KIRCHE: Unmut lässt Grenzen wanken

Der Churer Bischof Vitus Huonder prüft die Schaffung eines Bistums Zürich und eines Bistums Urschweiz. Damit greift er ein Thema auf, das seit mehr als zweihundert Jahren immer wieder für Diskussionen sorgt.

Angelo Garovi
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Das Kloster Einsiedeln (hier auf einer Fotografie um 1900) wäre im 19. Jahrhundert fast zum Bischofssitz eines neuen Innerschweizer Bistums geworden. (Bild: Keystone)

Das Kloster Einsiedeln (hier auf einer Fotografie um 1900) wäre im 19. Jahrhundert fast zum Bischofssitz eines neuen Innerschweizer Bistums geworden. (Bild: Keystone)

In einer Umfrage sollen sich die Mitarbeiter des Bistums Chur, die römisch-katholischen Körperschaften sowie die Regierungen der betreffenden Kantone zur Frage äussern, ob die Zürcher Katholiken ein eigenes Bistum erhalten sollen, wie sie dies wiederholt gefordert haben. Ebenfalls gestellt wird die Frage nach einem Bistum Urschweiz (Ausgabe vom 8. März). Mit der Bistumsaufteilung wird ein Thema aufgegriffen, das in der schweizerischen Kirchengeschichte seit 1814 immer wieder diskutiert wurde – und in den von Chur provisorisch administrierten Bistumsteilen Zürich, Glarus, Uri und Unterwalden bis heute nicht gelöst ist.

Ein Schweizer «Nationalbistum»?

Der grösste Teil der deutschsprachigen Schweiz gehörte seit dem 7. Jahrhundert zum «alemannischen» Bistum Konstanz. Entscheidende Änderungen traten erst im frühen 19. Jahrhundert als Folge der Napoleonischen Kriege ein. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss von Regensburg im Jahr 1803 äusserten die Kantone den Wunsch, dass die staatlichen und kirchlichen Grenzen künftig zusammenfallen sollten. Sie forderten deshalb die Loslösung des eidgenössischen Staatsgebietes von der Diözese Konstanz.

Diesem Begehren entsprach Papst Pius VII. Er verfügte 1814 mit einem päpstlichen Schreiben die Abtrennung der schweizerischen Teile des Bistums Konstanz. Zwar hielt er im Schreiben fest, er «wolle neue Bischofssitze errichten». Allerdings fehlte es dazu in den Kantonen vorerst an klaren Vorstellungen und Einigkeit.

Bistümer der Schweiz. (Bild: Oliver Marx / Neue LZ)

Bistümer der Schweiz. (Bild: Oliver Marx / Neue LZ)

Bereits 1816 wurde von dreizehn eidgenössischen Ständen an einer Konferenz in Luzern ein «Nationalbistum» mit Bischofssitz in Luzern gefordert; dieser Plan wurde aber dann ein Jahr später in einer weiteren Konferenz in Bern mehrheitlich abgelehnt. Im Frühjahr 1818 lag ein Entwurf zu einem Bistumsvertrag vor, der Luzern und die Urkantone dem Bistum Basel anschliessen wollte; dieser Entwurf wurde in der Urschweiz eher ablehnend aufgenommen. Die Urkantone, besonders Schwyz, setzten sich 1818 wieder für ein Innerschweizer Bistum ein, bestehend aus den Urkantonen sowie Glarus und Zug, mit Sitz in Einsiedeln. Der Abt von Einsiedeln, Konrad Tanner, lehnte diese Idee jedoch ab – er wollte Abt bleiben und nicht Bischof werden.

Provisorische Unterstellung

1819 unterstellte der Papst die ehemals konstanzischen Gebiete dem Bischof von Chur zur provisorischen Administration ad personam. Das Bistum Basel, das mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 untergegangen war, wurde 1828 in einem Konkordat wiederhergestellt, wobei der Bischofssitz nach Solothurn kam. Mit dem Vollzug dieses Konkordats schieden 1830 die Kantone Solothurn, Luzern, Zug, Aargau, Thurgau und Bern aus der provisorischen Administration durch das Bistum Chur aus.

Die Konkordate über die Errichtung der Bistümer Basel und St. Gallen enthalten die sogenannte Mindergenehmheitsklausel: Das heisst, der zu wählende Bischof darf den Kantonsregierungen (Basel) beziehungsweise dem katholischen Grossratskollegium (St. Gallen) «nicht minder genehm sein». Von der von den beiden Domkapiteln aufgestellten Sechserliste der Kandidaten beansprucht im Bistum Basel die Diözesankonferenz ein umfassendes Streichungsrecht. Diese Klausel ist bis heute ein kirchenrechtliches Unikum. Nach 1819 bemühten sich die Urkantone um einen definitiven Anschluss an das Bistum Chur – es kam aber mit Rom keine Einigung zu Stande. Schwyz schloss sich darauf 1824 im Alleingang Chur an.

Bischof bekam kalte Füsse

Uri und Unterwalden suchten nun den Anschluss an das Bistum Basel. Mit einem päpstlichen Schreiben erhielten die Kantone 1830 die Erlaubnis, sich dem Bistum Basel anzuschliessen. Kurze Zeit später schlossen sie eine Konvention, in der sie der Diözese Basel inkorporiert wurden. Der Papst erteilte dem Vorhaben im Herbst 1831 definitiv seinen Segen. Das hätte für die Inkorporation ausgereicht. Uri wollte allerdings noch das Einverständnis der übrigen Kantone einholen, bevor das Schreiben veröffentlicht wurde. Die von den Liberalen nach 1831 verfolgte revolutionäre Politik verängstigte den Bischof von Basel, Josef Anton Salzmann, dann aber derart, dass er die Veröffentlichung des päpstlichen Schreibens verhinderte. Die Eingliederung der beiden Urkantone ins Bistum Basel wurde nicht publiziert, und nach 1839 wurden Uri und Unterwalden wieder Chur zugeschlagen – allerdings nur provisorisch.

