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KLIMA: 1816 – das Jahr ohne Sommer

Das Wetter macht einige Kapriolen. Es könnte aber weit schlimmer kommen – mit einem Jahr, in welchem es jeden Monat schneit. Das gab es bei uns vor 200 Jahren.
Christian Satorius
Weltweit verheerende Folgen: Bilder des gigantischen Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa von 1815 gibt es keine, aber ungefähr so könnte das Inferno ausgesehen haben. (Bild: Illustration PD)

Weltweit verheerende Folgen: Bilder des gigantischen Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa von 1815 gibt es keine, aber ungefähr so könnte das Inferno ausgesehen haben. (Bild: Illustration PD)

Die eigentliche Katastrophe beginnt am Abend des 5. Aprils 1815. Als der Vizegouverneur von Java, Sir Thomas Stamford Raffles, die ersten Explosionen hört, hält er sie für Kanonenschüsse und gibt Befehl, den Nachbarposten von Djocjocarta aus mit britischen Truppen zu verstärken. Doch es ist kein Angriff feindlicher Soldaten, etwas Schlimmeres bahnt sich an, etwas sehr viel Schlimmeres – eine Katastrophe wahrhaft globalen Ausmasses: Der Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa bricht aus, und das hört man ganze 2500 Kilometer weit.

Flammendes Inferno

Schon 1812 hatte es erste Erdstösse gegeben, doch jetzt macht der Vulkan Ernst. Der donnernden Eruption am Abend des 5. Aprils 1815 folgen Niederschläge vulkanischer Asche. Am 10. April beginnt der Tambora förmlich zu explodieren. Drei riesige Flammensäulen schiessen über ihm in die Höhe und vereinen sich schliesslich zu einem flammenden Inferno, das ganze fünf Tage lang wütet. Es ist der schlimmste Vulkanausbruch seit über 20 000 Jahren. Mit der Sprengkraft von 170 000 Hiroshima-Bomben werden atemberaubende 140 Milliarden Tonnen vulkanisches Material ausgestossen. Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der 2010 den europäischen Flugverkehr lahmlegte, nimmt sich im Vergleich fast vernachlässigbar aus. Der Tambora büsst bei seinen Eruptionen eineinhalb Kilometer seiner ursprünglichen Grösse von 4300 Metern ein.

Die Folgen sind verheerend – und zwar für weite Teile der Welt. Etwa 10 000 Menschen sterben sofort, unter ihnen fast alle 4000 Bewohner der elf Dörfer Sumbawas, die von der glühenden Lava begraben werden. Doch eine noch viel grössere Gefahr lauert in mehreren Kilometern Höhe in der Atmosphäre. Die ungeheuren Mengen vulkanischen Materials, deren kleinste Partikel bis hinauf in die Stratosphäre geschleudert werden, legen sich wie ein riesiges Leichentuch über den gesamten Planeten und verdunkeln die Sonne. Das Klima kühlt sich ab. Es wird kalt auf der Erde, bitter kalt. Das folgende Jahr 1816 geht als «Jahr ohne Sommer» in die Geschichte ein.

Hunger in der Zentralschweiz

In der Schweiz schneit es 1816 jeden Monat mindestens einmal bis auf 800 Meter hinunter, am 2. und 30. Juli bis ins Flachland. Wie in anderen Gebieten vor allem nördlich des Alpenhauptkamms gibt es eine katastrophale Missernte, begleitet von Hungersnöten, die speziell in der Zentralschweiz ausgeprägt sind. Chronisten berichten später, dass im Kanton Schwyz «die Kinder oft im Gras geweidet haben wie die Schafe».

Auch anderswo kommt es zu Missernten mit Hungersnöten, begleitet von Krankheiten und Aufständen. Historiker gehen davon aus, dass an den Folgen des Tambora-Ausbruchs damals mehr als 100 000 Menschen ihr Leben verlieren. Die Welt gerät aus den Fugen – aufgrund eines Vulkanausbruchs in Indonesien, der aber nach heutigen Erkenntnissen nicht allein verantwortlich war. Es hat sehr wahrscheinlich Vorläufereruptionen gegeben, keine aber so gewaltig wie jene vom April 1815.

