KINDERSOLDATEN: Für den Krieg missbraucht

Hunderttausende von Kindern stehen weltweit im Krieg im Einsatz. Auch in Mali sind derzeit Kinder an der Front.

Andrée Stössel
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«Kinder sind oft leichte Beute»: Kindersoldaten heuern bei den islamistischen Truppen in Mali an. (Bild: Keystone)

«Kinder sind oft leichte Beute»: Kindersoldaten heuern bei den islamistischen Truppen in Mali an. (Bild: Keystone)

Es herrscht Krieg. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht. Die Grenzen sind dicht. Weder Beobachter noch humanitäre Organisationen haben derzeit eine Chance, in den Norden Malis vorzudringen. Dennoch sind Meldungen durchgesickert, im Norden Malis würden derzeit systematische Menschenrechtsverletzungen begangen – sowohl von malischen Truppen als auch von den islamistischen Rebellen.

Auch Kinder sind davon betroffen: Sie werden für die Kriegsführung missbraucht. «Wir gehen davon aus, dass im Norden Malis derzeit rund 100 Kinder für die islamistischen Rebellen als Soldaten im Einsatz stehen», sagt Friedensforscher Ekkehard Forberg von der Hilfsorganisation World Vision. Man habe Kinder gesehen, die an der Front stünden, an Checkpoints eingesetzt würden und als Teil der islamischen Polizei im Einsatz seien, bestätigt Philippe Bolopion, UN-Direktor von Human Rights Watch, der sich zurzeit in der malischen Hauptstadt Bamako befindet. «Und die Rekrutierungen gehen weiter.» Hinzu komme, dass die islamistischen Truppen Koranschulen bei ihren Basen eingerichtet hätten. Diese seien nun zum Ziel für Luftangriffe durch die französischen Truppen geworden. «Dadurch, dass uns die malischen Behörden den Zugang in den Norden verweigern, können wir die Lage nicht genau einschätzen», sagt Forberg. «Aber sie ist sehr ernst.»

Lastenträger und Sexsklaven

Kindsrekrutierungen sind nicht nur in Mali, sondern in diversen Ländern der Welt ein latentes Problem. Gemäss UNO stehen weltweit Hunderttausende von Kindern in Kriegen im Einsatz. Trotz eines weltweiten Verbots setzen laut der Kinderhilfsorganisation Unicef gegenwärtig Konfliktparteien in mindestens zwölf Ländern im grossen Stil Buben und Mädchen als Soldaten ein.

Ein Kindersoldat ist nicht nur, wer ein Gewehr am Körper trägt. Gemäss UNO-Definition zählt jedes Kind unter 18 Jahren dazu, das in irgendeiner Form zu einer bewaffneten Gruppe gehört. Viele der Kinder in Konfliktgebieten werden als Lastenträger, Köche, Spione und als Besetzung an Checkpoints gebraucht, manche schickt man als Selbstmordattentäter in den Tod, oder man verwendet sie als Vorhut und an der Front als menschliche Schutzschilde. Vor allem Mädchen werden zudem Opfer von sexueller Gewalt. Die United Nations berichten von Fällen, in denen unter 10-Jährige an Soldaten zwangsverheiratet wurden.

Mit dem Krieg in Mali habe auch dort die sexuelle Gewalt gegenüber Kindern zugenommen, sagt Forberg. Es gebe Meldungen aus Nordmali, wonach Mädchen für sexuelle Dienstleistungen für Rebellenkommandeure eingesetzt würden.

Von den Eltern verkauft

In manchen Kriegen werden Kinder systematisch entführt, um sie als Soldaten einzusetzen. Es gibt aber auch viele Fälle, in denen sich Kinder mehr oder weniger freiwillig den Truppen anschliessen. «Oft geschieht das aus der Not heraus», sagt Forberg. Auf der Flucht würden sie von ihren Eltern getrennt, wüssten nicht, wohin. «Wir haben von unseren lokalen Mitarbeitern gehört, dass in Nordmali sehr viele Kinder bei der Flucht ihre Eltern verloren haben.» Diese Kinder seien nun leichte Beute für die Truppenanwerber. Manche Kinder schliessen sich den Milizen an, um ihre Gemeinschaften zu schützen, aus finanzieller Not oder aus Rache. Manche werden von ihren Eltern verkauft. Viele der Rebellentruppen in Afrika, so Forberg, seien finanziell gut gerüstet, was ihnen erlaube, Söldner zu bezahlen.