Die Idee eines Bistums Urschweiz

Als 1861 das Ordinariat, die bischöfliche Verwaltung, in Chur Uri und Unterwalden die provisorische Zugehörigkeit zum Bistum aufkündigte, kam die Bistumsfrage wieder auf die Traktanden. Diesmal war es Obwalden, das im Januar 1861 mit einem Schreiben an Uri, Schwyz und Nidwalden den Plan eines Bistums der Urschweiz mit Sitz in Schwyz und nicht residierenden Domherren wieder aufgriff. Ein konkretes Ergebnis kam aber auch hier nicht zu Stande.

1909 wurde die Bistumsfrage vom damaligen Churer Bischof Georgius Schmid von Grüneck wieder aufgerollt. Nach Rücksprache mit dem Bundesrat lud er die Regierungen der provisorisch administrierten Kantone (Zürich, Uri, Obwalden und Nidwalden sowie Glarus) zu einer Konferenz ein, um die Frage eines Anschlusses an Chur zu erörtern. Einzig in den Kantonen Uri und Unterwalden gingen entsprechende Verhandlungen weiter, sie verliefen aber ohne Ergebnis.

Kein Verständnis für Mentalität

Lange blieb es in der Bistumsfrage ruhig, bis 1946 Josef Durrer im Obwaldner Kantonsrat eine Einzelinitiative einreichte mit dem Ziel, den Kanton Obwalden dem Bistum Basel zu unterstellen. Die Begründung für diese Initiative: Der Bischof von Chur zeige für die besonders geartete Mentalität der innerschweizerischen Bistumsangehörigen kein Verständnis. Er habe kirchliche Sonderrechte, auf die sich die alten Eidgenossen sogar vor dem Papst berufen hätten, geschmälert. Der Bischof von Basel sei da anders, er sitze mit den Regierungen zusammen und versuche mit ihnen auszukommen.

Widerborstige Zürcher

Nicht weniger spannungsgeladen war das Verhältnis von Zürich zum Bistum Chur. Die provisorische Unterstellung der Zürcher Katholiken unter das Bistum Chur von 1819 akzeptierte der Regierungsrat erst im Jahr 1844. Aber bereits 1873 wurde diese Anerkennung wieder aufgehoben – zu gross waren die kulturellen Unterschiede zwischen Zürich und Chur. Die Katholiken von Zürich nähmen den Bischof von Chur lediglich noch «auf die Stör», soll sich Bischof Georgius Anfang des 20. Jahrhunderts beklagt haben.

Nachdem Papst Johannes Paul II. am 25. März 1988 den bischöflichen Kanzler Wolfgang Haas zum Bischofskoadjutor des Bistums Chur unter Umgehung der Mitwirkungsrechte des Domkapitels ernannt hatte, begehrten das Kirchenvolk und der Klerus in Zürich und in der Urschweiz gegen die Administration durch Chur auf. Man berief sich auf das Dekret «Etsi salva» von 1948, wonach im Bistum Chur das Domkapitel Wahlgremium ist. Durch die Ernennung von Wolfgang Haas zum Bischofkoadjutor mit Nachfolgerecht wurde dieses Privileg verletzt. In ihrem Unmut forderten die Zürcher Katholiken ein eigenes Bistum. Und in Obwalden reichte am 21. Juni 1990 Kantonsrat Giann Theler ein Postulat ein, das «in Verbindung mit den zuständigen Instanzen die notwendigen Schritte für eine Änderung der Bistumszugehörigkeit» verlangte.

Definitive Zuteilung?

Die Frage einer Neueinteilung des Bistums Chur wurde aber damals nicht grundsätzlich angegangen und gelöst. Man trennte lediglich das Fürstentum Liechtenstein kirchlich vom Bistum Chur ab. Es wurde zum Erzbistum Vaduz erhoben mit Wolfgang Haas als Erzbischof. Auf Haas folgte in Chur Amédée Grab, der zusammen mit den beiden Weihbischöfen Peter Henrici und Paul Vollmar dem Bistum vorstand. Nach ihrem altersbedingten Rücktritt übernahm Vitus Huonder das Bischofsamt.

Bischof Huonder ergreift nun die Initiative zu einer Aufteilung des Bistums Chur. Er kommt auf die Frage eines Bistums Zürich zurück und stellt auch ein Bistum Urschweiz zur Debatte – und will wohl damit auch die Frage einer definitiven Bistumszuteilung der Administrationsgebiete Uri, Obwalden, Nidwalden und Glarus angehen. Mit der Residenz von Weihbischof Paul Vollmar als Generalvikar der Urschweiz in Sarnen wurde ja seinerzeit sozusagen der Anfang für ein Bistum der Urschweiz gelegt.

Hinweis

Angelo Garovi (72) war Staatsarchivar des Kantons Obwalden und Linguistikprofessor an der Universität Basel; er hat verschiedene Aufsätze über die Bistumsfrage in der Schweiz publiziert.