Fantastische Sonnenuntergänge

«Bei Vulkanausbrüchen werden ja nicht nur Lava und Aschepartikel freigesetzt», sagt Peter Bissolli vom Deutschen Wetterdienst. «Eine besondere Rolle für das Klima spielen schwefelhaltige Gase, die zu Schwefeldioxid oxidieren und sich dann weiter in sulfathaltige Staubteilchen umwandeln. Ab etwa 3 Millionen Tonnen Schwefeldioxid, die in die Stratosphäre emittiert werden, entsteht ein merklicher Klimaeinfluss.» Der Tambora spuckt im April des Jahres 1815 aber keine 3 Millionen Tonnen aus, sondern 130 Millionen Tonnen Schwefeldioxid. Und die kann man sehen, sogar heute noch.

Die Sonnenuntergänge, die aufgrund der Vulkanpartikel in der Atmosphäre damals über Jahre hinweg in einer nie zuvor gesehenen Farbenpracht erstrahlen, sind durch die Gemälde bedeutender Künstler wie des englischen Malers William Turner oder auch des deutschen Romantikers Caspar David Friedrich bis heute unvergessen.

«Frankenstein» und «Vampyre»

Aber auch die schreckliche Seite des vulkanischen Winters hat sich bis zum heutigen Tag erhalten. Unter dem Eindruck des nasskalten sturmgepeitschten Wetters im «Jahr ohne Sommer» 1816 vertreibt sich eine heute geradezu legendäre literarische Gesellschaft besserer Herkunft ihre Zeit am Genfersee mit dem Erzählen von Gruselgeschichten. Die damals 18-jährige Mary Godwin und spätere Mary Shelley inspiriert die düstere Atmosphäre am Genfersee zu ihrem Horror-Bestseller «Frankenstein». «Die Gewitter, die uns heimsuchen, sind so gewaltig und schrecklich, wie ich nie welche erlebt habe», notiert sie in ihre Aufzeichnungen. Frankenstein-Wetter.

John Polidori ist ebenfalls tief beeindruckt von der schauderhaften Witterung: Sein «The Vampyre» ist die allererste Vampir-Erzählung überhaupt. Sie entsteht unter dem Eindruck des Vulkanwinters 1816. Der britische Dramatiker Lord Byron hingegen geht in seinem Gedicht «Darkness» (engl. «Finsternis») noch einen Schritt weiter. Er bezieht nicht nur die düstere Atmosphäre des Vulkanwetters 1816 mit ein, sondern auch dessen Folgen. «Mit Wahnsinns Unruh’blickten sie zum Himmel. Dem Leichentuch der Welt», schreibt er.

Die Realität sieht in der Tat grauenhaft aus, nicht nur 1816. Nasskaltes Wetter produziert eine Missernte nach der anderen. Mensch und Tier verhungern. In der Schweiz muss der Notstand ausgerufen werden. In England kommt es zu blutigen Aufständen. Carl von Clausewitz bereist im Frühjahr 1817 das Rheinland, also ganze zwei Jahre nach dem Ausbruch des Tamboras, und ist entsetzt: «Ich sah stark geschwächtes Volk, kaum mehr menschlich.» In Asien wiederum bricht die Cholera aus und beginnt mit einer der grössten Pandemien in der Geschichte der Menschheit ihren Seuchenzug um die ganze Welt.

Ursache lange unklar

«Die Menschen ahnten damals allerdings nicht», sagt Gillen D’Arcy Wood, «dass ein weit entfernter Vulkanausbruch all dies verursacht hatte.» Der Experte für Nachhaltigkeitsstudien an der Universität von Illinois resümiert: «Die geophysikalische Kette, die Vulkanismus und Klima verbindet, konnte erst gut 100 Jahre später schlüssig bewiesen werden.»

Eine Warnung gibt uns D’Arcy mit auf den Weg: «Wenn ein drei Jahre währendes Klimaereignis zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu solch einer Zerstörung fähig war und die menschlichen Angelegenheiten in einem derartigen Umfang umgestalten konnte, dann müssen die künftigen Auswirkungen eines sich über viele Jahrhunderte hinziehenden Klimawandels wirklich jeden Rahmen sprengen.»

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