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KINDERKRANKHEIT: Wird Keuchhusten unterschätzt?

Wochenlanger Husten. Lebensgefahr für Säuglinge. Der hochansteckende Keuchhusten tritt wieder vermehrt auf. Die empfohlene Impfung ruft aber auch Skeptiker auf den Plan.
Stefan Müller
Keuchhusten-Bakterien übertragen sich durch Niesen, Sprechen, Husten. (Bild: Getty)

Keuchhusten-Bakterien übertragen sich durch Niesen, Sprechen, Husten. (Bild: Getty)

Stefan Müller

Viele kennen den Keuchhusten nur noch vom Hörensagen. Dennoch nimmt die hochansteckende Infektionskrankheit seit 2006 wieder zu, vor allem bei Erwachsenen und Jugendlichen. Sie tritt jahrein, jahraus in unregelmässigen Abständen, an verschiedenen Orten, mit kleineren und grösseren Epidemien in Erscheinung – vor allem in den Herbst- und Wintermonaten. Heute erkranken in der Schweiz durchschnittlich 10 000 Personen pro Jahr an Keuchhusten. 2006 waren es noch 3000 Fälle – ein Tiefststand damals, nach der grossen Keuchhustenepidemie von 1994/95 mit 46 000 erkrankten Menschen.

Die durch Bakterien verursachte Krankheit wird durch Tröpfcheninfektion beim Niesen, Sprechen und Husten übertragen. Charakteristisch für den Keuchhusten sind die schweren, krampfartigen Hustenattacken, die wochenlang andauern können. Insbesondere bei Säuglingen können diese zu Atempausen oder gar zum Ersticken führen. Typische Komplikationen sind Lungenentzündung, Krampfanfälle und Mittelohrentzündung. Für Säuglinge und Kleinkinder ist das Risiko am grössten: 30 bis 50 von ihnen müssen pro Jahr hospitalisiert werden. Diese Altersgruppe macht drei Viertel aller Hospitalisierungen wegen Keuchhustens aus.

Dass sich der Keuchhusten wieder vermehrt ausbreitet, dafür gibt es mehrere Gründe: «Der Schutz durch die Impfung ist nur 70 bis 80 Prozent», sagt Ulrich Heininger, Keuchhusten-Spezialist und Infektiologe am Universitäts-Kinderspital beider Basel. Ausserdem nehme der Impfschutz kontinuierlich ab. Jugendliche und Erwachsene können schon nach fünf bis zehn Jahren nach der Impfung, aber auch nach einer durchgemachten Erkrankung, erneut an Keuchhusten erkranken.

Weniger Menschen lassen sich impfen

Auch wenn der Keuchhusten bei Jugendlichen und Erwachsenen oft milder verlaufe als bei kleinen Kindern und Säuglingen, seien die Älteren wichtige Überträger. Als weiteren Grund nennt der Infektiologe die Impfmüdigkeit. Bei Säuglingen sei die Durchimpfung mit 95 Prozent zwar noch sehr gut, bei älteren Kindern gehe die Quote jedoch deutlich zurück. Hinzu komme, so Heininger, dass Keuchhusten ein «Chamäleon» sei. Er komme in vielen «Spielarten» vor und könne von einer normalen Erkältung oder Bronchitis nicht so leicht unterschieden werden, weshalb man ihn oft übersehe.

Für die ansteckende Infektionskrankheit gilt als wirksamste Vorbeugung die Impfung, die laut Infektiologe Heininger gut verträglich ist. Die Impfung kann frühestens ab dem Alter von sechs Wochen erfolgen, was insbesondere für Kinder in Tagesstätten von Bedeutung ist. Für einen guten Schutz sind mindestens zwei Injektionen notwendig.

Weil der Säugling in den ersten Lebenswochen über keinen ausreichenden Nestschutz verfügt, impft man seit 2014 auch schwangere Frauen. Auf diese Weise sind die Säuglinge durch von der Mutter übertragene Abwehrstoffe gut geschützt. Dennoch lässt sich erst rund die Hälfte der Schwangeren impfen. Die Schweizer Impfrichtlinien erachtet der Infektiologe als angemessen: «Impfungen sind wie das Tragen eines Velohelms oder das Mitführen von Rettungsringen auf Schiffen – also selbstverständliche Sicherheitsmassnahmen.»

