärt, die Kinder regelmässig zu hüten. Wenn wir aber Zeit haben und aushelfen können, geniessen wir das Babysitten sehr.

Argentinien, Israel, Jordanien, Indien, Brasilien, Singapur, Schweden, Kanada, Mexiko: Sie sind durch Ihre Forschung und Vortragstätigkeit sehr viel auf der Welt herumgekommen. Nennen Sie uns eines der sicher zahlreichen unvergesslichen Erlebnisse auf diesen Reisen.

Turner: Einmal bat mich Kronprinzessin Masako von Japan um eine Audienz – nicht umgekehrt (lacht). Es stand im Zusammenhang damit, dass die Japaner den Weltkongress derjenigen Organisation nach Japan holen wollten, die ich präsidierte – den internationalen Dachverband aller Organisationen, die sich mit Mensch-Tier-Beziehungen befassen. Als ich den Fax mit der Einladung bekam, dachte ich zuerst, es sei ein Witz, und fiel dann vor Überraschung rückwärts aus dem Stehen in meinen Bürosessel.

Brachten Sie der Prinzessin ein Geschenk mit?

Mein Buch «The Domestic Cat» war gerade auf Japanisch erschienen. Ich liess es wunderschön in Rot und Weiss – den beiden Nationalflaggen entsprechend – einpacken. Leider wurde es dann vor der Übergabe konfisziert und kontrolliert und dazu natürlich bereits ausgepackt. Als die Türe aufging, stand zudem zuerst der Kronprinz vor mir. Dabei hatte ich doch die Widmung im Buch nur für die Prinzessin geschrieben – peinlich, peinlich!

In welchem Land wird eigentlich am besten mit Haustieren umgegangen?

Turner: Das klingt jetzt blöd, aber die Schweiz liegt – mit Ausnahmen – sicher ganz, ganz weit vorne. Zusammen mit Schweden, wo sagenhafte 80 Prozent der Leute Krankenversicherungen für ihre Tiere haben. Amerika gehört garantiert nicht dazu, da halte ich gar kein Blatt vor den Mund, wenn ich öffentlich auftrete. Das ist auch der Grund, weshalb ich dort als Redner nicht besonders beliebt bin. Tierärzte in Amerika finden es absolut in Ordnung, dass Tieren die Krallen operativ entfernt und die Stimmbänder durchtrennt werden, damit sie weniger kratzen oder bellen. Schreckliche Sachen. Ich kämpfe dafür, dass wir diesbezüglich die Amerikaner nicht wie in allen anderen Belangen nachahmen.

Hinweis

Dennis Turner bietet selber keine tierpsychologischen Beratungen an. Siehe stattdessen: www.vieta.ch

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