KIRCHE: Familienmoral auf dem Prüfstand

Sex vor der Ehe und Scheidung sind tabu. Und Vater, Mutter, Kind ist die einzig wahre Form der Familie. Selbst unter vielen gläubigen Katholiken gilt das alles als veraltet. Ein neues Buch greift die Thematik ausführlich auf.

Andreas Fässler
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Die traditionelle Familie – sie hat nicht etwa ausgedient, ist aber schon lange nicht mehr die einzige funktionierende Form des Zusammenlebens. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die traditionelle Familie – sie hat nicht etwa ausgedient, ist aber schon lange nicht mehr die einzige funktionierende Form des Zusammenlebens. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Andreas Fässler

Selten wurde ein Ereignis im Vatikan mit so grosser Spannung erwartet wie die Familiensynode, die am 4. Oktober beginnt und über drei Wochen hinweg abgehalten wird. Unter dem Motto «Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute» will Papst Franziskus mit der Weltkirche über Ehe und Familie sowie über die Sexualität nachdenken und diskutieren. Auch die Kirche der Schweiz beteiligt sich am synodalen Prozess.

Franziskus gab sich bisher kryptisch und undurchschaubar, doch viele Menschen stecken grosse Hoffnung in den Pontifex, auf dass er die katholische Kirche zu einem Umdenken bewegen kann. Doch traditionell eingestellte Katholiken schauen der Synode mit Bangen entgegen. Sie sehen das katholische Familienbild in Gefahr, sie haben Angst um die vermeintlich richtigen Werte, die durch eine Öffnung der Kirche für Familienvielfalt verloren gehen. Doch wer genau hinschaut, der muss eingestehen: Diese Familienvielfalt ist schon lange in der katholischen Kirche angekommen. Das aus kirchlicher Sicht einzig richtige Mutter-Vater-Kind-Gebilde teilt sich das Parkett mit einer Vielfalt an Formen des familiären Zusammenlebens gläubiger Katholiken, ob das der Obrigkeit nun passt oder nicht. Die Kirche als Hüterin der Familie – hat sie vollends versagt? Die Vielfalt von Familien- und Partnerschaftsformen ist für die grosse Mehrheit der Kirchenmitglieder heutzutage selbstverständlich.

«Irreguläre» kommen zu Wort

Das Buch «Familienvielfalt in der katholischen Kirche» von Arnd Bünker und Hanspeter Schmitt zeigt eindrücklich auf, dass die offizielle christliche Lehre immer deutlicher diametral im Widerspruch zur Realität steht. Und das Erfrischende dabei: Es funktioniert trotzdem. Das Buch porträtiert Familien unterschiedlicher Couleur und lässt die Mitglieder, von denen viele in «irregulären» Situationen leben, ausführlich zu Wort kommen. Monica und Sandro beispielsweise haben zwei Kinder, sind gläubige Katholiken, aber hatten bereits Sex, lange bevor sie geheiratet haben. Oder die geschiedene Andrea. Sie hat wieder geheiratet, dabei den Segen eines katholischen Priesters erhalten und engagiert sich heute mit ihrer ganzen Familie in der Kirchgemeinde. Die gläubige Jutta hat sich von ihrem Mann getrennt und sich in eine Frau verliebt. Mit ihr und den Kindern lebt sie im Pfarrhaus einer katholischen Kirchgemeinde im Aargau. Aber auch Familien, die dem traditionellen Bild entsprechen, werden porträtiert. Ein allgemeiner Konsens wird im Lauf der Lektüre aber immer deutlicher: Das Gros gläubiger Katholiken hadert mit den veralteten Dogmen und wünscht sich sehnlichst eine realitätsnahe, menschliche Kirche.

Notwendigkeit eines Umdenkens

Es bringt auch zu Tage, dass selbst Vertreter der katholischen Kirche oft – entgegen dem Gebot von oben – den jesuanischen Weg gehen und das Wohl der ihnen anvertrauten Menschen über das kirchliche Gesetz stellen. Auch dies verweist auf die dringliche Notwendigkeit eines Umdenkens der Kirche.

Stimmen von Fachleuten ...

Weiter wird im Buch versucht, unbegründete Vorbehalte und Bedenken zu entschärfen und vor allem mit landläufigen Missverständnissen aufzuräumen. In mehreren Kapiteln kommen hierzu studierte Theologen und Fachleute zu Wort und erläutern aus ihrer Sicht, warum die katholische Morallehre in vielen Punkten nicht nur veraltet, sondern falsch und vor allem in der modernen Gesellschaft nicht (mehr) lebbar ist. Sie sind sich weitgehend einig, dass eine körperfeindliche Kirche der Verneinung und Verbote in absehbarer Zeit in völliger Bedeutungslosigkeit versinkt. Sie sind aber auch überzeugt, dass die Kirche grosses Potenzial hat, wenn sie den dringenden Gesprächs- und Reflexionsbedarf wahrnimmt und auf die Menschen zugeht.

... und die fehlende Gegenstimme

Das Buch enthält eine Fülle an Denkanstössen. Auch bietet es Gläubigen, die etwa ihre familiäre Situation oder auch ihre Sexualität nicht so richtig mit ihrem Glauben vereinbaren können, eine hilfreiche, aufklärende Stütze. Etwas schal allerdings ist der Eindruck nach der Lektüre, weil das Buch zuweilen wie eine Zurechtweisung der Kirche mit erhobenem Zeigefinger anmutet. Etwas zu häufig liest man, was die Kirche alles falsch macht, was sie besser machen sollte. Selbst wenn diese Vorwürfe und Belehrungen durchaus ihre Begründung haben, so fehlt in diesem Buch dennoch eine Stimme, die den kirchlichen Standpunkt auf Basis der christlichen Lehre nicht zwingend verteidigt, aber wenigstens begründet. Das würde die Lektüre abrunden.

Hinweis

«Familienvielfalt in der katholischen Kirche – Geschichten und Reflexionen», Theologischer Verlag Zürich (TVZ), ISBN 978-3-290-20107-4, 155 Seiten, Fr. 25.–.