Kritikpunkt: nur kombinierter Impfstoff

Doch nicht alle teilen diese Ansicht. Der Aargauer Kinderarzt André Perrenoud versteht sich nicht als Impfgegner, tritt aber für eine individuelle Impfentscheidung ein. «Ich bin gegen Impfobligatorien und allzu suggestive Impfpropaganda», betont André Perrenoud. Die Bedeutung von Krankheit, Leiden und Tod für die Biografie oder das Wesen eines Menschen lasse sich nicht wissenschaftlich allgemein gültig festlegen. Sie ergebe sich aus der persönlichen Weltanschauung jedes Einzelnen. «Ein Eingriff in diese Anschauung ist ein Eingriff in die Freiheit des Individuums und nur bei einer Gefährdung der Allgemeinheit gerechtfertigt.»

Über das Vorliegen einer ­echten Gefährdung streiten sich Impfbefürworter und Impfskeptiker. Dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) wurden in den letzten 15 Jahren vier Keuchhusten-Todesfälle bei Säuglingen ­gemeldet. «In diesem Licht ­erscheint die Krankheit nicht so gefährdend, dass eine Impfung aller Schwangeren zwingend ­notwendig wäre», findet André Perrenoud. Immerhin müssten zur Vermeidung eines Säuglingstodes mindestens 80 000 schwangere Frauen, was der gesamten Geburtenzahl in der Schweiz entspricht, geimpft werden. «Die Verhältnismässigkeit dieser Massnahme zu beurteilen, liegt im Ermessen der betroffenen Eltern», so der Kinderarzt.

André Perrenoud stört sich zudem wie viele andere Impfskeptiker daran, dass die Keuchhustenimpfung nur in Kombination mit Diphtherie, Starrkrampf und Kinderlähmung erhältlich ist. Für die drei zusätzlichen Impfungen gibt es nach Ansicht von Perrenoud in der Schweiz im ersten Lebensjahr keinen zwingenden Grund. Eine Impfung von Diphtherie und Starrkrampf ab dem zweiten Lebensjahr würden hingegen auch viele Impfskeptiker befürworten.

«Nicht impfende Ärzte müssen Kindern, die husten, mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen», räumt Perrenoud ein. Nicht geimpfte Kinder würden deshalb bei Verdacht früh auf Keuchhusten getestet, vor allem Säuglinge: Man entnimmt einen Abstrich vom hinteren Nasen-Rachen-Raum und lässt das Sekret im Labor untersuchen, um die Diagnose früh zu stellen. Dann kann der Krankheitsverlauf bei Bedarf mit antibiotischer Behandlung positiv beeinflusst werden.

Für Impfskeptiker Perrenoud ist selbstverständlich: Wer in seiner Praxis impfen lassen wolle, könne dies tun. Wichtig sei eine gute, nicht missionarische Aufklärung. «Nur überzeugte Eltern sollen sich auf diesen Entscheid einlassen», so der Kinderarzt.

Keine meldepflichtige Infektionskrankheit

Wenn sich der Keuchhusten wieder vermehrt ausbreitet oder auch lokale Epidemien ausbrechen, bekommen dies Kindertagesstätten und Schulen als Erstes zu spüren. Im Aargau beispielsweise beobachten dies einzelne Kinderarztpraxen tatsächlich. Äussern will man sich aber nicht öffentlich. Auf Anfrage beim kantonalen Departement Gesundheit und Soziales heisst es: «Eine Häufung der Keuchhustenfälle ist uns derzeit nicht bekannt. Denn der Keuchhusten ist keine meldepflichtige Infektionskrankheit, weshalb unser Wissen über die aktuelle Situation in den ­Privatpraxen limitiert ist», so die stellvertretende Kantonsärztin Silvia Dehler. Aufgrund der Schwere der Erkrankung würde man eine Impfung von Säuglingen, Schwangeren sowie Erwachsenen mit regelmässigem Kontakt zu Säuglingen empfehlen.

Hinweis

Infos unter: Broschüre Kinder-Impfungen – eine Entscheidungshilfe, Konsumentenschutz, 2016, www.konsumentenschutz.ch

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