Kindersoldaten sind beliebte Kämpfer, weil sie sich leicht indoktrinieren und manipulieren lassen. «Sie übernehmen auch Aufgaben, denen sich Erwachsene vielleicht widersetzen würden. Zum Beispiel, wenn man sie als Vorhut über Minenfelder schickt», erklärt Forberg. Ausserdem, so Forberg, könnten Kinder leichte automatische Kleinwaffen gut einsetzen. Um sie gefügig zu machen, würden oft radikale Exempel statuiert. So würde beispielsweise die in Zentralafrika aktive Lord’s Resistance Army Befehlsverweigerer vor den Augen der anderen Kinder verstümmeln und massakrieren. Unter Drogen werden die Kinder gar gezwungen, selber zu foltern und zu töten.

Besonders in Ländern, in denen die Jugend kaum Perspektiven hat, machen sich Milizen die kindliche Machtlosigkeit zu Nutze, wie Albert A. Stahel, Professor für Strategische Studien an der Universität Zürich und Geschäftsführer des Forums für eine humanitäre Schweiz, erklärt: «In vielen afrikanischen Ländern ist das Bevölkerungswachstum viel zu gross, es gibt zu viele Kinder.» Es sei ein bekanntes Phänomen, dass sich Gesellschaften mit einer Überzahl an Kindern dieser im Krieg entledigten: «Wir haben heute in Afrika die gleiche Situation wie in Europa im Hochmittelalter. Damals gab es in Europa einen Überschuss an Kindern, die man in den Kinderkreuzzügen regelrecht ‹entsorgte›», sagt Stahel.

Völkerrecht nur auf dem Papier

Unsere humanitären Vorstellungen seien in vielen Ländern Afrikas nicht durchsetzbar, und das Kriegsvölkerrecht existiere nur auf dem Papier. Auf solchem Nährboden könnten Kinder leicht missbraucht werden. «Ein Kind, das stets mit seiner Machtlosigkeit konfrontiert wird, fühlt sich mächtig, wenn man ihm eine Waffe in die Hand gibt», sagt Stahel.

Laut Forberg werden Kindern im Krieg systematisch die Perspektiven genommen. «Im Kongo werden sie oft gezwungen, ihre eigenen Familien zu massakrieren, damit sie der Truppe treu bleiben, weil sie nirgendwo mehr hingehen können. In ihren Dörfern werden sie nicht wieder Fuss fassen können, weil sie dort als Täter angesehen werden. Aber Kindersoldaten sind zuallererst Opfer.» Kinder, welche die Gräuel des Krieges an der Front miterlebt haben, finden nur schwer in ein normales Leben zurück. «Die Kinder haben Schuldkomplexe, sind traumatisiert, leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen», sagt Forberg. Dennoch gebe es erfolgreiche Rückführungsprojekte. «Es braucht professionelle Hilfe, und man muss den Kindern auch eine neue materielle Perspektive geben, zum Beispiel, in dem man ihnen eine Ausbildung ermöglicht.»

Albert A. Stahel unterstützt zwar Rückführungsprogramme, zweifelt aber an deren Nachhaltigkeit, solange sich die humanitäre und politische Situation in den betroffenen Ländern nicht verbessert. «Und das dürfte leider noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern.»

Kaum Sanktionen

Der UNO-Sicherheitsrat veröffentlicht regelmässig eine Liste der Konfliktparteien, die Kinder rekrutieren, töten, verstümmeln, an ihnen sexuelle Gewalt ausüben oder Schulen und Krankenhäuser angreifen. Allerdings, so Unicef, würden nur sehr selten Sanktionen wie Waffenembargos, Kontensperrungen oder Reisebeschränkungen verhängt. Im Januar 2007 hatte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag erstmals Anklage wegen des Einsatzes von Kindern in Kriegshandlungen erhoben. Neben dem ehemaligen liberianischen Ex-Diktator Charles Taylor wurde auch Thomas Lubanga, einem Kommandeur im Ostkongo, der Strafprozess gemacht. Beide wurden 2012 verurteilt.